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Transgender-Netzwerk am UKL begleitet transsexuelle Personen auf dem Weg zu sich selbst

Verschiedene Fachdisziplinen sind einbezogen in die Therapie / Ein Betroffener erzählt seine Geschichte

„Es war ein unglaubliches Glücksgefühl nach der Operation. Ich bin aufgewacht, ins Bad geschlichen, habe die Verbände zur Seite geschoben und gesehen: Ich hatte keine Brüste mehr – endlich, herrlich. Ich hatte den Körper, den ich schon immer wollte." Tammo lächelt. Der bärtige 35-jährige Leipziger lebte jahrelang im Körper eines Mädchens und ist beharrlich einen langen Weg gegangen zum heutigen Aussehen. „Ich habe mich immer als Junge gefühlt. Nun passt alles: Ich sehe nun auch aus wie ein Junge."

Für transgeschlechtliche Personen wie Tammo haben Ärzte und Wissenschaftler der Universitätsklinik Leipzig ein Netzwerk aufgebaut, das den Betroffenen hilft, ihr empfundenes Geschlecht und ihren Körper in Einklang zu bringen. Am Anfang dieses Prozesses steht natürlich erst einmal die Frage, ob es sich wirklich um Transsexualität handelt.

Da ist Dr. Kurt Seikowski, Psychologe und Psychotherapeut im Zentrum für psychische Gesundheit, gefragt. „Ich erhebe eine Diagnose. Heißt die am Ende Transsexualität, dann ist das eine Erkrankung. Viele Transsexuelle wollen nicht krank genannt werden. Das verstehe ich, aber nur bei einer Erkrankung zahlt die Krankenkasse die Therapien. Und dann können von Ärzten und Patienten die sinnvollsten Methoden gewählt werden, den Leidensdruck zu nehmen."

​Es gibt dann viele Untersuchungen und viel Papierkram. Tammo erzählt: „Da waren Fragebögen auszufüllen, ein Lebenslauf mit den persönlichen Wendepunkten in der Sexualität zu schreiben, dann kam die humangenetische Untersuchung, die gynäkologische, die endokrinologische. Zwischendurch gab es immer wieder Gespräche mit Dr. Seikowski. Ein halbes Jahr später begann dann die Hormontherapie."


 Dr. Kurt Seikowski

Die Hormontherapie

​Hier kommt Dr. Haiko Schlögl ins Spiel. Der Endokrinologe der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie, Rheumatologie am UKL betreut am UKL die Patienten bei der Hormontherapie. Was keineswegs nur einfach eine Verschreibung von Medikamenten ist. Denn diese gegengeschlechtliche Hormon-Therapie ist ein erheblicher Eingriff, der zu weitreichenden und meist irreversiblen Konsequenzen führt und deshalb Risiken birgt.


 Dr. Haiko Schlögl

„Die Frau-zu-Mann-Therapie erfolgt durch Testosteron, entweder in Form eines Gels, das täglich auf die Haut aufgetragen wird, oder als Depot-Spritze, die ca. alle 3 Monate gespritzt wird. Die ersten erkennbare Effekte der Therapie wie beginnender Bartwuchs, Zunahme der Muskulatur oder eine tiefere Stimme sind meist bereits nach einigen Wochen zu bemerken, die maximalen Effekt werden oft erst nach mehreren Jahren erreicht. Einige der erzielten Veränderungen sind irreversibel."

All das kann Tammo bestätigen: Sein heutiger Vollbart wächst erst nach drei Jahren Hormontherapie. Auch wenn er schon immer für ein Mädchen recht breite Schultern hatte, kamen erst durch die medikamentöse Therapie richtige „Männer-Muckis".

Sechs Monate nach Beginn der Hormontherapie durfte Tammo den Antrag für eine geschlechtsangleichende Operation stellen. Den wiederum musste Dr. Seikowski unterstützen. Und für dessen Okay war wiederum der Besuch beim Psychiater nötig. „Habe ich alles geduldig gemacht. Ich wusste ja, worum es geht", blickt Tammo zurück. Und Dr. Seikowski erzählt, dass die Patienten aus gutem Grund viel Geduld aufbringen müssen: „Es ist eine Entscheidung, nach der es kein Zurück gibt. Deshalb werde ich immer vorsichtig, wenn Patienten sehr drängeln. Ich verstehe, dass sie das ganze Prozedere schnell hinter sich bringen wollen, um endlich an das Ziel zu kommen, das sie sich erträumen. Es ist aber eine Entscheidung fürs Leben. Und die will mit Bedacht gefällt werden."

Die Geschlechtsangleichende Operation

​Gemeinsam beantragen die plastischen Chirurgen am Uniklinikum und der Patient die Genehmigung der Operationen bei der jeweiligen Krankenkasse. Gibt es das Okay, dann wird Prof. Dr. Stefan Langer, Chef der plastischen und ästhetischen Chirurgie am UKL, aktiv. Er ist sozusagen der Fachmann für die Umgestaltung des sichtbaren Körpers im Brust- und Genitalbereich. Die unsichtbaren, aber sehr wesentlichen Veränderungen im Unterleib (Entfernung von Eierstöcken und Gebärmutter) übernimmt Prof. Dr. Bahriye Aktas, Chefin der Universitäts-Frauenklinik.


 Prof. Dr. Bahriye Aktas


 

„Es sind alles sehr anspruchsvolle Operationen, auch weil wir Vertreter einer sehr patientenfreundlichen Chirurgie sind", sagt Prof. Langer. „Deshalb erfolgt beispielsweise für Transfrauen die Penis-zu-Scheide-Umgestaltung bei uns mit zwei Operationen im Abstand von drei Monaten. Ohne groß ins Detail zu gehen: Aus der Penishülle baue ich eine Vaginoplastik, also eine Scheide. Die Eichel wird zur Klitoris, Teile der Vorhaut und des Hodensackes zu Schamlippen. Äußerlich ist dann die von mir geschaffene Vulva kaum von einer natürlichen zu unterscheiden." Wird es gewünscht, kann eine weibliche Brust durch die Einlage von Implantaten aufgebaut werden. Dieser Eingriff wird von Prof. Aktas und von Prof. Langer vorgenommen. Aber nur etwa die Hälfte der Transfrauen entscheiden sich für eine solche Brust-OP.

Auch Transmänner nutzen nicht das gesamte Spektrum der möglichen Operationen. „Vor allem müssen aus ihrer Sicht die Brüste ab", hat Dr. Seikowski erfahren. „Bei allem unterhalb der Gürtellinie überlegen die Patienten sehr genau."

So hat sich auch Tammo dafür entschieden, im Genitalbereich nichts verändern zu lassen. „Die Risiken waren mir einfach zu groß. Deshalb habe ich alles so gelassen, wie es war. Mit der Konsequenz, dass ich weiter regelmäßig zum Frauenarzt gehe", erzählt er. „Sie sollten mal die Blicke sehen, wenn unter den Frauen im Wartezimmer ein bärtiger Mann sitzt und dann auch aufgerufen wird…"

​Dennoch wäre für Prof. Langer die Operation Scheide-zu-Penis auch kein Neuland. Er erklärt die Operationsschritte: „Aus einem Haut-Weichteil-Lappen vom Oberschenkel wird ein Penoid, geformt, in den ein künstlicher Schwellkörper eingesetzt wird. Die Schamlippen werden zum Hodensack, in den Hodenprothesen eingesetzt werden. Die Harnröhre wird ein Stück, aber nicht bis zur Penisspitze verlängert; das ist zu komplikationsbehaftet. Dennoch wird so das Wasserlassen im Stehen möglich."

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Prof. Dr. Stefan Langer

 

Während sich die Transmänner freuen, wenn sie keine Brüste mehr haben, ist es für die Transfrauen eine große emotionale Erfahrung, nach der OP an sich herunterschauen und keinen Penis mehr zu haben. „Das ist schon erstaunlich, was durch die Operationen, die die Krankenkassen voll bezahlen, an neuem Körpergefühl und Selbstwert entsteht", so Prof. Langer. „Das macht mich als Operateur – wir haben immerhin zwei bis drei solcher umfassenden Eingriffe im Monat – einerseits froh. Andererseits muss ich manchmal kurz innehalten vor einer geschlechtsangleichenden Operation. Ich zerstöre ja funktionierende Organe – das berührt einen Arzt durchaus."

Anlaufstelle in Mitteldeutschland

Tammo, der Soziologie, Pädagogik und Angewandte Sexualwissenschaften studierte, berät seit zehn Jahren im Leipziger RosaLinde e.V. Transpersonen psychosozial. Für ihn ist Dr. Seikowski der zentrale Anlaufpunkt für Transgender-Personen in Mitteldeutschland. Immerhin hat der Leipziger Psychologe im Jahr 2018 rund 420 Transsexuelle, im vergangenen Jahr sogar 605 betreut. Für all diese stellt das Netzwerk, das am UKL entstanden ist, einen großen Fortschritt dar. Denn nun finden die Betroffenen in Leipzig alle medizinischen Möglichkeiten, zu sich selbst zu finden.