UKL-Seelsorger Michael Bauer über die Herkunft des Weihnachtslied-Klassikers
In seinem Spielfilm „Das ewige Lied“ beschreibt Regisseur Franz Xaver Bogner das Leben der Salzach-Schiffer und ihrer Familien in Oberndorf bei Salzburg, nachdem durch den Wiener Kongress das Salzburger Land von Bayern getrennt wurde und zu Österreich kam.
Aus diesem Film ist mir die große Armut der Menschen im Gedächtnis geblieben, aber auch das Machtbewusstsein des größten Arbeitgebers, der zumindest äußerlich ein angenehmes Leben führt und der das Monopol der Schiffer auf den Salztransport brechen will. Das hätte diesen die wirtschaftliche Grundlage zum Leben genommen. Im Stille-Nacht-Museum Oberndorf sind beeindruckende Zeugnisse aus dem Leben, von den Traditionen und dem Stolz der Schiffer ausgestellt.
In diesem Umfeld mit Neuordnung der Herrschaftsbereiche, Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg, Angst vor der Zukunft und täglichem Kampf um das Nötigste, aber auch Selbstbehauptung, entstand das bekannte Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Dessen Text wurde von dem damals in Oberndorf tätigen Pfarrer Joseph Mohr bereits einige Jahre zuvor geschrieben. Der Lehrer und Kantor Franz Xaver Gruber hat die Melodie dazugesetzt und beide, Mohr und Gruber, führten es am Heiligen Abend 1818 gemeinsam in der Kirche zu Oberndorf auf.
Durch einen Orgelbauer gelangte das Lied ins Zillertal, wo es bereits zum nächsten Weihnachtsfest gesungen wurde. Einige Jahre später begann der Lauf des Liedes um die Welt und dabei spielte auch Leipzig eine wichtige Rolle. Hier bot die Familie Strasser aus dem Zillertal unter anderem Handschuhe und Wäsche auf dem Weihnachtsmarkt an, wobei die Kinder der Familie traditionelle Tiroler Lieder sangen. Die Zuhörer waren von den „trefflichen Natursängern“ und Stille Nacht begeistert. So kam es, dass es zur Christmette 1831 in der katholischen Kapelle der Pleißenburg gesungen wurde und vor der Abreise der Strassers auf Bitten der Zuhörer auch in der Pause eines Gewandhauskonzerts. 1833 wurde das Lied in Dresden gedruckt und 1840 in New York.
Die Melodie von Stille Nacht hat die Form eines Wiegenlieds. Mag sein, dass dadurch die Herzen der Menschen berührt wurden und in ihnen die Sehnsucht nach Geborgenheit anklingen ließ. Inmitten ihres harten Alltags ist das sehr verständlich. Aber nicht nur die Melodie trug wohl zum Erfolg des Liedes bei, sondern auch der Text, der die Bedeutung des Weihnachtsfestes beschreibt und in dem Ausruf gipfelt: Christ, der Retter, ist da!
Wenn ich Stille Nacht singe, dann einerseits im Gedenken an die Menschen, die uns dieses Lied schenkten, die es in Ängsten, aber auch auf Rettung hoffend sangen. Andererseits denke ich daran, wie „Christ, der Retter“ wirkt – oft anders als erwartet – eben auch als ein gefährdetes, neugeborenes Kind in einer stillen Nacht. Wenn Menschen zusammenfinden, vielleicht beseelt vom Staunen über das Leben, dann werden nicht alle Probleme, nicht alle Sorgen und nicht jede Not verschwinden, aber sie sind nicht mehr mit alldem allein. Die Welt erscheint dann in einem anderen Licht. In dem anfangs erwähnten Film wird das beim Singen von Stille Nacht eindrucksvoll dargestellt. Das Strahlen in den Augen derer, die vertrauen und hoffen, kann zu einem liebevollen Blick in die Welt werden. Manchmal entdecke ich so ein Strahlen in den Augen meiner Mitmenschen und denke: Das ist doch ein guter Anfang.
Liebe Leserin, lieber Leser, ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben eine segensreiche Adventszeit, fröhliche Weihnachten und ein gutes, friedliches, gesundes neues Jahr 2026!
Ihr Klinikseelsorger Michael Bauer