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Ernährungsberatung als komplementärmedizinische Therapiemaßnahme

​Im Bereich der Ernährungsmedizin definieren 3 unabhängige Kriterien eine krankheitsspezifische Mangelernährung:

  • Body-Mass-Index < 18 kg/m²
  • unbeabsichtigter Gewichtsverlust von > 10 Prozent in den letzten 3 - 6 Monaten
  • BMI < 20 kg/m² und unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 5 Prozent in den letzten 3 - 6 Monaten

Eine Vorstellung in der Ernährungstherapie sollte erfolgen, wenn einer oder mehrerer dieser Kriterien vorhanden ist. Eine Ernährungsintervention orientiert sich dann an einer Normalisierung, Verbesserung und / oder Stabilisierung des Gewichtsverlaufes und der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Eine optimale Ernährung kann Komplikationsraten verringern, Therapienebenwirkungen reduzieren und Prognose sowie die Lebensqualität verbessern. Um Einschränkungen in der Nahrungsaufnahme rechtzeitig entdecken zu können, nutzen wir in unserer Klinik ein Screening auf Mangelernährung (Nutritional Risk Score 2002), welches als essentieller Bestandteil der Therapieplanung genutzt wird.

Der Energie- und Nährstoffbedarf für onkologische Patienten lässt sich anhand etablierter Formeln berechnen, ohne dass grundsätzlich von einem Mehrbedarf ausgegangen werden muss. Dies bedeutet, dass eine Tagesenergiezufuhr von ca. 25 - 30 kcal / kg Körpergewicht oftmals ausreichend ist und nur in seltenen Fällen mehr als 30 kcal / kg Körpergewicht erforderlich sind.

Ursache für eine Mangelernährung können auch Krebsdiäten sein. Diese sogenannten Krebsdiäten werden - wie bereits beschrieben - nicht empfohlen, da sie oft mit Einschränkungen der Nahrungsmittelauswahl einhergehen und es keine wissenschaftlichen Belege für eine positive Wirkung gibt. Deshalb stehen qualifizierte Ernährungsberatungen im Vordergrund, um eine entsprechende Energie-Eiweiß-Aufnahme zu gewährleisten und diese eventuell durch eine zusätzliche Anreicherung der Speisen und / oder durch orale Trinknahrungen gewährleisten zu können. Die Einflussfaktoren für einen Gewichtsverlust bei Tumorpatienten sind multifaktoriell: Geschmacksveränderungen, Fieber, Durchfälle, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl, vorzeitiges Sättigungsgefühl, Tumorstoffwechsel und -therapie (beispielsweise durch eine gestörte Nährstoffaufnahme nach Operationen, Durchfälle, Verstopfung und vieles mehr), auch soziale Faktoren und Depressionen spielen hier eine Rolle.

Im Folgenden werden einige mögliche Hauptsymptome näher beschrieben, welche im Rahmen einer Tumortherapie auftreten können und ernährungstherapeutisch betreut werden können.

Gewichtsverlust

​Ein Tumor zieht alle Nährstoffe an sich und nutzt diese für sein Wachstum. Daher erklärt sich ein möglicher Gewichtsverlust. Aber auch Angst und Sorge wirken sich negativ auf den Appetit aus. Daher sollte ungefähr einmal in der Woche eine Gewichtskontrolle erfolgen. Wenn ein Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent beobachtet wird, sollte eine energie- und eiweißreiche Ernährung im Fokus stehen. Es sollte sichergestellt werden, dass genügend Lebensmittel vorrätig sind, damit nicht erst eingekauft werden muss, wenn der Appetit kommt. Das Essen kann grundsätzlich mit energiereichen Lebensmitteln wie Butter und Öl aufgewertet werden.

Grundsätzlich sollte so lange wie möglich eine vollwertige Ernährung mit normalen Lebensmitteln im Vordergrund stehen, wobei sich die einzelnen Stufen der Ernährungstherapie nicht ausschließen, sondern miteinander kombinieren lassen. Die ernährungsmedizinischen Behandlungsstrategien sollten individuell besprochen und ausgeschöpft werden.

 

Stufe I: Evaluation und konsequente Therapie der individuellen Ursache

Das Ernährungsassessment ist die wichtigste Grundlage für die Einleitung einer notwendigen Ernährungstherapie. Im Ernährungsassessment werden nicht nur die Ernährung und Therapie isoliert betrachtet, sondern auch die Lebensumstände (z. B. Trennung von Familien, Verlust von Haustieren, nicht mehr passende Zahnprothesen). Wenn solche Faktoren Einfluss haben, sollte eine Intervention auch in diesem Bereich angeboten bzw. empfohlen werden.

Stufe II: Ernährungsmodifikationen, Ernährungsberatung, intensivierte Betreuung, individuelle Wunschkost, Einsatz von Hilfsmitteln

Eine qualifizierte Ernährungsberatung ist essenzieller Bestandteil der Ernährungstherapie. Leider ist in Deutschland der Begriff „Ernährungsberater" gesetzlich nicht geschützt. Jeder darf sich Ernährungsberater nennen und Diättherapien und Ernährungsberatung durchführen. Der Bundestag hat im Jahr 2007 eine Petition abgelehnt, die das Ziel hatte, den Begriff „Ernährungsberater" zu schützen; er verwies auf die Berufsgruppe der Diätassistenten. Der Grund: Diätassistenten sind der einzige bundesrechtlich geregelte und somit gesetzlich geschützte Heilberuf, dessen gesetzliches Ausbildungsziel die Durchführung von diättherapeutischen und ernährungsmedizinischen Maßnahmen und somit auch von Ernährungsberatungen ist.

In dieser Stufe heißt es, geschickte Lebensmittelkombinationen zu finden, um ausreichend Energie und Eiweiß sowie andere Mikro- und Makronährstoffe aufzunehmen und damit eine Gewichtsabnahme beziehungsweise eine Mangelernährung zu vermeiden. Das Ernährungsverhalten wird regelmäßig überprüft, z. B. durch Auswertungen von Ernährungsprotokollen, und bei Bedarf korrigiert.

Stufe III: Trinknahrungsupplement

Die Indikation zum unterstützenden Einsatz von Trinknahrungssupplementen besteht in der nicht ausreichenden Fähigkeit zur normalen Ernährung aufgrund der onkologischen Genese und frustraner bisheriger diätetischer Interventionen. Mittlerweile gibt es sehr viele Trinknahrungsangebote, welche sich geschmacklich und in Bezug auf ihre Konsistenz sehr ins Positive gewandelt haben. Trinknahrungen sind in der Regel vollbilanziert und entsprechen damit den Vorgaben einer vollwertigen Ernährung, inklusive der Mikro- und Makronährstoffzufuhr.

Wenn Patienten auf Trinknahrung angewiesen sind, sollten mehrere Geschmacksrichtungen und Konsistenzen ausprobiert werden, um die Akzeptanz zu fördern. Auch bieten Trinknahrungen Möglichkeiten das Essen abwechslungsreich und appetitanregend zu gestalten, sodass der Genuss am Essen erhalten bleibt. So können beispielsweise Puddings und Fruchtgetränke angereichert oder Eis oder Gebäcke hergestellt werden. Wenn mit Trinknahrung begonnen wird, sollte diese anfangs nur in kleinen Portionen als Zwischenmahlzeit aufgenommen werden, um den Körper an die hohe Energiedichte zu gewöhnen. Sie sollten nicht direkt vor einer Mahlzeit getrunken werden, um nicht bereits ein Sättigungsgefühl auszulösen. Trinknahrungen können sowohl erwärmt werden, was sich zum Beispiel bei Kakao anbietet, als auch gekühlt; auch zu selbstgemachtem Eis kann Trinknahrung verarbeitet werden. In den Arzneimittelrichtlinien zur enteralen Ernährung ist festgelegt, dass die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet sind, die Kosten für Trinknahrung zu übernehmen sobald:

  • eine fehlende oder eingeschränkte Fähigkeit zur normalen Ernährung vorliegt
  • die Verbesserung der Ernährungssituation durch ärztliche, pflegerische oder ernährungstherapeutische Maßnahmen nicht zu erreichen ist.

Stufe IV: unterstützende künstliche enterale Ernährung

Wenn Ernährungsberatung und Trinknahrung nicht mehr ausreichen, eine ausreichende Nährstoffzufuhr zu gewährleisten, dann wird eine zusätzliche oder ausschließliche enterale Ernährung in Form von Sondennahrung notwendig. Auch die Sondennahrung ist bedarfsdeckend. Sie ist in der Regel flüssig und wird über Ernährungssonden appliziert. Wenn Sondennahrung nur kurzfristig, also für 2 - 3 Wochen, notwendig sein sollte, erfolgt dies meist über nasogastrale oder nasojejunale Sonden. Wenn ein längerfristiger Zeitraum angedacht ist, dann erfolgt dies über eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG) oder eine perkutane endoskopische Jejunostomie (PEJ), perkutane radiologische Gastrostomie (PRG) beziehungsweise über chirurgische Interventionen wie beispielsweise der Feinnadel-Katheder-Jejunostomie (FKJ).

Stufe V: unterstützende künstliche parenterale Ernährung

Parenterale Ernährung ist oftmals nur vorübergehend notwendig, um Phasen, in denen die Nährstoffzufuhr über den Magen- Darm-Trakt nicht ausreichend ist, zu überbrücken. Parenterale Ernährung kann bei Bedarf auch langfristig die Ernährung sicherstellen. Laufzeit und Häufigkeit der parenteralen Ernährung sind jedoch vom individuellen Bedarf abhängig. Auch in diesem Bereich gibt es verschiedene Angebote; viele Firmen stellen bereits vorgefertigte Zwei- oder Drei-Kammerbeutel zur Verfügung. Zudem kann aber auch ein spezielles Compounding auf individuelle Bedürfnisse oder Nährstoffmängel eingehen; hierbei wird die Zusammenstellung individuell berechnet.

Appetitlosigkeit (Inappetenz)

​Im Rahmen der Tumorbehandlung ist die Abneigung gegen bestimmte Lebensmittel oder Speisen nicht selten. Das Risiko, das damit einhergeht, ist eine Gewichtsabnahme. Diese sollte jedoch vermieden werden, um den Organismus nicht zu schwächen. Wenn eine Inappetenz besteht, sollte dennoch versucht werden auf einen regelmäßigen Mahlzeitenrhythmus zu achten, zusätzlich sollte aber auch ein Hungergefühl ausgenutzt werden. Dies bedeutet, dass durchaus dann gegessen werden darf, wenn ein Hungergefühl auftritt. Lange Vorbereitungs- und Kochzeiten sowie starke Essensgerüche sollten vermieden werden, da diese den Appetit negativ beeinflussen können. Viele kleine Mahlzeiten mit Lebensmitteln mit wenig Eigengeschmack sollten im Vordergrund stehen. Hier haben sich Kompotte, Quarkspeisen oder Obst und Gemüse bewährt. Ebenso sollte auf eine angenehme und gemütliche Atmosphäre beim Essen geachtet werden durch z. B. schöne Tischdecken und Blumen. Auch Radio hören und Tischgespräche erleichtern das Essen.

Geschmacksveränderungen (Dysguesie)

​Die häufigsten Geschmacksmissempfindungen werden hinsichtlich süß und bitter beschrieben, das heißt, dass vermehrt bitterer Geschmack wahrgenommen wird und sich die Schwelle für süß erhöht. Vermutlich löst die Chemotherapie einen metallischen Geschmack bei verschiedenen Lebensmitteln aus. Daher ist es empfehlenswert, milde Speisen zuzubereiten, zum Beispiel Kartoffelbrei, Nudeln und Reis. Es empfiehlt sich, Speisen selbst zu würzen und fertige Gerichte eher zu vermeiden.

Übelkeit und Erbrechen

​Übelkeit und Erbrechen sind meist Nebenwirkungen von Strahlen- und / oder Chemotherapie. Diese Schutzmechanismen des Körpers vor Giftstoffen gilt es nun zu umgehen. Das bedeutet, dass man sich Zeit zum Essen nehmen sollte, gründlich kauen sowie eine hochkalorische, flüssige oder breiige  Kost sollten im Fokus stehen. Unangenehme Essensgerüche sind zu vermeiden und kalte oder lauwarme Gerichte sind heißen Speisen vorzuziehen. Eine leicht verdauliche, fettarme, mild gewürzte Kost in mehreren kleinen Portionen ist für den Kostaufbau geeignet. Anfangs, wenn wieder mit dem Essen begonnen wird, gibt es gute Erfahrungen mit sauren Lebensmitteln wie Äpfeln, Zitronen, Essiggurken oder sauren Bonbons. Diese Lebensmittel regen die Speichelsekretion an und machen damit Appetit. Am wichtigsten ist es jedoch, genügend Flüssigkeit aufzunehmen. In der Regel werden gekühlte Getränke besser akzeptiert. Neben diesen diätetischen Faktoren sollten aber auch entlastende Faktoren berücksichtigt werden. Dies bedeutet, dass der Mund oft ausgespült werden sollte und auch atemstimulierend eingerieben werden kann. Eine Nierenschale oder ein Abwurfbeutel sind in Reichweite zu stellen, jedoch nicht ins direkte Blickfeld. Zum Essen sollte eine aufrechte Sitzposition eingenommen werden. Nach der Nahrungsaufnahme zur Ruhe kommen, sich eventuell hinlegen und darauf achten, dass der Kopf höher liegt als der Körper!

Kam es zum Erbrechen, dass wird empfohlen, den Mund mit mildem Mundwasser oder Pfefferminztee auszuspülen, um den unangenehmen Geschmack zu vermindern. Nach dem Erbrechen benötigt der Organismus 2 - 3 Stunden, um wieder Nahrung aufnehmen zu können. Nach dieser Zeit kann mit salzigen Keksen und / oder mit kleinen Schlucken Flüssigkeit wieder begonnen werden. Auch hier ist eine ruhige und entspannte Umgebung hat positive Auswirkung auf Übelkeit und Erbrechen. Entspannungsübungen zum Beispiel nach Jacobsen, geleitete Phantasiereisen, entspannende Massagen, Ablenkungen durch Musik, Lesen und vieles mehr können unterstützen.

Frische Luft, Duftöle, kaltes oder warmes Wasser für Gesicht und Hals oder eine Wärmeflasche können Linderung verschaffen.

Durchfall (Diarrhoe)

​Das Wichtigste bei Durchfällen ist, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Das bedeutet, dass viel trinken im Vordergrund stehen muss um dem Körper wieder ausreichend Elektrolyte zuzuführen müssen. Deshalb sind isotone Getränke zu bevorzugen. Ansonsten bieten stilles Wasser, lang gezogener schwarzer Tee und Kamillen sowie Fencheltee, eventuell mit etwas Salz und Traubenzucker abgeschmeckt, die Grundlage der Flüssigkeitsaufnahme. Oft kann auch eine zeitbedingte Laktoseunverträglichkeit Ursache für Durchfall sein. Aufgrund der Chemo- oder Strahlentherapie kann die Darmschleimhaut geschädigt sein, was eine verminderte Laktaseproduktion zur Folge hat. Deshalb kann der Milchzucker nicht gespalten und aufgenommen werden. Stopfende Lebensmittel wie geriebene Äpfel, zerdrückte reife Banane, lang gekochte Möhren, Heidelbeeren, Toast, Weißbrot oder Zwieback, leichte Kartoffel- und Nudelgerichte sollten bevorzugt werden. Laugengebäck oder Salzstangen können einen Teil des Elektrolytverlustes ausgleichen. Scharfe, fettige und stark zubereitete, wie z. B. gegrillte oder frittierte Speisen sollten gemieden werden.

Verstopfung (Obstipation)

Verstopfung kann als Nebenwirkungen der Medikation, aber auch durch Bewegungsmangel, Angst und Aufregung verursacht werden. Empfehlenswert ist ein behutsamer Umstieg auf eine ballaststoffreiche Ernährung, sonst kann es zu Druck und Völlegefühl kommen. Geeignete ballaststoffreiche Lebensmittel sind Getreideprodukte, besonders Vollkornprodukte, zum Beispiel in Form von Nudeln, Reis, Keksen und Brei. Ungeschältes Gemüse, gedünstet oder als Salat, sowie Rohkosten von Brokkoli, Erbsen, Bohnen, Linsen, Möhren, Sauerkraut, Rosenkohl, Rot- und Weißkohl, Mais, Sellerie, Rote Beete und Rettich sollten ebenso wie ungeschältes Obst, zum Beispiel Himbeeren, Johannisbeeren und Brombeeren, Birnen, Äpfel und Trockenobst im Speiseplan enthalten sein. Bei einer gesteigerten Ballaststoffzufuhr sollte auf eine adäquate Flüssigkeitsaufnahme geachtet werden. Obstsäfte oder warme Getränke auf nüchternen Magen wirken anregend auf den Darm. Eine ballaststoffreiche Ernährung ist bei einem fortgeschrittenem Tumorstadium kontraindiziert, meist ist eine Verstopfung hier ein Symptom der hohen Schmerzmitteleinnahme, bei gleichzeitiger Abnahme der Flüssigkeitszufuhr und des Aktivitätenniveaus.

Blähungen (Metorismus)

​Eine zeitbedingte Milchzuckerverträglichkeit kann zu Blähungen führen. Auch eine zu hohe und zu schnelle Nahrungszufuhr kann Blähungen auslösen. Nahrungsmittel sollten auf ihre individuelle Verträglichkeit getestet werden, vor allem wenn Patienten, wie im vorigen Absatz beschrieben, auf Vollkornprodukte umsteigen.

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