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Wilhelm His und das Bach-Denkmal

Ein vielseitig interessierter Forscher und Mediziner ist der gebürtige Schweizer und lange Jahre in Leipzig wirkende Anatom Wilhelm His (1831 - 1904). Er entdeckte die Neuroblasten und identifizierte die Gebeine von Johann Sebastian Bach.

1872 tritt Wilhelm His sein Amt als ordentlicher Professor für Anatomie und Direktor des Anatomischen Instituts an der Universität Leipzig an. Mit Nachdruck engagiert er sich für einen Neubau, denn die alten Unterrichtsräume am Augustusplatz sind trotz mehrerer Umgestaltungen inzwischen baufällig. Universität und Stadt Leipzig stellen Geld bereit – 1875 wird das neue Anatomische Institut eröffnet, das für ganz Europa Modellcharakter besitzt. Es befindet sich an der Ecke Nürnberger Straße im gerade entstehenden Medizinischen Viertel Leipzigs.

His‘ Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Histologie (Gewebelehre) und Embryologie. Bei seinen Untersuchungen zur embryonalen Entwicklung des Nervensystems gelingt ihm die fundamentale Entdeckung des Neuroblasten – aus diesem Zelltyp entwickelt sich jede Nervenzelle des menschlichen Körpers. Damit beeinflusst er die zu dieser Zeit weltweit intensiv geführten Diskussionen zur Verknüpfung von Nervenzellen.

Um 1880 wird Leipzig schließlich zu einer der Hauptstätten neurologischer Forschung. Der anerkannte Neurologe Wilhelm Erb nimmt einen Ruf nach Leipzig an, und neben der Zusammenarbeit auf offizieller Ebene kommt es auch privat zum Austausch mit den Leipziger Kollegen: Beim Leipziger „Nervenkränzchen“ treffen sich Wilhelm Erb und Wilhelm His mit Julius Cohnheim (Pathologie), Karl Weigert (Neuropathologie), Paul Flechsig (Hirnforschung) und Adolf von Strümpell (Neurologie) zum wissenschaftlichen Diskurs in geselligem Rahmen.

 

Vor der Thomaskirche steht heute ein Denkmal von Johann Sebastian Bach. Wilhelm His hatte seine Gebeine identifziert.

Vor der Thomaskirche steht heute ein Denkmal von Johann Sebastian Bach. Wilhelm His hatte seine Gebeine identifziert.

Ist es Bach?

Das Bachdenkmal an der Thomaskirche gehört zu den Sehenswürdigkeiten in Leipzig schlechthin. Es zeigt den langjährigen Thomaskantor Johann Sebastian Bach vor einer Orgel stehend, die rechte Hand zum Dirigieren erhoben. Das Besondere daran: So, wie ihn die Bronzestatue zeigt, hat der Komponist mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich ausgesehen.

Ende des 19. Jahrhunderts wird die Johanniskirche, an deren Stelle heute das Grassi-Museum steht, durch den Architekten Hugo Licht grundlegend umgestaltet. Bei den Bauarbeiten wird 1894 das Grab Bachs wiederentdeckt, der 1750 im Alter von 65 Jahren gestorben war. Der an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig tätige, international anerkannte Anatom Wilhelm His wird hinzugerufen. His begutachtet die sterblichen Überreste, vergleicht den gut erhaltenen Schädel mit einem zeitgenössischen Porträt des Komponisten und kommt zu dem Schluss, dass es sich höchstwahrscheinlich um Bach handelt.

Zu diesem Zeitpunkt wird schon seit mehreren Jahren über ein neues Denkmal für den Musiker in Leipzig diskutiert, durch die Identifizierung seines Schädels werden die Pläne konkreter. Wilhelm His führt bei einer Gruppe von Männern, die im gleichen Alter wie Bach zu seinem Todeszeitpunkt sind, Dickenmessungen der Gesichtshaut durch. So kann der Bildhauer Carl Seffner das Gesicht des Thomaskantors anhand des Schädels und der Messungen von His rekonstruieren und schließlich die 2,45 Meter hohe Statue entwerfen, die anschließend in Bronze gegossen wird.

Enthüllt wird das Denkmal vor dem Südportal der Thomaskirche im Mai 1908, die Gesamtkosten hatten sich auf 50 000 Goldmark belaufen. Bachs Gebeine werden zunächst mit denen des Dichters Christian Fürchtegott Gellert in einer gemeinsamen Gruft in der Johanniskirche beigesetzt. Diese wird im Zweiten Weltkrieg zerstört, die sterblichen Überreste Bachs werden in die Thomaskirche überführt. Unter einer bronzenen Grabplatte ruhen sie bis heute.