Leipzig. Immer mehr ältere und hochbetagte Menschen benötigen eine stationäre Behandlung – und stellen Kliniken vor neue Herausforderungen. Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) begegnet dieser Entwicklung mit dem Projekt LoTTE: einem strukturierten, interdisziplinären Versorgungskonzept, das die Abläufe rund um eine Operation gezielt an den besonderen Bedürfnissen von Patient:innen über 65 Jahren mit mehreren Vorerkrankungen ausrichtet. Es umfasst eine frühzeitige, umfassende Vorbereitung auf den Eingriff, begleitet den gesamten stationären Aufenthalt und schließt auch die Phase nach der Entlassung ein. Im Mittelpunkt stehen dabei gleichermaßen die Patient:innen selbst und ihre Angehörigen.
Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen waren bereits im Jahr 2022 von den rund 840.000 Patient:innen, die in sächsischen Krankenhäusern behandelt wurden, mehr als die Hälfte 65 Jahre oder älter. Auch der Anteil hochbetagter Menschen unter den Krankenhauspatient:innen steigt kontinuierlich. Während im Jahr 2005 im Freistaat etwa 13 Prozent der Krankenhausfälle auf Menschen über 80 Jahre entfielen, lag ihr Anteil 2023 bereits bei rund 25 Prozent. Das bedeutet, dass mittlerweile jeder vierte Krankenhauspatient in Sachsen mindestens 80 Jahre alt ist. Die Gruppe der Hochbetagten ist damit die am schnellsten wachsende Patientengruppe in den sächsischen Kliniken.
„Der demografische Wandel ist längst im Klinikalltag angekommen. Viele ältere Patient:innen leiden unter mehreren chronischen Erkrankungen. Das erfordert neue Versorgungsstrukturen und rückt das Thema einer individuellen und ganzheitlichen Begleitung dieser Patientengruppe vor, während und nach einer Operation zunehmend in den Blickpunkt. Mit LoTTE erproben wir, wie eine moderne, altersgerechte chirurgische Versorgung konkret aussehen kann“, bestätigt Prof. Hans-Michael Tautenhahn, stellvertretender Bereichsleiter Hepatobiliäre Chirurgie und Viszerale Transplantation am UKL und Initiator des Projekts LoTTE.
Ganzheitlicher Blick auf ältere Patient:innen
Die fünf Buchstaben in LoTTE stehen für Lebensqualität optimieren durch Teilhabe, Therapie und Empathie. Kernelemente des Programms sind eine individuelle Vorbereitung auf die Operation und eine ganzheitliche Einschätzung des Gesundheitszustands der Patient:innen. Dabei werden medizinische, funktionelle und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. „Bei älteren Menschen entscheidet nicht allein die eigentliche Erkrankung über den Behandlungserfolg“, so Prof. Tautenhahn weiter. „Mobilität, kognitive Fähigkeiten, aber auch das soziale Umfeld spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.“ Durch strukturierte Assessments können eventuelle Risiken wie Gebrechlichkeit, Sturzgefahr oder ein Delir – ein akuter, plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand, der gerade bei älteren Patient:innen im Zusammenhang mit Klinikaufenthalten und Operationen auftreten kann – frühzeitig erkannt werden. Ziel ist es, Komplikationen wie Delirien zu reduzieren, die Mobilität zu erhalten und die Selbstständigkeit der Patient:innen schneller wiederherzustellen. Auf dieser Grundlage entwickeln Ärzt:innen, Pflegekräfte und Therapeut:innen individuelle Behandlungspläne.
Hinzu kommt die persönliche Begleitung während des gesamten Behandlungsweges. Bisher erhalten alle Patient:innen über 65 Jahre mit mindestens fünf Vorerkrankungen in der Viszeral- und Thorax-Chirurgie, der Neurochirurgie sowie der Urologie, denen eine Operation am UKL bevorsteht, eine feste Ansprechpartnerin aus dem Team LoTTE. Dieses besteht derzeit aus vier Pflegekräften. „Sie übernehmen die Begleitung von der Ambulanz über den stationären Aufenthalt bis zur Entlassung“, erläutert die Pflegerische Koordinatorin Melinda Adam. Eine zeitnahe Erweiterung des Personenkreises auf Patient:innen der Hals-, Nasen- Ohren- sowie der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie der Endoprothetik ist geplant.
„Indem wir die Patient:innen von Anfang an kennen, können wir ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen und beispielsweise Wesensveränderungen, die auf einen Delir hinweisen könnten, leichter erkennen“, fügt sie hinzu. Über spezielle Fragebögen werden beispielsweise ein erhöhtes Sturzrisiko und der Ernährungszustand erhoben. Je nach Bedarf können sich daran eine Ernährungsberatung durch das UKL-Ernährungsteam und spezielle Atemtrainings und Physiotherapie in der postoperativen Phase anschließen.
"Ein früher Beginn ist entscheidend“, betont Melinda Adam. Die Vorbereitung auf eine Operation beginnt daher bereits rund zwei Wochen vor der stationären Aufnahme. Ausführliches Informationsmaterial über die Zeit vor, während und nach der Operation, Flyer und Checklisten zählen ebenso dazu wie der enge Kontakt zu den Angehörigen, da diese oftmals die wichtigsten Bezugspersonen für die Patient:innen sind.
„Ein Krankenhausaufenthalt ist für viele ältere Menschen ein kritischer Einschnitt. Deshalb ist es wichtig, Behandlung und Versorgung mit allen Beteiligten frühzeitig zu planen und gut zu koordinieren“, ergänzt die pflegerische Koordinatorin des LoTTE-Teams. Dabei hilft auch der regelmäßige telefonische Austausch in den letzten 14 Tagen vor dem OP-Termin. „Durch die individuelle Betreuung, eine sichere Behandlungsumgebung und ein auf die älteren Patient:innen abgestimmtes Konzept schaffen wir bestmögliche Voraussetzungen, um Komplikationen während des Krankenhausaufenthalts zu vermeiden, die Mobilität der Patient:innen möglichst lange zu erhalten, ihre Selbstständigkeit zu fördern und ihnen eine schnelle Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen.“
Interprofessionelle Zusammenarbeit als Schlüssel
Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen: Medizinisches Personal, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Sozialdienst stimmen sich im Rahmen von LoTTE besonders eng ab. „Die Versorgung älterer Patientinnen und Patienten ist immer Teamarbeit“, betont Melinda Adam. „Durch regelmäßige Fallbesprechungen und eine strukturierte Zusammenarbeit können wir schneller auf Veränderungen reagieren und Behandlungen besser aufeinander abstimmen.“
Neben der Versorgung während des Klinikaufenthalts nimmt das Projekt auch die Zeit danach in den Blick. Gerade ältere Menschen benötigen nach einer stationären Behandlung häufig weitere medizinische oder pflegerische Unterstützung. Durch eine verbesserte Abstimmung zwischen Klinik, ambulanter Versorgung und Pflegeeinrichtungen soll eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet und unnötige Wiederaufnahmen ins Krankenhaus möglichst vermieden werden.
„Von den Patient:innen haben wir bisher nur positive Rückmeldungen erhalten“, bilanziert Melinda Adam. Diese würden immer wieder hervorheben, dass sie sich als Teil der Behandlung auf Augenhöhe fühlen. Zur weiteren Verbesserung der Arbeit wertet Team LoTTE verschiedene Parameter der Behandlung wie Mobilität, Liegedauer und Pflegebedarf sowie die Feedbacks der Patient:innen aus. Künftig sollen datenbasierte Auswertungen – perspektivisch auch mit Methoden der Künstlichen Intelligenz – helfen, Risikokonstellationen noch früher zu erkennen.
Erste Absolvent:innen der Zusatzqualifikation „Geriatrie“
Um die Versorgung älterer Patient:innen weiter zu verbessern, wurde am UKL zum ersten Mal die Zusatzqualifikation „Geriatrie“ angeboten, bei der an neun Tagen verschiedene medizinische und pflegerelevante Inhalte im geriatrischen Kontext auf dem Plan standen. Dreizehn Pflegefachkräfte und zwei Medizinische Fachangestellte konnten die Zusatzausbildung, die unter anderem vom Team LoTTE initiiert und mit der Akademie für berufliche Qualifizierung am UKL konzipiert worden war, vor Kurzem erfolgreich abschließen. Damit wird die interprofessionelle Betreuung älterer Patient:innen am Universitätsklinikum Leipzig gezielt weiterentwickelt und nachhaltig gestärkt.