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Geschichte der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde in Leipzig

​Universitäre Zahnmedizin hat in Leipzig eine außerordentlich lange Tradition.

1884 - 1906

​Am 16. Oktober 1884 begann Dr. med. Friedrich Louis Hesse als außerordentlicher Professor für Zahnheilkunde seine Lehrtätigkeit vor sieben Studenten in vier kleinen Räumen in der Leipziger Goethestraße 5 am ersten deutschen zahnärztlichen Universitätsinstitut. Vorher gab es in Deutschland noch keine eigentlichen Unterrichtsstätten für Zahnheilkunde. Der bisher als Anatom tätige Mediziner Hesse hatte deshalb bereits vor seiner Berufung während eines zweijährigen Studienaufenthaltes eine eigene intensive Ausbildung an zahnärztlichen Schulen von New York, Philadelphia sowie Boston absolviert und dabei die Notwendigkeit einer speziellen zahnmedizinischen Ausbildung in Deutschland erkannt. Sein von 1884 - 1897 als Privatunternehmen mit nur geringer staatlicher Subvention geführtes, ab 1898 vollstaatlich finanziertes, Institut entwickelte sich rasch sowohl hinsichtlich der Studentenzahlen als auch der räumlichen Ausdehnung. Im Todesjahr Hesses, 1906, waren bereits 44 Studierende eingeschrieben und das auf drei Etagen ausgedehnte Institut reichte nicht mehr für Lehre und Krankenversorgung aus.

1907 - 1945

​Ab dem Wintersemester 1907 / 08 erfolgte in Leipzig eine Aufzweigung des Gesamtfaches der Zahnheilkunde in zwei von zunächst außerordentlichen Professoren geführte Spezialabteilungen, die von Prof. Dependorf geleitete operativ-konservierende Abteilung und die von Prof. Pfaff geführte technisch-orthodontische Abteilung. Beide beantragten einen Neubau des Instituts. Dieser entstand in den Jahren 1908 - 1910 auf dem ehemaligen Schramm´schen Grundstück zwischen Nürnberger- und Carolinenstraße (jetzige Paul-List-Straße) in der Nürnberger Straße 57 nach damals modernsten Gesichtspunkten für eine Zahl von 100 Studenten. Pfaff, der als erster in Deutschland einen Lehrauftrag für Orthodontie erhielt, führte dieses zahnärztliche Teilgebiet als obligat ein. Durch eine Sondervorlesung verschaffte er der zahnärztlichen Materialkunde die gebührende Beachtung.Im Sommersemester 1909 wurden die Chemie und Physik der zahnärztlichen Technik und das Gussverfahren für Kronen und Brücken in den Unterrichtsplan aufgenommen.

Ebenso förderte Pfaff die vorklinische Ausbildung der Studenten und richtete im neu erbauten Institut neben anderen Funktionsräumen ein zahntechnisches Laboratorium für Anfänger mit 78 Arbeitsplätzen, ein zahntechnisches Laboratorium für Fortgeschrittene im ersten Obergeschoss sowie im Erdgeschoss einen Metallarbeitsraum mit 20 Arbeitsplätzen, einen Gipsraum und einen Sammlungsraum ein. Im Erdgeschoss entstand erstmals an einem zahnärztlichen Institut ein chemisch-physikalisches Laboratorium. Es diente hauptsächlich Forschungszwecken und nur anfänglich auch der Ausbildung. Der später zum Professor ernannte Dr. Schoenbeck las ab 1911 als Chemiker am Institut über zahnärztliche Werkstoffkunde mit Experimenten. 1919 wurde Dr. Kleeberg von Pfaff mit der Leitung der Vorklinik betraut, die er bis 1953 leitete.

Auf Pfaffs Betreiben erfolgte 1930 eine beachtliche Erweiterung des Institutes durch Angliederung der alten orthopädischen Klinik als Laboratoriumsgebäude, das noch heute als Hinterhaus mit dem Haupthaus durch einen Übergang verbunden ist. Die Einführung des Dr. med. dent. in Deutschland und der Aufbau des Zahnärztliches Materialprüfungsamtes in Berlin gehen auf seine Bemühungen zurück.

Nach Dependorfs Tod lag die Leitung des Institutes allein in Pfaffs Händen. Bereits kurz vor seinem Tod hatte Dependorf in einem Teil des Institutes eine eigene Lazarettabteilung für Kieferverletzte eingerichtet. Als junger Kieferchirurg kam Dr. Rosenthal hierher, der vor allem in der Wiederherstellungschirurgie tätig war. In dieser Zeit entwickelten sich auch die ersten Bemühungen um eine defektprothetische Rehabilitation kriegsversehrter Patienten.

Als Nachfolger Dependorfs kam 1919 Prof. Römer, seit 1906 Extraordinarius für Zahnheilkunde in Straßburg, nach Leipzig. Seiner bereits am 01. 10. 1916 erfolgten Berufung zum etatmäßigen außerordentlichen Professor für Zahnheilkunde konnte er erst nach dem Ende des ersten Weltkriegs durch Übersiedlung nach Leipzig folgen. Anlässlich seiner Amtseinführung wurde er zusammen mit Pfaff zum Ehrendoktor der Zahnheilkunde ernannt. Beide wechselten sich jährlich in der geschäftsführenden Direktion ab. Sein Extraordinariat wurde 1920 ebenso wie das von Prof. Reinmüller in Rostock als erstes in Deutschland in ein planmäßiges Ordinariat umgewandelt. Römer wurde am 31. Oktober 1928 als erster Vertreter des Fachs zum Rektor der Alma mater lipsiensis gewählt.

Der große Andrang von Studierenden nach dem ersten Weltkrieg veranlasste ihn zur Trennung der konservierenden von der operativen Abteilung. Als erster selbstständiger Direktor war hier Prof. Hille von 1923 bis 1938 tätig. So schrieben sich in dieser Zeit auch viele ausländische Studierende aus Bulgarien, Griechenland, Japan, Norwegen, Schweden und der Schweiz ein. 1920 waren 391 Zahnmedizinstudenten immatrikuliert. Als Hilfskräfte standen den Professoren Pfaff und Hille nur jeweils 7 Assistenten zur Verfügung.

Prof. Hauenstein folgte Prof. Römer nach dessen Emeritierung im Jahre 1934. Dieser wandelte die als Zahnärztliches Institut geltende, bis dahin rein poliklinische Behandlungsstätte in eine Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten um, indem er 1940 das dem Institut benachbarte Gebäude in der Paul-List-Straße 7 als eigene Krankenstation mit zunächst 37 Betten umbauen ließ.

Vorbesitzer des Gebäudes war die durch die Nationalsozialisten enteignete Pauliner Sängerschaft. Mitdirektor der Klinik war seit 1936 als Nachfolger Pfaffs Prof. Reichenbach, der 1947 einem Ruf an die Universität Halle folgte. Ihm ist der großzügige Ausbau der kieferorthopädischen und prothetischen Abteilung nach damals modernsten Gesichtspunkten zu verdanken.

Schwere Rückschläge in der Arbeit erlebte die Zahnklinik 1943. Zunächst verlor sie den seit 1938 als Nachfolger Prof. Hilles in der konservierenden Abteilung tätigen Direktor Prof. Greth durch Tod im Felde und am 04. Dezember 1943 wurde das Vordergebäude durch einen Bombenangriff großteils vernichtet.

1945 - 1961

​Prof. Kleeberg betreute ab 1942 auch als Extraordinarius das Fachgebiet der konservierenden Zahnheilkunde. Als 1946 die Leipziger Universität wieder eröffnet wurde, musste er neben der kommissarischen Leitung der gesamten Zahnklinik für die prothetischen Vorlesungen und die gesamte Lehre in der konservierenden sowie der chirurgischen Abteilung sorgen. Er wurde im Jahre 1949 zum ordentlichen Professor für das Fachgebiet Prothetik und Kieferorthopädie ernannt. Erst 1952 / 53 konnte der Unterricht wieder voll aufgenommen werden. 1949 studierten 121, 1953 bereits 350 Studenten. Unter seinem Ordinariat habilitierten sich Henkel, der später als ordentlicher Professor in der Poliklinik für Prothetische Stomatologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wirkte, und Weiskopf.

1962 - 1992

​Prof. Weiskopf übernahm im Jahre 1962 das Direktorat der Poliklinik für Prothetische und Orthopädische Stomatologie. 1967 wurde die vorklinische Ausbildung in das Physiologische Institut in der Liebigstraße verlagert. Vor allem in den 70iger Jahren erhöhte sich die Zahl der Studenten in der Vorklinik auf bis zu 180 in einem Jahrgang, da Leipzig die Ausbildung der Studenten bis zum Physikum für die Medizinische Akademie Erfurt übertragen war.

Unter dem Direktorat von Prof. Kleeberg (1944 -1962) oblagen die Aufgaben der Werkstoffkunde bis 1951 Henkel, von 1951 - 1958 Mayer und von 1958 bis zur Klinikübernahme 1962 Weiskopf. Der spätere Prof. Gehre erhielt 1962 einen Lehrauftrag verbunden mit der Leitung der Werkstoffkunde. 1968 wurde das Werkstoffkundelabor zur Abteilung der Poliklinik für Prothetische und orthopädische Stomatologie erweitert und 1969 zur Spezialabteilung des Bereiches Medizin der Universität Leipzig erklärt. Nach dem Ausscheiden Prof. Weiskopfs leitete Prof. Gehre ab dem Jahre 1992 kommissarisch die Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde.

1993 - 2016

​1993 wurde Prof. Reiber, der an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz eine Professur für Zahnärztliche Prothetik bekleidete, auf den Lehrstuhl für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde und 1994 als neuer Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde berufen. 1999 übernahm Prof. Jakstat als Nachfolger Prof. Gehres die Leitung des Bereichs Zahnärztliche Propädeutik und Werkstoffkunde.

​ab 2017

Im Jahr 2017 wurde Prof. Hahnel auf den Lehrstuhl für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde berufen und ist seit April 2018 Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde.

Geschichte der chirurgischen Prothetik und Epithetik in Leipzig

Im Jahre 1910 erfolgte die Einweihung des neuen Institutes in der Nürnberger Str. 57. Dort wies in der prothetisch-orthopädischen Abteilung (Direktor Prof. Pfaff) das neue Arbeitsgebiet "Zahn- und Gesichtsorthopädie" erstmals in Deutschland einen separaten Behandlungsraum für kiefer- und gesichtsversehrte Patienten auf. Zur gleichen Zeit wurde die "Zahn- und Gesichtsorthopädie" integraler Bestandteil der Studentenausbildung.

Die Haupttherapieschwerpunkte des klinischen Alltages waren die Versorgung von Patienten mit Kieferfrakturen sowie die Anfertigung von Resektionsprothesen und Epithesen. Das neue Fachgebiet war eng mit der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie anderen, medizinischen Disziplinen verbunden und wurde durch deren Entwicklung geprägt. Bedingt durch die rasanten Fortschritte auf dem Gebiet der Operationstechniken ergab sich ein erhöhter Behandlungsbedarf bei der Versorgung von kiefer- und gesichtsversehrten Patienten.

Als Epithesenmaterialien kamen Kautschuk, Zelluloid, Gelatine, Latex, Metall, Porzellan, Glas und Wachs, Kunstharz oder Kunststoffe zum Einsatz. Da aber keiner dieser Werkstoffe alle Anforderungen an ein ideales epithetisches Material, wie zum Beispiel Farbbeständigkeit, geringes Gewicht erfüllen konnte, wurde das Materialspektrum ständig erweitert.

Um eine Epithese mit einem guten ästhetischen Ergebnis herstellen zu können, ist eine möglichst genaue Wiedergabe des Defektes notwendig. Für die Abformung von Gesichtsdefekten wurden in den zwanziger Jahren Gips und Stentsmassen verwendet. Bedingt durch die große Festigkeit von Gips und Stentsmasse traten bei der Entfernung der Abformung erhebliche Schwierigkeiten auf, weswegen häufig nur eine segmentierte Technik möglich war. Daraus resultierte der Wunsch nach flexibleren Abformwerkstoffen. Eine solche Technik stellte die von Golden 1926 eingeführte schichtweise Wachstechnik dar.

Unter Federführung von Prof. Reichenbach entstand in Leipzig die Technik der Gesichtsabformungen mit Negocoll. Dabei war die Stabilisierung der Abformung ein spezieller Drahtkorb notwendig. Der Vorteil dieses Materials bestand in seiner hohen Flexibilität und in der Möglichkeit z. B. auch das geöffnete Auge abzuformen.

In den Jahren 1952 / 53 wurde das Klinikgebäude, nach seiner Zerstörung im Dezember 1943 wieder aufgebaut. Der Bereich Chirurgische Prothetik und Epithetik verfügte nun über drei Behandlungszimmer und einen separaten Warteraum. Zu dem bereits bekannten Behandlungsspektrum ist nun die Versorgung von Kriegsverletzten hinzugekommen. Mit einer Vorlesungsreihe über das gesamte Fachgebiet war die Chirurgische Prothetik und Epithetik in der Studentenausbildung präsent.

Hauptschwerpunkte des klinischen Alltages stellten die Versorgung von Patienten mit Frakturen dar. Je nach Frakturlokalisation mussten spezielle Schienenverbände verwendet werden, um den für den Patienten "idealen Verband" auszuwählen. Aus dem klinischen Alltag heraus wurden Innovationen geboren, wie z. B. die Dehnspreize nach Gehre/Graichen, welche zur Verbesserung einer eingeschränkten Mundöffnung verwendet wurde. Bei der Versorgung von Oberkieferdefekten nach Tumorresektionen entwickelte sich das "Leipziger Konzept". Dabei wurde der Defekt in der Heilungsphase mit einem Obturator aus Hartkunststoff versorgt, um der Narbenkontraktion entgegenzuwirken und den Obturator leicht korrigieren zu können.