Leipzig. Fast 28 Jahre lang stand Prof. Dr. med. Hubert Wirtz an der Spitze der Pneumologie des Universitätsklinikums Leipzig (UKL). Als er den Bereich im Januar 1999 übernahm, brachte er nicht nur umfassende klinische Erfahrung mit, sondern auch eine ausgeprägte Leidenschaft für die Forschung. Beides blieb für ihn untrennbar verbunden: Die Vorgänge in der Lunge genau zu verstehen, war für Prof. Hubert Wirtz stets der Ausgangspunkt, um die Behandlung schwer kranker Menschen zu verbessern. Am 30. September 2026 geht der Internist, Pneumologe und Allergologe in den Ruhestand.
Seinen wissenschaftlichen Blick auf die Lunge schärfte Wirtz früh in den USA. Drei Jahre lang forschte er am Cardiovascular Research Institute der University of California in San Francisco zu alveolären Typ-II-Zellen. Diese bilden Surfactant – eine Substanz, die verhindert, dass die feinen Lungenbläschen zusammenfallen. Wirtz untersuchte, wie mechanische Dehnung die Zellen beeinflusst, welche Signalwege dabei aktiviert werden und ob Medikamente schädliche Effekte abmildern können. Aus dieser Grundlagenforschung entwickelte sich ein Thema, das ihn über viele Jahre begleiten sollte: der Schutz der Lunge bei künstlicher Beatmung.
„Hubert Wirtz ist ein Arzt und Wissenschaftler, der beharrlich nach den Mechanismen hinter einer Erkrankung fragt und daraus neue Ideen für die Versorgung entwickelt“, sagt Prof. Christoph Josten, Medizinischer Vorstand des UKL. „Mit dieser Haltung hat er die Pneumologie am UKL fast drei Jahrzehnte geprägt. Wir danken ihm für sein großes Engagement für die Patientinnen und Patienten, für die Wissenschaft und nicht zuletzt für sein Team.“
Die klinische Pneumologie baute Wirtz in Leipzig zu einem breit aufgestellten Bereich aus. Das Team versorgt Patient:innen mit akuten und chronischen Lungenerkrankungen – von COPD, interstitiellen Lungenerkrankungen und pulmonaler Hypertonie bis zu Lungenkrebs. Auch die Betreuung vor und nach einer Lungentransplantation gehört zum Spektrum. Während der Corona-Pandemie stellte sich der Bereich einer völlig neuen Herausforderung. Wirtz war einer der verantwortlichen Ärzte der Long-Covid-Ambulanz des UKL und erklärte zugleich öffentlich, was über das vielgestaltige Krankheitsbild bekannt war – und was noch nicht.
Wie eng Forschung und Versorgung in seiner Arbeit zusammengehörten, zeigt die multizentrische ACEmeVENT-Studie. Darin untersuchte ein Team unter Leitung von Prof. Wirtz, ob eigentlich zur Blutdrucksenkung eingesetzte ACE-Hemmer die Lunge bei künstlicher Beatmung vor zusätzlichen Schäden schützen können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte das Vorhaben. Ausgangspunkt waren Erkenntnisse aus dem Labor; geprüft wurde daraus eine konkrete Behandlungsoption für Patient:innen mit akutem Lungenversagen.
Neue Wege ging Prof. Hubert Wirtz auch bei der Atemunterstützung. Seine Arbeitsgruppe beschäftigte sich intensiv mit nasalem High Flow: Erwärmte und befeuchtete Luft wird dabei mit hohem Fluss über eine Nasenbrille zugeführt. Die Leipziger Forscher:innen untersuchten, wie das Verfahren wirkt, welche Druckverhältnisse entstehen und wie es die Ausscheidung von Kohlendioxid beeinflusst. Besonders im Blick waren Menschen mit COPD. In der BMBF-geförderten ELVIS-Studie wurde das Verfahren schließlich mit der etablierten nicht-invasiven Maskenbeatmung verglichen.
Nicht jedes Forschungsprojekt begann bei Wirtz im Labor. Manche Fragestellungen ergaben sich unmittelbar aus dem klinischen Alltag. So suchte sein Team nach Möglichkeiten, Lungenerkrankungen anhand von Atemkondensat oder Ausatemluft früher zu erkennen. Für die Lungenkrebsfrüherkennung setzte sich Wirtz auch gesundheitspolitisch ein. Die Zulassung der Niedrigdosis-Computertomographie für starke Raucher:innen bezeichnete er 2024 als lange erwarteten Durchbruch. Seit April 2026 ist die Untersuchung für die entsprechende Risikogruppe eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen.
Wirtz beschränkte sein Engagement nicht auf das UKL. Er gehörte dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin an, war Präsident der Mitteldeutschen Gesellschaft für Pneumologie und Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für die Therapie von Lungenkrankheiten. 2016 richtete er als Kongresspräsident die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in Leipzig aus. Über viele Jahre beriet er außerdem die Patientenorganisation LAM Selbsthilfe Deutschland wissenschaftlich.
Der gebürtige Frankfurter studierte Humanmedizin im Saarland und an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Nach Staatsexamen und Approbation 1984 sowie dem Wehrdienst als Stabsarzt begann er am Universitätsklinikum Würzburg seine Weiterbildung in der Inneren Medizin. 1986 wurde er mit „summa cum laude“ promoviert. Nach seiner Rückkehr aus San Francisco setzte er in Würzburg die Facharztausbildung fort, spezialisierte sich auf Pneumologie und Allergologie und habilitierte sich 1996. Der Wechsel nach Leipzig folgte zum Jahresbeginn 1999.
„Mich hat immer gereizt, eine Beobachtung aus dem Labor so weit zu verfolgen, bis daraus vielleicht etwas entsteht, das Patientinnen und Patienten tatsächlich hilft“, sagt Prof. Wirtz. „Dass wir in Leipzig dafür über Fachgrenzen hinweg zusammenarbeiten konnten, war ein großes Glück. Vor allem danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pneumologie, die diese Entwicklung getragen haben.“
Wenn Prof. Hubert Wirtz Ende September sein Büro am UKL verlässt, liegen fast 28 Jahre Leipziger Lungenmedizin hinter ihm – Jahre, in denen neue Diagnose- und Behandlungsverfahren entstanden, sich Versorgungsstrukturen weiterentwickelten und zahlreiche junge Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen ausgebildet wurden. Allerdings wird er auch danach als Arzt weiter tätig sein: Prof. Wirtz wird seine Patientinnen mit Lymphangioleiomyomatose, einer seltenen Lungenerkrankung, die praktisch nur Frauen betrifft, auch weiterhin versorgen. So wie seit 23 Jahren, als deren Selbsthilfegruppe in Leipzig mit seiner Unterstützung und der von Prof. Bittner gegründet wurde.