Die Universitätsfrauenklinik Leipzig ist eines der beiden Zentren in Deutschland, in dem alle gynäkologischen Krebserkrankungen nach neuen Erkenntnissen über die Tumorausbreitung, dem ontogenetischen Krebsfeldmodell, operiert werden. Die als ontogenetische Krebsfeldchirurgie bezeichneten Operationsverfahren entfernen den bösartigen Tumor und seine Tochtergeschwülste in den Lymphknoten unter Berücksichtigung seines entwicklungsgeschichtlich (ontogenetisch) vorbestimmten Ausbreitungsgebietes. Die präzise Ausführung der Krebsfeldoperationen erlaubt den vollständigen Verzicht auf eine zusätzliche postoperative Strahlentherapie. Die operativen Techniken wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten am Universitätsklinikum Leipzig von der Leipzig School of Radical Pelvic Surgery entwickelt und unter Studienbedingungen an über 900 Patientinnen mit Karzinomen des unteren Genitaltraktes (Gebärmutterhals, Scheide, Vulva) durchgeführt. Ihre überragenden Ergebnisse sind mit zahlreichen Arbeiten mehrheitlich in The Lancet Journalen publiziert:
Höckel, The Lancet eBioMedicine 2026; 126: 106161
Höckel et al, Gynecol Oncol 2026; 207: 23-33
Falconer et al, The Lancet eClinicalMedicine 2024; 73: 102696
Höckel et al, Lancet Oncol 2019; 201: 1316-1326
Höckel et al, Lancet Oncol 2018; 19: 537-548
Höckel, Lancet Oncol 2015; 16: 148-151
Höckel et al, Lancet Oncol 2014; 15: 445-456
Höckel et al, Lancet Oncol 2009; 10: 682-692
Höckel et al, Lancet Oncol 2005; 10: 645-646
Prinzip
Um eine bösartige Geschwulst optimal, d.h. mit größter Nachhaltigkeit und dem geringsten Risiko für vermeidbare Folgen zu resezieren, muss der Operateur die
Pathoanatomie des lokalen Tumors und seiner regionalen Metastasen genau kennen. Dies setzt die Kenntnis der normalen Anatomie voraus. Die traditionelle akade--mische Lehrevermittelt aber in erster Linie Form und Funktion der anatomischen Srukturen, womit sich die Pathoanatomie des Krebses aber nur ungenügend nach-vollziehen lässt.
Detaillierte Untersuchungen bei Karzinomen des Gebärmutterhalses, der Vagina und der Vulva haben gezeigt, dass sich bösartige Tumore nicht, wie bisher angenommen, unvorhersagbar in allen an den Tumor angrenzenden Geweben ausbreiten, sondern in Abhängigkeit vom Malignitätsfortschritt immer größere, aber anatomisch genau festgelegte Gewebegebiete infiltrieren. Diese Geweberäume, die durch die Nachbarstrukturen definiert werden, leiten sich aus der Embryonalentwicklung (Ontogenese) des Gewebes, in dem der Tumor entstanden ist, ab. Die Entwicklungs-geschichte liefert ein Ordnungsprinzip für die Tumorausbreitung in Form von stadien-bezogenen Krebsfeldern. Um die Pathoanatomie des Krebses zu erfassen, muss die Darstellung der normalen anatomischen Strukturen mit topologischer und genea-logischer Zielsetzung erfogen,d.h. die räumliche und die entwicklungsgeschichtliche Beziehung eines Gewebes zu seinen Nachbargeweben muss abgebildet werden. Diese ontogentische Anatomie ist die adäquate Grundlage für die Krebschirurgie.
Die vollständige operative Entfernung des individuellen Krebsfeldes minimiert die Rückfallwahrscheinlichkeit der malignen Erkrankung, gleichzeitig werden die Nebenwirkungen der Operation verringert, da Gewebe außerhalb des Krebsfeldes trotz unmittelbarer Nähe zum bösartigen Tumor erhalten bleiben kann. Bei den konventionellen Krebsoperationen wird der Tumor mit einem allseitigen tumorfreien Gewebemantel entfernt, was häufig zu einer unnötigen Überbehandlung mit zum Teil erheblichen Nebenwirkungen führt.
Wegen der immunologischen Beziehung der Krebsfelder als periphere Gewebe zu den mit ihnen assoziierten Lymphknoten, können diejenigen Lymphknoten, die möglicherweise Metastasen enthalten, genau erfasst und gezielt operativ entfernt werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Konzept, bei dem operativ lediglich der Nodalstatus ermittelt wird und im Falle von Lymphknotenmetastasen die Bestrahlung indiziert ist, erfolgt im Rahmen der Immun-Netzwerk geleiteten Lymphonod-ektomie die therapeutische Lymphknotenentfernung ausschließlich operativ ohne zusätzliche Strahlentherapie.
Aus dem ontogenetischen Krebsfeldmodell kann gefolgert werden, dass der größte Nutzen der Krebsfeldchirurgie bei bösartigen Tumoren, die in einem mittleren Stadium diagnostiziert werden, zu erwarten ist. In der gynäkologischen Onkologie gilt das insbesondere für den Gebärmutterhalskrebs, den Scheidenkrebs und den Vulvakrebs. Aber auch bei bösartigen Erkrankungen, die im (vermeintlichen) Frühstadium entdeckt werden, zeigen sich Vorteile der Krebsfeldoperationen, beispielsweise bei Tumoren, deren Malignitätsstadium vor der Behandlung zu niedrig eingestuft wurde. Das trifft für etwa 30% der Fälle von Gebärmutterkörperkrebs niedrigen Malignitätsgrads zu. Für die eher seltenen im Frühstadium diagnostizierten Fälle von Eierstockkrebs ist eine Krebsfeldoperation die präziseste Therapiemöglichkeit.
Bei weit fortgeschrittenen Tumorstadien und Tumorrückfällen ist die operative Entfernung des gesamten Ausbreitungsraumes nicht mehr mit dem Leben bzw. einer menschen-würdigen Lebensqualität vereinbar. Krebsfeldoperationen bieten für die betroffenen Patientinnen unter bestimmten Voraus-setzungen noch eine Heilungsmöglichkeit, die mit konventionellen Operationen oder Bestrahlung nicht mehr besteht.
Operationstechniken
- Totale mesometriale Resektion (TMMR) mit diagnostischer first-line bzw. therapeutischer first-, second- und third-line Lymphknotenentfernung zur Behandlung des frühen Gebärmutterhals- und Scheidenkrebses
- Erweiterte mesometriale Resektion (EMMR) und Lateral erweiterte endopelvine Resektion (LEER) mit therapeutischer first-, second- und third-line Lymphknotenentfernung zur Behandlung des fortgeschrittenen und rezidivierten Gebärmutterhals- und Scheidenkrebses
- Vulvafeldresektion (VFR) mit diagnostischer Sentinel bzw. therapeutischer first-, second und third-line Lymphknotenentfernung und anatomische Rekonstruktion zur Behandlung des Vulvakarzinoms
- Peritoneale mesometriale Resektion (PMMR) mit diagnostischer bzw. therapeutischer lumbopelviner Lymphknotenentfernung zur Behandlung des Gebärmutterkörperkrebses
- Totale mesogonadale Resektion (TMGR) mit diagnostischer bzw. therapeutischer lumbopelviner Lymphknotenentfernung zur Behandlund des frühen Eierstockkrebses
Die Anwendung der verschiedenen Varianten der Krebsfeldoperation und der Immun-Netzwerk geleitetenseiner regionalen Metastasen genau kennen. Lymphknotenentfernung wird durch das ontogenetische Stadium der lokalen und regionalen Tumorausbreitung für jede Patientin individuell bestimmt.
Behandlungspfad
- Betroffene Patientinnen werden zunächst ambulant untersucht und beraten.
- Im zweiten Schritt erfolgt beim Zervix-, Vaginal- oder Vulvakarzinom die Feststellung des ontogenetischen Tumorstadiums im Rahmen eines kurzzeitigen stationären Aufenthalts durch eine Untersuchung in Narkose, beim Gebärmutterhalskrebs bei gleichzeitiger Darstellung der MRT-Bilder im Operationssaal. Aus der Zusammenschau aller Befunde wird der vorläufige operative Behandlungsplan erstellt und der Patientin detailliert erklärt.
- Die definitive, dem ontogenetischen Stadium angepasste Krebsfeldoperation mit therapeutischer Lymphknotenentfernung wird dann durch die genaue Beurteilung der Tumorsituation während der Operation bestimmt. Hier arbeiten Operateure und Pathologen eng zusammen.
- Nach dem Eingriff wird die Patientin vom Operateur über die intraoperativen Befunde und die durchgeführten operativen Maßnahmen informiert. Bei Entlassung erhalten die Patientinnen den Originaloperationsbericht ihres Eingriffs und den kompletten histopathologischen Befund zu den Operationspräparaten.