Sie sind hier: Skip Navigation LinksUniversitätsmedizin Leipzig

Pressemitteilung vom 12.12.2025

400 Gramm Hoffnung: Wie moderne Medizin, Mut und viel Engagement ein kleines Wunder möglich machen

Frühgeborenenmedizin am UKL auf Level-1-Niveau: Kompetenz, Fürsorge und Erfahrung helfen auch winzigen Kindern zu überleben

Prof. Ulrich Thome mit den Eltern Chiara M. und Jannik K. sowie den Zwillingen Wilma (l.) und Marle auf der Frühgeborenenstation des UKL.

Prof. Ulrich Thome mit den Eltern Chiara M. und Jannik K. sowie den Zwillingen Wilma (l.) und Marle auf der Frühgeborenenstation des UKL.

Leipzig. Als sie am 30. Juli 2025 auf die Welt kam, war die kleine Wilma kaum so groß wie eine Hand und wog nur 400 Gramm. Sie gehört damit zu den extremen Frühgeborenen, die am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) unter höchsten medizinischen Standards versorgt werden. Trotz einiger Rückschläge und vieler banger Momente – gerade in den ersten Lebenswochen – gelang es dem Team der UKL-Neonatologie um Prof. Ulrich Thome, den Zustand des Kindes zunächst zu stabilisieren und anschließend dafür zu sorgen, dass sich Wilma jeden Tag ein Stück mehr in Richtung Normalität entwickelt. Die Basis dafür bilden neben der im UKL als Perinatalzentrum Level 1 vorhandenen medizinischen Expertise und interdisziplinären Zusammenarbeit vor allem das Engagement und die Fürsorge der Ärzt:innen und Pflegekräfte – und die unerschütterliche Zuversicht der jungen Familie.

Als sich Ende vergangenen Jahres bei Chiara M. und Jannik K. Nachwuchs ankündigte, war die Freude groß – umso mehr, als bald feststand, dass sich die Familie mit Zwillingen gleich doppelt vergrößern würde. Nach etwa vier Monaten wurde aber deutlich, dass die Entwicklung eines der beiden eineiigen Föten nicht planmäßig verläuft. Eine Untersuchung in der 24. Schwangerschaftswoche gab dann Anlass zu großer Besorgnis: Eines der beiden Kinder, die kleine Wilma, war deutlich entwicklungsverzögert und hatte außerdem kaum noch Fruchtwasser zur Verfügung. „Von diesem Zeitpunkt an waren wir alle vier Tage zur Kontrolle“, berichtet Chiara.

Herausforderung: Optimalen Entbindungszeitpunkt finden

Als schließlich in der 27. Schwangerschaftswoche Wilmas Herztöne schwächer wurden, entschieden die Spezialisten der UKL-Neonatologie, sie und ihre Schwester Marle vorzeitig per Kaiserschnitt zu entbinden. „Da sich Marle normal entwickelt hatte, ging es für uns darum, den optimalen Zeitpunkt der Entbindung zu finden – um Wilma das Leben zu retten und gleichzeitig Marle so viel Zeit wie möglich zur Reife innerhalb des mütterlichen Körpers zu geben“, beschreibt Prof. Ulrich Thome, Leiter der Abteilung Neonatologie am UKL, die Situation. Am 30. Juli 2025 war es schließlich soweit: Mit einem Geburtsgewicht von nur 970 Gramm wurde Marle entbunden, was ungefähr dem Normalgewicht zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft entsprach. Ihre Schwester Wilma wog zum Zeitpunkt ihrer Geburt hingegen nur 400 Gramm. „Bei so kleinen Frühchen kommt es aufgrund der massiven Entwicklungsverzögerung zu typischen Komplikationen wie einem multiplen Versagen lebenswichtiger Organe wie Darm, Lunge oder Nieren“, beschreibt Prof. Ulrich Thome die Herausforderung, vor der Ärzt:innen und Pflegepersonal in solchen Fällen stehen.

UKL bietet höchstes Niveau bei der Versorgung Frühgeborener

Um extreme Frühchen wie Wilma, die weniger als 1250 Gramm wiegen oder vor der 29. Schwangerschaftswoche geboren werden, überhaupt behandeln zu dürfen, müssen Kliniken wie das UKL als sogenanntes Perinatalzentrum Level 1, also als Zentrum der höchsten Versorgungsstufe, bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Neben einer speziellen Ausstattung und hochqualifiziertem Personal muss eine bestimmte Mindestfallzahl erreicht sein. „Bei uns werden extreme Frühchen mit einem umfassenden Versorgungskonzept betreut“, so Prof. Thome. Neben einer auf Frühgeborene spezialisierten Intensivstation und hochleistungsfähiger Beatmungs- und Überwachungsverfahren für unreife Organe zählt dazu auch eine enge Beteiligung der Eltern, Frühförderung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Mit anderen Worten: Neonatologen, Geburtshelfer und Kinderchirurgen sind rund um die Uhr verfügbar und arbeiten bei Bedarf mit Kinderchirurgen, Neuropädiatern, Kardiologen und anderen Fachrichtungen zusammen. Die Neonatologie am Universitätsklinikum Leipzig beteiligt sich außerdem aktiv in der medizinischen Forschung zu Fragen der Versorgung von extremen Frühgeborenen. Hierbei geht es vor allem darum, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu optimierten Beatmungsverfahren, zur Prävention von Langzeitfolgen und anderen innovativen Therapien für Frühgeborene zu gewinnen.

Zeit voller Ungewissheit, Sorgen und Hoffnung

Auch bei Wilma war die Atmung, konkret das Ingangsetzen der Lungenfunktion, überlebenswichtig. Da sie anfangs zu schwach war, um allein zu atmen, wurde ihr in den ersten fünf Lebenswochen Sauerstoff per Intubation zugeführt – so lange, bis ihr die ersten Atemzüge aus eigenem Antrieb gelangen. Bereits an ihrem zweiten Lebenstag kam es zu einer Darmperforation, da ihr noch nicht voll funktionsfähiger Darm nicht in der Lage war, die Muttermilch zu verarbeiten. Daraufhin wurde sie auf intravenöse Ernährung umgestellt. Mit der Operation wurde bis zum 8. August gewartet; da wog Wilma 500 Gramm. Dieser Eingriff verlief ebenso erfolgreich wie einen Monat später das chirurgische Verschließen eines Ductus arteriosus. Dabei handelt es sich um eine offene Verbindung im Herzen, durch die das Blut ungeborener Kinder am Lungenkreislauf vorbeigeleitet wird. Wenn das Neugeborene nach der Geburt selbstständig atmet, schließt sich diese offene Stelle normalerweise von selbst. „Diese Komplikation tritt deshalb gehäuft bei Frühchen auf, die am Anfang noch nicht in der Lage sind, selbstständig zu atmen“, sagt Prof. Ulrich Thome. „Im Schnitt haben wir jedes Jahr rund eine Handvoll so kleine Frühgeborenen wie Wilma, die rund drei Monate vor dem errechneten Termin mit weniger als der Hälfte des zu diesem Zeitpunkt normalen Gewichts zur Welt kommen“, so der Neonatologe. Da sei ungewiss, ob sie überhaupt überleben werden. Auch für die Eltern ist dies eine Zeit voller Sorgen und Ungewissheit. „Jeden Abend, wenn ich die Klinik verlassen habe, habe mich von meiner Tochter verabschiedet“, sagt ihre Mutter rückblickend. Aber die kleine Wilma kämpft und macht Fortschritte. Ärz:innen und Pflegepersonal auf der neonatologischen Station helfen und unterstützen sie und ihre Familie, wo sie nur können. Inzwischen wiegt „Wilma Wunder“, wie sie von ihren Eltern genannt wird, 3.250 Gramm. Marle war am 29. Oktober, dem errechneten Geburtstermin der beiden Mädchen, mit einem Gewicht von 3.200 Gramm nach Hause entlassen worden. Wenn sie ihre Schwester jetzt in der Klinik besucht, liegen beide Babys nebeneinander, strampeln und lernen sich nach ihrem außergewöhnlichen Start ins Leben nun allmählich näher kennen.

Wilmas Lunge braucht noch Unterstützung

Nach wie vor benötigt Wilma Unterstützung beim Atmen, da ihre Lunge noch nicht voll ausgereift ist. Nächstes Ziel ist es, die Zeiten am Atemunterstützungsgerät schrittweise zu reduzieren – bis sie eines Tages in der Lage sein wird, selbstständig zu atmen. Wie lange das noch dauern wird, ist momentan noch nicht genau absehbar. Ebenso ist nicht klar, ob alle vier schon in ein paar Tagen ihr erstes Weihnachtsfest gemeinsam zu Hause verbringen können. „Darauf kommt es uns aber eigentlich auch gar nicht an“, sagen ihre Eltern unisono. „Das Wichtigste für uns ist im Moment, dass Wilma weiter so gute Fortschritte macht und wir dann im kommenden Jahr mit unseren Kindern unser erstes ‚richtiges‘ Weihnachten feiern können.“

​Haben Sie Fragen?

Für allgemeine Fragen wenden Sie sich an die Zentrale (24h).

0341 – 97 109

Kontakt für Medien-Vertreter:innen

Gern vermitteln wir Ihnen Expert:innen und unterstützen Sie bei Drehanfragen.

Universitätsklinikum Leipzig

Helena Reinhardt
0341 – 97 15905

 

Medizinische Fakultät

Peggy Darius
0341 – 97 15798

 

​Hinweise zu den Fotos

Wir weisen darauf hin, dass unsere Fotos ausschließlich im Zusammenhang mit den Pressemitteilungen verwendet werden dürfen. Eine weitergehende Nutzung bedarf der vorherigen ausdrücklichen schriftlichen Zustimmung.