Leipzig. Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland sind von einer Harn- oder Stuhlinkontinenz betroffen. Für viele ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dadurch eingeschränkt. Dabei gibt es heute zahlreiche Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Beim Kontinenztag des Universitätsklinikums Leipzig (UKL) können sich Patient:innen sowie Angehörige umfassend informieren, Fragen stellen und neue Therapieansätze kennenlernen.
„Das ist eine Veranstaltung zur Information von Betroffenen. Sie sollen hier verständliche Informationen zu ihrer Erkrankung bekommen“, sagt Dr. Andreas Gonsior, Leiter des Kontinenzzentrums am UKL. Wichtig ist ihm dabei ein offener Umgang mit dem oft schambehafteten Thema Inkontinenz. „Nach jedem Programmpunkt haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, mit den Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen und individuelle Fragen zu klären.“
Neue Therapien und bewährte Ansätze
Im Mittelpunkt des Kontinenztages stehen aktuelle Entwicklungen in der Behandlung von Blasen- und Darmfunktionsstörungen. In diesem Jahr wird unter anderem ein besonderer Fokus auf chronische Harnwegsinfektionen gelegt. Neben Alternativen zu Antibiotika werden auch weitere Therapieansätze vorgestellt, etwa Impfungen oder sogenannte Blaseninstillationen. Die Blaseninstillation ist ein urologisches Verfahren, bei dem Medikamente über einen Katheter direkt in die Blase eingebracht werden.
Ein weiteres Therapiebeispiel ist der sogenannte Magnetfeldstuhl. „Das ist ein Stuhl, der ein starkes Magnetfeld aussendet“, erklärt Andreas Gonsior. „Man setzt sich darauf und die Impulse sollen den Beckenboden stimulieren.“ Der Magnetfeldstuhl ist derzeit am UKL noch nicht im Einsatz, eine Anschaffung ist jedoch geplant. Welche Wirkung die Methode tatsächlich hat, wird im Rahmen des Kontinenztages kritisch beleuchtet.
Blasenschrittmacher: Hilfe durch sanfte Impulse
Ein weiterer Schwerpunkt ist die sogenannte sakrale Neuromodulation, im Alltag oft als Blasenschrittmacher bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein kleines Implantat, das ähnlich wie ein Herzschrittmacher funktioniert. Es wird in einem minimalinvasiven Eingriff im Bereich des Kreuzbeins eingesetzt und dort mit den Nervenbahnen im Beckenboden verbunden. Der Schrittmacher gibt kontinuierlich einen feinen Impuls ab, der die Blasenfunktion regulieren kann. So kann sich das Körpergefühl verbessern und der Harndrang besser kontrolliert werden. Für viele Betroffene bedeutet das eine deutliche Entlastung im Alltag: „Patienten, die vorher vielleicht 20 Mal am Tag zur Toilette mussten, können danach wieder ein normales Leben führen“, berichtet Andreas Gonsior. „Manche schlafen nachts wieder durch.“
Die Technik hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt: Die Geräte sind kleiner und leistungsfähiger geworden. Moderne Systeme erreichen Laufzeiten von bis zu 20 Jahren, teilweise sind sie auch wiederaufladbar und können von außen mit einem Ladegerät versorgt werden.
Mitmachen, ausprobieren, beraten lassen
Neben medizinischen Vorträgen und Anschauungsmaterial bietet der Kontinenztag auch praktische Hilfen für den Alltag. Besucherinnen und Besucher erhalten vom Team der Ernährungsberatung Tipps, wie sie beispielsweise mit einer chronischen Verstopfung oder anderen Darmproblemen umgehen können. Ziel ist es, Beschwerden möglichst auch ohne Medikamente zu verbessern.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Physiotherapie: Auf einer Aktionsfläche werden alltagstaugliche Übungen gezeigt, zum Beispiel für den Beckenboden. Diese können direkt vor Ort ausprobiert werden.
Austausch auf Augenhöhe
Der Kontinenztag findet bereits zum 14. Mal statt und stößt regelmäßig auf großes Interesse. „Wir haben in den letzten Jahren stetig mehr Teilnehmer gehabt“, freut sich Andreas Gonsior. Während in den Anfangsjahren rund 20 Interessierte kamen, war zuletzt ein kleiner Hörsaal des Universitätsklinikums gut gefüllt. „Das zeigt, dass das Thema viele Menschen betrifft und der Informationsbedarf groß ist.“
Der Kontinenztag findet statt am 18. April 2026 von 10 bis 13 Uhr im Hörsaal der HNO/Augenheilkunde/MKG des Universitätsklinikums Leipzig, Haus 1, Liebigstraße 14 (Eingang Liebigstraße), 04103 Leipzig.