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Pressemitteilung vom 15.09.2023

Woche der Wiederbelebung 2023: Man muss frühzeitig an der Überzeugung arbeiten

Ereignis, Reanimation, Krankenhaus: Prof. Sirak Petros, Leiter der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin am UKL spricht im Interview über Folgen der Wiederbelebung

Prof. Sirak Petros (Mi.) verfolgt, ebenso wie die Medizinstudentin im Praktischen Jahr Luise Kösser (li.), die Behandlung eines Intensivpatienten durch Dr. Sven Fikenzer (re.). Im Interview spricht Prof. Petros unter anderem über die Folgen einer Wiederbelebung auf den Organismus.

Prof. Sirak Petros (Mi.) verfolgt, ebenso wie die Medizinstudentin im Praktischen Jahr Luise Kösser (li.), die Behandlung eines Intensivpatienten durch Dr. Sven Fikenzer (re.). Im Interview spricht Prof. Petros unter anderem über die Folgen einer Wiederbelebung auf den Organismus.

Leipzig. Er zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland: Der plötzliche Herzstillstand trifft Schätzungen zufolge 80.000 bis 100.000 Menschen pro Jahr – die meisten davon außerhalb eines Krankenhauses. Damit sind sie auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen. Mit "Prüfen. Rufen. Drücken.", der Formel für die sogenannte Laien-Reanimation, können sie zum Lebensretter werden. "Prüfen. Rufen. Drücken." ist denn auch die Botschaft der Kampagne "Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation", mit der der Berufsverband Deutscher Anästhesisten e. V. (BDA) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) seit 2012 für die Wiederbelebung durch Laien werben – mit Erfolg, denn mittlerweile ist die Quote der sogenannten Laien-Reanimation in Deutschland von damals unter 20 Prozent auf über 40 Prozent gestiegen. Das Ergebnis macht vielen Anästhesist:innen und Intensivmediziner:innen Mut, ihr Ziel, eine Laien-Reanimationsquote von mindesten 65 Prozent im Jahr 2025, doch noch zu erreichen, und damit die Zahl der Todesfälle durch einen plötzlichen Herzstillstand in Deutschland entscheidend zu senken.
Warum es Kampagnen wie "Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation" braucht, darüber spricht Prof. Dr. med. habil. Sirak Petros, Facharzt für Innere Medizin, Internistische Intensivmedizin, Hämostaseologie und leitet die Interdisziplinäre Internistische Intensivmedizin am Leipziger Universitätsklinikum.

Wenn ein Mensch zusammenbricht, nicht mehr atmet und auch sonst keine Lebenszeichen zeigt, ist dringend Hilfe geboten. Wie sieht diese im Idealfall aus?

 

Prof. Dr. med. Sirak Petros: Im Idealfall wäre ein erfahrener Notarzt in der Nähe, der dann sofort damit anfängt, die Wiederbelebung in Gang zu bringen. Dieser ideale Fall kommt aber praktisch nur im Krankenhaus vor oder wenn zufällig ein Notarztwagen danebensteht. In aller Regel ist der sogenannte Idealfall der: Jemand beobachtet diesen Zusammenbruch. Dieser Jemand - das kann ein Fremder, ein Freund oder auch ein Familienmitglied sein - ist meist ein Laie und sollte eigentlich nur wenige Dinge tun. Das eine ist, denjenigen, der kollabiert ist, laut zu rufen, wenn er keine Reaktion zeigt, einen Notruf abzusetzen und sofort mit der Herzdruckmassage zu starten. Das ist der Idealfall. Viel ist das nicht.

 

 

So viel zur Theorie. In der Praxis scheuen sich viele Menschen davor, eine leblose Person wiederzubeleben. Die sogenannte Laien-Reanimationsquote lag 2021 hierzulande bei 42,6 Prozent. Welche Konsequenzen hat das für die betroffenen Patient:innen?

 

Ich kann das vielleicht an zwei Beispielen aufzeigen: Wir hatten eine etwa Mitte 50-jährige Frau, die ist auf der Straße kollabierte. Zwei junge Leute, zwei Laien, waren dabei und haben sofort einen Notruf abgesetzt und mit der Herzdruckmassage angefangen. Und sofort heißt wirklich sofort, nachdem sie kollabiert ist. Die Frau ist dann mit dem Notarztwagen zu uns gebracht worden - künstlich beatmet und mit allem versorgt, was notwendig war - und hat in nicht einmal 36 Stunden die Intensivstation wach laufend verlassen. Ein genau gegenteiliges, tragisches Beispiel ist das einer 35-jährigen Frau. Sie fiel in der Nähe mehrerer Leute um, die aber nur den Notruf absetzten. In den fünf bis sechs Minuten, die das Notteam ja leider braucht, in Leipzig sind es im Durchschnitt sieben bis zehn Minuten, eher geht es leider nicht, wurde nichts gemacht. Die Frau lag da, wie sie lag, bewusstlos, wurde nicht wach, und das ist für die Betroffenen eine Tragödie. 

Das Problem ist, dass unser Körper vom laufenden Kreislauf abhängig ist, dass der Sauerstoff, den wir über unsere Lunge aufnehmen, dort ankommt, wo er gebraucht wird. Wenn wir kollabieren und aufhören, zu atmen, haben wir zwar immer noch Sauerstoff im Blut, aber es bewegt sich nicht, wenn der Kreislauf nicht funktioniert. Das heißt, die Organe bekommen den Sauerstoff, der noch im Blut ist, nicht, worauf unsere Organe sehr unterschiedlich reagieren. Die meisten erholen sich von einem Sauerstoffmangel, nur ein Organ schafft es kaum: Das ist das Gehirn. Deshalb sind diese ersten Minuten für die Patient:innen so wichtig. Verzögert sich die Wiederbelebung, wird ihr Gehirn unwiederbringlich geschädigt. 

Und das ist die eigentliche Tragödie für die betroffenen Menschen: Werden sie nicht sofort wiederbelebt, kommt irgendwann das Notteam und belebt sie wieder. Sie haben wieder Kreislauf, viele Körperorgane erholen sich langsam. Nur das Gehirn erholt sich leider nicht, sodass wir diese Patient:innen dann trotz einer erfolgreichen Wiederbelebung ihres Kreislaufs einige Tage später aufgrund des schweren Hirnschadens aufgeben müssen. Daran verlieren wir leider sehr viele Patient:innen, die wiederbelebt wurden: Aufgrund ihres schweren Hirnschadens müssen wir sie aufgegeben, weil z. B. die Angehörigen sagen, so ein Leben im Koma hätte er oder sie nicht gewollt, oder wir auch sagen müssen, dass ein Leben mit diesem schweren Schaden im Gehirn nicht möglich ist. Und genau das war der Fall bei der jungen Frau.

 

Zeit ist also ein entscheidender Faktor bei der Reanimation. Welche Erfahrungen machen Sie als Leiter der Internistischen Intensivmedizin am UKL hierzu auf Ihrer Station: Wie geht es den Menschen, die schnell wiederbelebt wurden, verglichen mit denen, die mit Verzögerung reanimiert wurden?

 

Wenn Menschen, die wiederbelebt wurden, ins Krankenhaus kommen, sind sie in den ersten 72 Stunden in einer Art Schwebezeit. Das ist die Zeit, in der wir den Kreislauf stabilisieren, und schauen, ob sich die Körperfunktionen erholen. Diejenigen, die vor Ankunft im Klinikum gut versorgt worden sind, zeigen in diesen ersten 72 Stunden eine Besserung: Der Kreislauf wird besser, ihre Hirnfunktion auch, so dass wir manche schon drei, vier Tage nach dem Kollaps in einem guten Zustand verlegen können. Es gibt aber auch Patient:innen, die leider kaum Lebensqualität zurückgewinnen. Bei diesen müssen wir nach 72 Stunden dann nach international akzeptierten Kriterien entscheiden: Sind die Schäden im Gehirn so groß, dass man erwarten muss, dass bei diesen Patient:innen ein Überleben gar nicht möglich ist, besprechen wir das mit den Angehörigen. Wir erfragen die Wert- und Wunschvorstellungen der Patientin oder des Patienten, und in vielen Fällen sagen dann aber die Angehörigen, so ein Leben wäre nicht in ihren bzw. seinem Sinn. Dann wird die Therapie abgebrochen. 

Und dann gibt es dazwischen Menschen, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, wie sich das Gehirn entwickelt. Das sind dann die, die wir nach Abschluss der intensivmedizinischen Behandlung in ein neurologisches Rehabilitationszentrum verlegen, um diese Unsicherheit auszuräumen. Nach Abschluss der Rehabilitationsmaßnahme wird mit den Angehörigen dann besprochen, was ist der aktuelle Stand? Hat er sich gebessert, so dass die Patientin oder der Patient wieder ihr bzw. sein Leben führen kann? Oder wird sie bzw. er ein Pflegefall? Auch diese Tatsache, ein Pflegefall werden zu müssen, wird mit den Angehörigen besprochen, ob das auch im Sinne der Patient:innen ist.

Die Tragödie für die Betroffenen ist, dass sie entweder innerhalb der ersten Tage nach ihrem Kollaps aufgrund eines schweren Hirnschadens sterben oder, wenn sie es doch geschafft haben sollten, mit Pflegebedürftigkeit enden, weil sie viele Dinge gar nicht mehr können. Deshalb ist unsere Vorstellung, die Gesellschaft wachzurütteln und zu sagen, dass man bei der Wiederbelebung nichts falsch machen kann. Wenn ich auf den Brustkorb drücke, kann ich natürlich die Rippen brechen, das passiert auch häufig. Aber das ist nicht schlimm, das kann man wieder korrigieren. Schlimmer ist, dass man gar nichts macht.

 

Wenn man sich die Statistik anschaut, sieht man, dass die Überlebenschance von Menschen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand in den skandinavischen Ländern wesentlich höher ist als in Deutschland. Was machen Länder wie zum Beispiel Dänemark anders?

 

Sie fangen schon in den Grundschulen an mit Wiederbelebungstraining. Das ist bei denen Standard, weil es einfacher ist, einem Kind etwas beizubringen. Das ist wie im normalen Leben. Kinder sind ja für viele Dinge leicht zu begeistern. Sie machen Dinge, die ich mich als Erwachsener nicht traue, zum Beispiel beim Schwimmen irgendwo herunterzuspringen: Wenn ich als Erwachsener anfangen würde, Schwimmen zu lernen und vom Drei-Meter-Brett herunterzuspringen, würde ich vorher eine Stunde lang überlegen, ob das eine gute Idee ist oder nicht. Kinder denken darüber nicht nach, weshalb es leichter ist, ihnen etwas beizubringen. Und wenn man Wiederbelebung vernünftig erklärt und immer wieder trainiert, behalten sie die Dinge und wenden sie auch an, so dass sie irgendwann zum Automatismus werden. Das Problem bei Erwachsenen ist, dass sie anfangen, nachzudenken: ob sie alles richtig machen oder ob sie vielleicht verklagt werden können, und am Ende finden sie irgendwelche Begründungen, lieber nichts zu tun. Bei einem Kind passiert das nicht. Und das ist der große Unterschied bei den Dänen: Sie trainieren ihre Kinder im Grundschulalter in Wiederbelebung. Bei uns ist das leider nicht der Fall. Bei uns sagt man, Wiederbelebungstraining haben doch alle beim Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gehabt. Ja, aber das haben sie ja nicht gemacht, weil sie daran geglaubt haben oder überzeugt davon waren, dass es gut ist, Wiederbelebung zu lernen. Sie haben es gemacht, weil sie den Nachweis brauchten, um ihren Führerschein zu bekommen. 

 

Was kann man daraus für die Laienreanimation in Deutschland lernen?

 

Wiederbelebung muss Teil des Unterrichts werden. Es muss wie anderer Schulstoff auch bereits in der Schule gelehrt und trainiert werden, damit alle Schüler:innen damit schon erwachsen werden. Man kann Kindern viele Dinge beibringen, die sind lernfähig und können die Dinge automatisieren. Und man muss an der Überzeugung arbeiten. Da sind wir wieder bei der Fahrschule: Es kann nicht sein, dass man sagt, ich mache ein Wiederbelebungstraining im Erste-Hilfe-Kurs, damit ich meinen Führerschein bekomme, sondern es muss im Training die Überzeugung entstehen, ich muss wiederbeleben können, damit ich Menschen retten kann. Dann denke ich, können wir etwas erreichen.

 

Was würden Sie sich mit Blick auf das Thema Reanimation wünschen?

 

Wir sehen jedes Jahr Hunderte von Menschen, die nach einer Wiederbelebung auf diese Station kommen. Diese Schicksale jedes Mal zu sehen, macht mich einfach traurig. Wenn ich da Menschen sehe, die hätten gerettet werden können, die einfach nur gestorben sind, weil man in den ersten vier, fünf, sechs Minuten nichts gemacht hat, finde ich das erschreckend. Und ich hoffe, dass wir diesen Zustand eines Tages nicht mehr erleben müssen, weil die Bereitschaft, Wiederbelebung ab der ersten Minute durchzuführen, da ist. 

Natürlich wird es Betroffene geben, die am Ende vielleicht trotzdem sterben, weil die Grunderkrankung, die zu ihrem Kollaps geführt hat, vielleicht nicht mehr zu ändern ist. Das ist leider so. Das ist Schicksal. Was aber nicht passieren darf, ist, was nicht Schicksal ist: Es darf kein Schicksal sein, wo ich umfalle, sondern es muss jeder in der Gesellschaft bereit sein, einem Menschen in Not zu helfen. In der Not Geld zu spenden oder Ähnliches ist leicht gemacht, tatsächlich aber müssen wir daran arbeiten, Menschen zu retten, die innerhalb weniger Minuten ihr Leben verlieren, weil niemand etwas tut. Das erhoffe ich mir, dass diese Bereitschaft zur Laien-Reanimation eines Tages nicht mehr nur bei 40 Prozent liegt, sondern sie sich in der Nähe von 100 Prozent bewegt. 

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