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​„Wir sollten wieder lernen, auch auf die leisen Töne zu hören"

Zum Tag gegen den Lärm im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Fuchs, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie und des Cochlea-Implantat-Zentrums Leipzig am Universitätsklinikum Leipzig

Frage: „Dieser Lärm macht mich ganz krank" – stimmt dieser Satz? Und wie laut muss denn der Lärm sein, um krank zu machen?

Prof. Dr. Michael Fuchs: Der Satz stimmt voll und ganz, denn wenn der Lärm stört, wirkt er sich – ob er nun sehr laut ist oder nicht – negativ auf die Gesundheit aus. Man kann unterscheiden zwischen starkem Lärm, der etwa ab 80 Dezibel erreicht wird, und das Innenohr schädigt und weniger starkem Lärm, der zwar nicht gefährlich für das Ohr ist, aber „auf die Nerven" geht. Dieser negativ emotional bewertete Lärm kann durch eine nahe Straße, Fluglärm oder schon durch ständige Geräuschbelästigungen in der Nachbarschaft entstehen. Er kann zu psychosomatischen Belastungsstörungen führen, zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bluthochdruck und Schlafstörungen. Und damit macht er krank.

Wenn Sie von negativ bewertetem Lärm sprechen: Gibt es auch positiv bewerteten Lärm?

Durchaus. Denken Sie nur an Rockkonzerte, Diskotheken oder die heimatliche Stereoanlage. Auch diese können eine Geräuschkulisse produzieren, die ich als Phoniater und Audiologe gefährlich finde, die aber den „Genießern" dieser Musik gefällt. Ich will aber gar nichts gegen Rockkonzerte sagen. Denn in Maßen genossen, verkraftet unser Ohr auch laute Musik. Es kommt aber auf die Dosis an.

Also lieber nur ein halbes Rockkonzert? Das macht doch keiner mit, der viel Geld für eine Karte ausgegeben hat.

Nein. Natürlich ist ein Rockkonzert kein Problem. Aber nachgewiesen ist: Nicht nur die Intensität, auch die Einwirkdauer von Lärm ist von Bedeutung. Wer also schon einen lauten Arbeitsplatz hat, sollte nicht jeden Abend in die lärmende Disko gehen und noch dazu ständig den MP3-Player voll aufgedreht im Ohr haben. Denn dann entsteht eine Summierung der Lärmbelastungen, die das Ohr schädigt. Nicht umsonst kommt eine Lärmschwerhörigkeit in immer jüngeren Jahren vor. Waren es früher die 50- bis 60-Jährigen, die mit diesem Problem zu uns kamen, sind die Patienten heute deutlich jünger. Ganz einfach, weil es für die Ohren oft zu wenig Erholung gibt.

Was wäre denn eine Erholung fürs Ohr?

Einige Minuten absoluter Stille. Denn unser Ohr ist für die Stille gebaut und nicht für Dauerbeschallung. Unsere Vorfahren mussten die kleinsten Geräusche – des sich anschleichenden Tigers beispielsweise – wahrnehmen können, um zu überleben. Deshalb liegt unsere Hörschwelle schon bei etwa 10 Dezibel. In der heutigen Zeit mit ihrer „akustischen Umweltverschmutzung" ist absolute Stille aber sehr selten und ungewohnt. Das sehen wir gelegentlich bei Patienten, wenn sie unsere Hörprüfkabinen aufsuchen. Dort herrscht absolute Stille, und dies verunsichert manche. Aber schon den Versuch zu machen, einmal für 15 Sekunden möglichst alle Geräusche auszuschalten – das tut dem Ohr gut und das kann ich nur begrüßen.

Kann eine Hörschädigung eigentlich geheilt werden?

Es kommt darauf an: Beispielsweise bei einer kurzzeitigen Einwirkung eines Knalles auf das Ohr ist – vorausgesetzt, er ist nicht allzu stark – die Chance auf eine Erholung gut. Wird innerhalb der ersten 12 bis 24 Stunden ein Facharzt aufgesucht, ist mit einer geeigneten Therapie meist eine dauerhafte Schädigung zu vermeiden. Anders sieht es aus bei langfristig einwirkendem Lärm. Dadurch entstehen chronische Schäden, die nicht zu beheben sind. Nicht einmal ein Hörgerät kann das normale Hörvermögen erreichen.

Warum nicht?

Bei einer Lärmschwerhörigkeit sind die Haarzellen im Innenohr irreversibel geschädigt. Dadurch hört der Betroffene die Geräusche und Töne nicht nur leiser, sondern auch falsch, weil er bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrnehmen kann. Das betrifft besonders die hohen Frequenzen von 2 bis 4 Kilohertz, und genau die sind für das Verstehen von Sprache wichtig. Aber auch das Zwitschern von Vögeln oder das Türklingeln spielt sich in diesem Bereich ab. Während eine Brille eine Fehlsichtigkeit sehr gut kompensieren kann, klappt das bei einer Hörschädigung nur zum Teil.

Was raten Sie zu Prävention?

Ich rate zur Hörhygiene. Damit meine ich, dem Ohr auch mal eine Pause oder leichte Aufgaben zu geben. Wir sind etwas verroht, was die äußeren Eindrücke angeht: Immer muss alles laut und grell sein – ob nun in Bild, Ton oder Schrift. Wenn wir versuchen, mal im Wald das Vogelgezwitscher  hören zu wollen – damit kann man eine Überbeanspruchung des Ohres ausgleichen. Wir sollten wieder lernen, auch auf die leisen Töne zu hören. Zudem rate ich, Hinweise auf Lärmstörungen des Ohres ernst zu nehmen. Wenn man beispielsweise am Tag nach dem Rockkonzert seine Umgebung nur wie unter einer Glocke hört, also eine Hörminderung hat, sollte der Facharzt aufgesucht werden. Auch ein Fiepen im Ohr oder ein anders geartetes Ohrgeräusch nach einer heftigen Beanspruchung des Gehörs kann auf eine Hörstörung hindeuten.