Leipzig. Komplexe Entscheidungsprozesse, Zeitdruck, Störungen und Nachfragen, Telefonklingeln, wachsende Informationsflut: Im herausfordernden und oft hektischen Stationsalltag besteht immer die Gefahr von Informationsverlusten – mit zuweilen gravierenden Folgen für die Patientensicherheit. Mit der Implementierung des (i)SBAR-Modells führt das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) seit kurzem schrittweise klinikumsweit ein Schema für die Strukturierung von Kommunikationsabläufen bei der Krankenversorgung ein – und gehört damit zu den bundesweiten Vorreitern. Ziel ist es, Informationen bei der Patientenübergabe klar, präzise, sicher und strukturiert zu übermitteln. Standardisierte, genau festgelegte Abläufe, deren Ursprung im Militärbereich liegen, sollen damit einen wesentlichen Beitrag für mehr Patientensicherheit leisten.
Ursprünglich als Kommunikationsmodell von der US Navy entwickelt, um keine Inhalte während einer langen Kommunikationskette zu verlieren, hält das (i)SBAR-Modell als standardisiertes, strukturiertes Kommunikationsinstrument auch zunehmend Einzug in den medizinischen Sektor. Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) zählt dabei zu den wenigen Kliniken innerhalb Deutschlands, die das Modell bereits in die klinischen Abläufe implementieren. Die vier Großbuchstaben in (i)SBAR stehen dabei für Situation (Frage: Was ist passiert?), Background (Hintergrund – Frage: Was ist die Vorgeschichte?), Assessment (Einschätzung der Situation – Frage: Worin liegt vermutlich das Problem?) und Recommendation (Empfehlung – Frage: Was ist zu tun?). Ergänzt wird das Akronym um ein kleines, in Klammern gesetztes „i“ für Identifikation, was bedeutet, dass sich die Gesprächsspartner zu Beginn des Prozesses einander vorstellen, um dadurch leichter eine gemeinsame Kommunikationsebene zu erreichen.
Erstes UKL-Department arbeitet seit August mit (i)SBAR
„Nach einer rund zweijährigen Vorbereitung kommt (i)SBAR seit 1. August im Department für Innere Medizin, Neurologie und Dermatologie zum Einsatz“, sagt Tancred Lasch, Geschäftsführender Pflegerischer Departmentleiter am UKL. Das bedeutet, dass systematisch alle pflegerischen Übergaben entlang dieses Konzepts erfolgen müssen. „Durch standardisierte, genau festgelegte Abläufe und Inhalte sichern wir eine präzise und strukturierte Kommunikation mit einem hohen Maß an Verbindlichkeit, was wesentlich zu einer höheren Sicherheit der Patientinnen und Patienten beiträgt.“ Ab Oktober sollen die übrigen UKL-Departments folgen, so dass dann am gesamten Universitätsklinikum nach dem (i)SBAR-Modell für strukturierte Übergaben und eine sichere Versorgung gearbeitet wird.
Gestörte Kommunikation ist häufige Fehlerquelle
Studien haben gezeigt, dass sich rund zwei Drittel aller unvorhersehbaren Ereignisse im Gesundheitswesen auf eine gestörte Kommunikation zurückführen lassen. 80 Prozent aller schwerwiegenden Fehler entstehen aufgrund fehlerhafter Kommunikation zwischen medizinischen Berufsgruppen. „Gerade die pflegerische Übergabe erfolgt in vielen Fällen noch wenig strukturiert und inkonsistent. Das kann direkte Auswirkungen auf die Patientensicherheit haben, denn es kann Ursache für Therapieversäumnisse, eine verzögerte beziehungsweise falsche Behandlung oder eine fehlende Kontinuität in der Versorgung sein“, bestätigt Frank Lützkendorf, Teamleiter auf der Internistischen Intensivstation am UKL und (i)SBAR-Projektleiter des Klinikums.
Hier setzt das Modell an, das in jeder pflegerischen Übergabesituation zum Einsatz kommen soll. Es beginnt mit der Beschreibung der aktuellen Situation des Patienten und dessen geplanten Therapieverlauf, setzt sich fort über den Background mit Informationen zur Patientenanamnese, zur pflegerisch-medizinischen Biografie, aber auch beispielsweise zum Sozialstatus und führt schließlich im Assessment zur Einschätzung des aktuellen Gesundheits- und Versorgungszustands, unter anderem zu Atmung, Kreislauf, Bewusstsein, Orientierung, aber auch zu Infektionszeichen und Ernährungszustand. Im Ergebnis der in den vorangegangen drei Stufen erhobenen Informationen geht es im vierten Schritt, der Recommendation, um die Festlegung von Empfehlungen zur geplanten Patientenversorgung beziehungsweise um Anschlussbehandlungen oder das Entlassungsmanagement. „Hierbei steht die Formulierung von Tageszielen nach dem SMART-Prinzip im Vordergrund - also Spezifisch, Messbar, Erreichbar, Relevant und Terminiert“, erläutert Frank Lützkendorf. Je nach Wichtigkeit werden die einzelnen Informationen jeder Phase des (i)SBAR-Modells nach dem Ampel-Prinzip in essentielle Informationen für den Notfall (rot), relevante Informationen für den Ambulanz- und Funktionsdienst (gelb) und reguläre Informationen für die täglichen Übergaben (grün) unterteilt.
Schulungen und handhabbare Hilfen im Vorfeld der Einführung
Entscheidend für die Akzeptanz sind regelmäßige Schulungen und Wiederholungen im Team. „Verständlich ist, dass zunächst nur wenig Begeisterung entsteht, wenn eine weitere Neuerung eingefürt werden soll – noch dazu, wenn sie mit jahrelang eingeübten Gewohnheiten bricht und darüber hinaus noch zu Beginn mit einem erhöhten Zeit- und Ressourcenaufwand einhergeht“, gibt Frank Lützkendorf zu. Wichtig waren daher neben der Schulung von Multiplikatoren auch ganz praktische und handhabbare Instrumente wie Poster und Pocket Cards, auf denen die Elemente des (i)SBAR-Modells anschaulich dargestellt sind. „Förderlich ist darüber hinaus ein Umfeld, das nicht hierarchisch geprägt ist, damit die eigenen Einschätzungen einfacher kommuniziert werden können. Auch die Akzeptanz und Unterstützung der Führungsebene ist mitentscheidend für den Erfolg“, so Frank Lützkendorf.