Während die akute Phase der COVID-19-Pandemie überwunden scheint, leiden Schätzungen zufolge weltweit etwa 3,7 % der Infizierten an Long-COVID. Neben physischen Beschwerden wie Erschöpfung (Fatigue) und Atemnot sind Depressionen und Angstzustände häufige Begleiterscheinungen. Im Rahmen der Long-COVID Studie am LIFE-Forschungszentrum hat ein Team um Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller untersucht, wie das soziale Umfeld die psychische Gesundheit von Betroffenen beeinflusst.
Wohnsituation, soziale Netzwerke und psychische Symptome im Fokus
Insgesamt wurden Daten von 410 Proband:innen aus Leipzig mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren ausgewertet, die die klinischen Kriterien für Long-COVID erfüllten. Analysiert wurden zwei soziale Faktoren: die Wohnsituation (alleinlebend vs. mit anderen zusammenlebend) sowie die Größe des sozialen Netzwerks. Die Forschenden nutzten standardisierte Skalen wie die Center for Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D), die Generalized Anxiety Disorder 7 (GAD-7)-Skala und die Lubben Social Network Scale (LSNS-6), um den Zusammenhang zwischen dem Wohnstatus, der Netzwerkgröße und psychischen Symptomen zu messen.
Soziale Kontakte helfen bei Angst und Depressionen, sind aber nicht allein entscheidend
Die Ergebnisse der Auswertung zeigen eine differenzierte Wirkung sozialer Faktoren auf die Psyche:
- Depressionen und Wohnstatus: Patienten, die mit anderen Personen zusammenleben, berichteten über signifikant geringere depressive Symptome als Alleinlebende. Die reine Größe des weiteren sozialen Netzwerks hatte allerdings keinen signifikanten Einfluss. Entscheidend für depressive Symptome scheint weniger die Anzahl sozialer Kontakte zu sein als der regelmäßige, unmittelbare soziale Austausch im Alltag.
- Angstsymptome und Netzwerkgröße: Bei der Angst verhielt es sich umgekehrt. Hier war ein größeres soziales Netzwerk mit einer niedrigeren Ausprägung von Angstsymptomen assoziiert. Der Wohnstatus spielte für das Angstempfinden hingegen keine statistisch bedeutsame Rolle.
- Physische Faktoren: Trotz der sozialen Schutzfaktoren scheint die Schwere der körperlichen Beschwerden und die Ausprägung von Fatigue den größten Einfluss auf die psychische Belastung zu haben.
Emotionale Unterstützung schützt vor Rückzug und lindert Unsicherheiten
In der Diskussion führen die Autor:innen der Studie an, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen unmittelbare emotionale und praktische Unterstützung im Alltag bietet, was besonders vor depressiven Rückzugstendenzen schützen kann. Dass ein großes Netzwerk vor allem Ängste lindert, könnte am Informationsaustausch liegen: Vielfältige Kontakte vermitteln unterschiedliche Perspektiven und Wissen über die Krankheit, was die Unsicherheit verringert und die Selbstwirksamkeit stärkt.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es bei Long COVID nicht allein auf die Anzahl sozialer Kontakte ankommt: Für depressive Symptome scheint vor allem der unmittelbare, alltägliche Austausch entscheidend zu sein, während ein breiteres Netzwerk eher hilft, mit Unsicherheit und Ängsten umzugehen“ -– Dr. Sina Gerhards, Erstautorin der Studie
Ein kritischer Punkt der Studie ist der Hinweis auf die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), die Stressreaktionen reguliert. Es wird vermutet, dass eine hormonelle Dysfunktion bei Long-COVID die normale "Stresspuffer-Funktion" sozialer Unterstützung beeinträchtigen könnte. Die Forschung hierzu befindet sich allerdings noch am Anfang.
Zudem zeigten Frauen in der Studie zwar höhere körperliche Beschwerden, aber keine signifikant anderen psychischen Profile als Männer.
Soziale Integration sollte bei Behandlung von Long-COVID berücksichtigt werden
Die Studie unterstreicht, dass die Behandlung von Long-COVID über rein medizinische Ansätze hinausgehen muss. Soziale Integration ist ein wesentlicher Faktor für das psychische Wohlbefinden der Betroffenen.
Da ein großer Teil der Long-COVID-Betroffenen weiblich ist, wäre für zukünftige Forschung das Zusammenspiel von Sexualhormonen, Stresshormonen und dem psychischen Wohlbefinden bei Frauen mit Long-COVID von Interesse. Ein geschlechterspezifischerer Ansatz in der Long-COVID-Forschung könnte dabei helfen, die Ursachen und die Mechanismen der Krankheit besser zu verstehen und die Versorgung zu optimieren.
Zur vollständigen Publikaton:
Gerhards SK, Luppa M, Zülke A, Sander C, Schomerus G, Buechner R, Wirkner K, Reusche M, Zeynalova S, Lehmann J, Baber R, Obrig H, Herzig S, Thöne-Otto A, Witte AV, Villringer A, Fricke C, Bergh FT, Saur D, Schroeter ML, Löffler M, Engel C, Riedel-Heller SG. Depressive and anxiety symptoms in individuals with Long-COVID: Does social network matter? - Results of a German Long-COVID study. J Affect Disord. 2026 May 15;401:121272. doi: 10.1016/j.jad.2026.121272. Epub 2026 Jan 26. PMID: 41605350.
Während die akute Phase der COVID-19-Pandemie überwunden scheint, leiden Schätzungen zufolge weltweit etwa 3,7 % der Infizierten an Long-COVID. Neben physischen Beschwerden wie Erschöpfung (Fatigue) und Atemnot sind Depressionen und Angstzustände häufige Begleiterscheinungen. Im Rahmen der Long-COVID Studie am LIFE-Forschungszentrum hat ein Team um Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller untersucht, wie das soziale Umfeld die psychische Gesundheit von Betroffenen beeinflusst.