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Pressemitteilung vom 17.11.2020

Deutsche haben höheres Suizidrisiko als Migranten

Suizidraten des Herkunftslands, sozioökonomischer Status und Klima korrelieren mit Suizidrisiko

Deutsche haben einer Studie der Leipziger Universitätsmedizin zufolge ein höheres Suizidrisiko als hier lebende Migranten.

Deutsche haben einer Studie der Leipziger Universitätsmedizin zufolge ein höheres Suizidrisiko als hier lebende Migranten.

Das Suizidrisiko in der Bevölkerung ist unterschiedlich verteilt: Männer suizidieren sich etwa dreimal häufiger als Frauen in westlichen Industriestaaten. Zugleich haben Deutsche im Vergleich zu hier lebenden Migranten ein deutlich höheres Risiko. Das fand eine aktuelle Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Leipziger Universitätsmedizin heraus. Die Daten zeigen, dass das Suizidrisiko unter den größten Migrantengruppen in Deutschland von der Suizidrate des Herkunftslandes und dem aktuellen sozioökonomischen Status beeinflusst wird. Die Ergebnisse sind kürzlich im "Journal of Affective Disorders" erschienen.

Wer das Suizidrisiko von einzelnen Bevölkerungsgruppen kennt, kann sie mit passgenauen Präventionsangeboten unterstützen. Wissenschaftler um Dr. Daniel Radeloff, Gerald Brennecke und Dr. Franziska Stoeber von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums Leipzig, analysierten dazu zusammen mit Forschern aus Frankfurt und Bielefeld das Suizidrisiko unter den größten europäischen Migrantengruppen in Deutschland. Dazu verglichen sie die Suizidraten im Zeitraum von 2000 bis 2017 von Deutschen und Migranten aus der Türkei, Italien, Polen, Griechenland, der Ukraine, der Russischen Föderation, Rumänien, der Niederlande und Spanien. Die Zahlen stammen von den Forschungsdatenzentren der statistischen Landesämter.

Im Untersuchungszeitraum nahmen sich rund 200.000 Menschen in Deutschland das Leben, davon entfielen rund 9.000 Suizide auf Migranten. Bezogen auf die Bevölkerungsanteile waren die Suizidraten unter Deutschen rund doppelt so hoch wie unter Ausländern. „Ein Erklärungsansatz für das geringere Suizidrisiko unter Ausländern ist der healthy-migrant-Effekt. Migration ist mit vielen Herausforderungen verbunden: Migranten sind mit Sprachbarrieren, einem erschwerten Zugang zum Bildungssystem, zu medizinischen oder therapeutischen Hilfen konfrontiert. Doch das scheint sich nicht auf das Suizidrisiko zu übertragen. Man geht davon aus, dass sich die psychisch und körperlich Gesunden eher der Aufgabe stellen, in ein neues Land zu gehen und dort einen Neustart zu wagen“, erklärt Radeloff den Unterschied. Das Suizidrisiko unterschied sich stark zwischen den einzelnen Migrantengruppen. So waren beispielsweise Migranten russischer Nationalität im Vergleich zu Griechen einem 3.7-fach erhöhten Suizidrisiko ausgesetzt. Weil die Suizidraten unter Migranten mit den Suizidraten der Herkunftsländer korrelierten, folgern die Wissenschaftler daraus, dass einzelne Risiko- und protektive Faktoren des Herkunftslandes auch nach der Migration wirksam bleiben. Innerhalb der Gesamtbevölkerung der Migranten war die altersbezogene Suizidrate am höchsten in der Gruppe der Heranwachsenden und nahm mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab. 

Sozioökonomischer Status und Klima korrelieren mit Suizidrate

Neben Alter und Geschlecht haben die Forscher auch Klimadaten in ihre Auswertung mit einbezogen. Sie fanden eine starke Korrelation zwischen den Suizidraten und dem Klima des Herkunftslandes. Zwar wechselten die klimatischen Bedingungen für die meisten Migranten mit ihrer Einreise nach Deutschland, der Zusammenhang mit dem Klima des Herkunftslandes blieb aber bestehen. „Klimatische Bedingungen haben möglicherweise einen indirekten Einfluss auf das Suizidrisiko, indem sie genetische oder umweltbedingte Risiko- und Resilienzfaktoren langfristig beeinflussen. Letztere können auch nach der Einwanderung wirksam sein, obwohl die Klimazone während der Migration gewechselt wurde“, sagt Radeloff.

Eine weitere Korrelation ergab sich mit sozioökonomischen Faktoren. Eine Integration in das Berufsleben kann als protektiver Faktor gewertet werden. So waren zum Beispiel ein höheres Haushaltsnettoeinkommen oder auch eine höhere Wochenarbeitszeit mit niedrigeren Suizidraten assoziiert. Die Forscher interessierten sich auch für die Auswirkungen der Finanzkrise im Jahr 2008 auf die Suizidrate unter Migranten. Während in den stark betroffenen Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien die Suizidraten stiegen, hat sie unter den Migranten aus diesen Ländern in Deutschland abgenommen.

Originaltitel im "Journal of Affective Disorders":
“Suicide among immigrants in Germany”. DOI: 10.1016/j.jad.2020.05.038

Hinweis:

Journalistinnen und Journalisten werden gebeten, den Pressekodex der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zur Veröffentlichungen zum Thema Suizidalität zu beachten.

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