Leipzig. An der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Leipzig steht ein besonderer Meilenstein bevor: Zum 150. Mal wird dort ein Speiseröhrenkrebs-Patient mithilfe des „da Vinci“-Roboters operiert. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit dieser Technik sind durchweg positiv, sowohl medizinisch als auch aus Sicht der Patientinnen und Patienten.
„Die Patienten erholen sich deutlich schneller und haben weniger Komplikationen“, sagt Dr. Stefan Niebisch, geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Leiter des Speiseröhrenkrebszentrums am UKL. „Viele sind schon zwei oder drei Tage nach der Operation wieder auf dem Flur unterwegs.“
Speiseröhrenkrebs wird oft spät entdeckt
Speiseröhrenkrebs zählt zu den selteneren Tumorerkrankungen, die Zahl der Betroffenen nimmt jedoch zu. Häufige Risikofaktoren sind chronisches Sodbrennen, Rauchen oder hoher Alkoholkonsum. Viele Tumoren werden erst entdeckt, wenn Beschwerden beim Schlucken auftreten.
„Früher war die Behandlung für die Patienten oft sehr belastend“, erklärt Dr. Niebisch.
Heute erfolgt die Therapie jedoch interdisziplinär: Chirurgie, Onkologie, Radiologie und Strahlentherapie stimmen sich eng ab, um für jeden Patienten ein individuelles Behandlungskonzept zu entwickeln.
Kleine Schnitte statt großer Operationen
Früher waren die Operationen an der Speiseröhre groß, invasiv und mit entsprechend langen Erholungszeiten verbunden. Heute werden die Eingriffe am UKL nahezu vollständig robotisch-assistiert durchgeführt. Dabei sitzt der Operateur an einer Steuerkonsole wenige Meter vom OP-Tisch entfernt und steuert die drei Roboterarme des Systems. Der Roboter arbeitet dabei niemals selbstständig, sondern setzt die Bewegungen der Chirurginnen und Chirurgen hochpräzise um. Die Vorteile liegen vor allem in der minimalinvasiven Technik: Statt großer Schnitte sind nur wenige kleine Zugänge notwendig. Die Ärztinnen und Ärzte sehen das Operationsgebiet dreidimensional und stark vergrößert.
„Wir sehen Strukturen deutlich besser und können schonender operieren“, sagt Stefan Niebisch. „Dadurch haben die Patienten weniger Schmerzen, weniger Lungenkomplikationen und kommen schneller wieder auf die Beine.“
Während Patientinnen und Patienten nach einer klassischen offenen Operation oft zwei Wochen oder länger im Krankenhaus bleiben mussten, können viele heute bereits nach etwa neun Tagen entlassen werden.
Vom skeptischen Blick zur großen Nachfrage
Als die robotisch-assistierte Chirurgie in der Viszeralchirurgie eingeführt wurde, wurde sie zunächst vielerorts kritisch betrachtet. Heute entwickelt sie sich zunehmend zum Standard.
„Vor einigen Jahren wurde auf Kongressen noch gefragt: Warum braucht man das überhaupt?“, erinnert sich Stefan Niebisch. „Heute sind robotische Verfahren aus vielen Diskussionen nicht mehr wegzudenken.“
Das UKL gehört dabei zu den führenden Zentren in Deutschland. Insgesamt stehen am Universitätsklinikum drei „da Vinci“-Systeme zur Verfügung, die von mehreren chirurgischen Fachbereichen genutzt werden. Bereits 2021 wurde am UKL das erste „Zentrum für roboterassistierte und navigierte Chirurgie“ in Sachsen gegründet.
Blick in die Zukunft
Die Entwicklung der robotisch-assistierten Chirurgie ist nach Einschätzung der Leipziger Experten noch lange nicht abgeschlossen. Bereits heute kommen Verfahren zum Einsatz, mit denen sich schon während der Operation die Durchblutung des Gewebes sichtbar machen lässt. Künftig könnten weitere bildgebende Verfahren oder KI-gestützte Assistenzsysteme die Eingriffe zusätzlich verbessern.
„Der Trend geht klar in Richtung robotischer Chirurgie“, sagt Dr. Niebisch. „Gerade bei komplexen Eingriffen wie an der Speiseröhre sehen wir, wie groß der Nutzen für die Patienten sein kann.“
Auch die Rückmeldungen der Patientinnen und Patienten seien überwiegend positiv. „Die anfängliche Skepsis wird immer weniger“, berichtet Niebisch. „Viele informieren sich vorher selbst und fragen gezielt nach der Operation mit dem Roboter.“