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Leben mit Krebs

Tumorerkrankungen jeder Art zu behandeln und dabei den Menschen nicht aus den Augen zu verlieren das hat sich das UCCL am Universitätsklinikum Leipzig zum Ziel gesetzt. 

Prof. Dr. Florian Lordick, Direktor des UCCL, und Prof. Dr. Anja Mehnert, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, beantworten Fragen rund um das Thema Leben mit Krebs.​

Vertrauensbeziehung als Grundlage der Behandlung

„Die Diagnose Krebs kommt für die meisten Betroffenen völlig überraschend", so Prof. Dr. Florian Lordick, Direktor des Universitären Krebszentrums Leipzig (UCCL). „Natürlich hat sich jeder schon einmal mit dem Thema beschäftigt, wenn es um Angehörige, Kollegen oder Freunde ging. Aber wenn man dann selbst betroffen ist - das geht an die Substanz." Für den behandelnden Mediziner steht zuallererst eine genaue Aufarbeitung der Situation und medizinischen Fakten im Mittelpunkt. Es geht darum, eine exakte Diagnose zu erstellen über die Art der Erkrankung und ihre Ausbreitung. Nur damit ist dann in der Folge eine sinnvolle Therapieplanung möglich.

„Im Krebszentrum versuchen wir, den Patienten den Prozess genau zu erklären", betont der Onkologe Prof. Lordick. „Wir wissen, dass die Diagnosevermittlung eine besondere Situation ist. Deshalb wird nicht nur über die gegenwärtige Lage, sondern auch über die nächsten Schritte gesprochen, um auf das Licht am Ende des Tunnels aufmerksam zu machen. Immerhin können wir deutlich mehr als 50 Prozent unserer Patienten gänzlich heilen."

Die Betroffenen erleben viele Ängste und fühlen große Unsicherheiten, bestätigt Prof. Anja Mehnert, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Deshalb ist es sehr wichtig, dass eine Vertrauensbeziehung zwischen dem Patienten und dem Behandlungsteam aufgebaut wird. Der Betroffene wird am Anfang Zeit brauchen, sich an einen Gedanken zu gewöhnen, an den man sich gar nicht gewöhnen will. Zunächst sind häufig ganz viele simple praktische Fragen zu klären, von der Krankschreibung bis dahin, wer die Katze nimmt, während man im Krankenhaus ist. Mit fortschreitender Zeit sind dies aber auch Fragen nach dem Umgang mit der Erkrankung und den vielfältigen psychosozialen Belastungen, die damit einhergehen. Auch deshalb ist eine ständige Kommunikation mit den Angehörigen wichtig. Wenn die Familie zusammensteht, wird vieles leichter."

Apropos Kommunikation. Für den Patienten ist es wichtig, dass er den Arzt versteht. Wenn lateinische Begriffe durch den Raum schwirren: Wer gibt als Betroffener schon gern zu, dass er Bahnhof versteht? „Das Kommunikationstraining spielt eine zunehmende Rolle in der Ausbildung der Ärzte", so Prof. Lordick. Dafür gebe es bundesweit einen neu entwickelten Ausbildungskatalog. An der Universität Leipzig setzt Prof. Mehnert bereits seit längerem ein ganz innovatives Kommunikationstraining für Ärzte in der Krebsmedizin um. Der Patient am UCCL könne sicher sein, dass seine behandelnden Ärzte immer versuchen, möglichst schnell von der Arbeitssprache in die Patientensprache umzuschalten.

„Wir Psychoonkologen haben zweimal wöchentlich Sprechstunden im UCCL, und auch auf Stationen ist immer einer meiner Kollegen ansprechbar", sagt Prof. Mehnert. „Damit steht dem Patienten, der unser Angebot annehmen will, immer ein ausgebildeter und examinierter Gesprächspartner zur Seite, die reden und erklären, aber auch zuhören und beraten kann. Das gehört zu einem zertifizierten Krebszentrum wie dem UCCL."

Fatigue - das Erschöpfungssyndrom

Krebspatienten können im Laufe ihrer Erkrankung und Behandlung zu einer schweren körperlichen und geistigen Erschöpfung kommen. „Dieses Erschöpfungssyndrom, das wir als tumorbedingte Fatigue bezeichnen, stellt leider eine der häufigen Nebenerscheinungen der Krebserkrankung und der Therapie dar", so Prof. Lordick. „Ein genereller fehlender Antrieb, ständige Konzentrationsschwächen, durch Schlaf und Ruhe nicht auszugleichende Müdigkeit und Kraftlosigkeit - das bedeutet für die Patienten erhebliche Einschränkungen in der Arbeit und in der Familie."

Diesem Erschöpfungssyndrom versuchen die Ärzte und Psychologen am Universitären Krebszentrums Leipzig medizinisch zu begegnen. „Wir müssen zuerst ausschließen, dass die Fatigue organische Ursachen hat. Eine Funktionsstörung von Drüsengewebe, wie beispielsweise eine Unterfunktion der Schilddrüse, könnte ja die Ursache des Erschöpfungszustandes sein", erklärt Prof. Lordick. „Vielleicht müssen wir auch die Krebstherapie modifizieren oder Depressionen sind die Ursache."

„Fatigue ist meist ein multifunktionelles Leiden, das nicht leicht zu behandeln ist", sagt Prof. Mehnert. „Denn der Patient vergleicht seinen körperlichen Zustand während der Behandlung immer mit dem vor der Erkrankung. Und das kann zu einem negativen Eindruck führen, der depressiv macht." Wichtig sei deshalb, im Behandlungsplan realistische Ziele aufzustellen und Erholungsphasen zu schaffen.

Neben Medikamenten, und meistens sogar viel wichtiger als diese, können körperliche Bewegung und psychische Unterstützung helfen. „Früher hieß es: schonen, schonen, schonen. Heute wissen wir, dass moderate Bewegung für Körper und Geist des Krebspatienten besser ist", betont Prof. Lordick. „Beispielsweise ist bei vielen Patienten der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört. Ein strukturiertes Bewegungsprogramm kann helfen, wieder zu einem gesunden Schlaf zu finden. Schließlich  verändert Bewegung die Durchblutung und die Pulsfrequenz, zudem wird das vegetative System aktiviert. All das ist für den Körper gut und hellt auch die Stimmung auf."

​Arbeit und Studium trotz Krebserkrankung

Kann man trotz Krebserkrankung weiter arbeiten und studieren? - „Ja, das ist bei vielen Krebserkrankungen möglich. Es gibt nur wenige Behandlungen oder schwere Krankheitsverläufe, bei denen wir zur vollständigen Krankschreibung raten", sagt Prof. Florian Lordick. „Hier in Leipzig haben wir sehr viele Patienten, die weiter arbeiten gehen oder ihr Studium fortsetzen wollen - und das mit unserer Hilfe durchaus können."

Prinzipiell müsse aber jeder Patient auch für sich selbst mitentscheiden, wie viel er auf sich nimmt. Denn Erkrankung und Behandlung verlangen Körper und Geist schon viel ab. „Ich rate aber generell, dass die wesentlichen Dinge, die für den Betreffenden zum Leben gehören, weitergeführt werden", so Prof. Lordick. „Viele definieren sich auch über Ihre Arbeit, brauchen die Anforderungen oder den Erfolg im Job. Deshalb wollen sie weiter berufstätig sein. Oder die jungen Menschen, die mitten im Studium von der Diagnose Krebs getroffen werden: Die wollen häufig weiter - soweit es geht - aktiv sein und lernen. Wenn der Wille da ist und es keine medizinischen Hürden gibt, stimmte ich da zu. Arbeit und Studium geben Halt, auch indem sie dem Tag eine Struktur und dem Leben wichtige Inhalte verleihen."

Prof. Anja Mehnert rät, mit dem Vorgesetzten und dem Betriebsrat Lösungen zu finden, damit Arbeit oder Studium trotz Krebsbehandlung weitergehen können. Es können durchaus Lösungen gefunden werden, die auch ein zeitweises Pausieren oder eine stufenweise Wiedereingliederung ermöglichen - in der Therapie, damit beispielsweise wichtige Prüfungen absolviert werden können, oder in der Berufstätigkeit oder im Studium, damit nötige Behandlungsschritte zu vollziehen sind. Ein Schwerbehindertenausweis unterstreicht die Rechte des Patienten; einem Krebspatient kann dann zum Beispiel von seinem Arbeitgeber nicht gekündigt werden. Wichtig sind auch die Angebote zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation und umfassende Beratungsangebote im Rahmen der onkologischen Rehabilitation, die viele Patienten als hilfreich empfinden.

„Arbeit oder Studium helfen bei der Krankheitsbewältigung", sagt Prof. Mehnert. „Denn ein Netzwerk, bestehend aus Familienangehörigen und Freunden, aber auch aus Arbeitskollegen ist für den Patienten bedeutsam. Denn es hilft, wenn die bestehenden sozialen Kontakte fortgesetzt werden können." Zudem rät die Psychologin, mit anderen Betroffenen zu sprechen, sich zu informieren und austauschen. Im Kreise von Betroffenen gibt es gute Ratschläge, Erfahrungen und Lösungsansätze. „Man ist mit seinem ganz konkreten Problem nicht allein - das ist wichtig", betont sie.

Auch wenn Arbeit oder Studium nicht immer mit den Anstrengungen von Erkrankung und Therapie zu verbinden sind: „Viele Krebspatienten sind hoch motiviert, nach der Behandlung wieder arbeiten zu gehen", sagt Prof. Lordick. „Das bedeutet, dass Patient, Arbeitgeber und behandelnder Arzt gut planen müssen, wie es nach dem Krebs weitergeht. Welche Auswirkungen wird die Behandlung haben? Welche Arbeiten kann der Betreffende verrichten? Wie sollen mögliche Einschränkungen und Veränderungen kommuniziert werden? Da müssen Entscheidungen sehr sorgsam überlegt werden. Aber auch für solche Blicke weit voraus haben die Ärzte und Berater unseres Krebszentrums Erfahrungen, die für die Patienten sehr nützlich sind."

Krebs und Partnerschaft

„Wenn der an Krebs Erkrankte einen Partner hat, wird dieser natürlich von uns in die Betreuung einbezogen", sagt Prof. Lordick. „Denn wir wissen: Der Partner wird durch die schwere Erkrankung mit belastet. Andererseits ist der Kranke nicht auf sich allein gestellt; die Last wird geteilt."

Die Partner kommen oftmals mit zur Beratung ins Universitäre Krebszentrum Leipzig. „Das stabilisiert den Erkrankten, gibt ihm Kraft und Zuversicht. Zudem wird dadurch ermöglicht, dass der Kranke nötige Entscheidungen nicht allein treffen muss", so der Leipziger Onkologe.

Die emotionale Belastung der Angehörigen - und dabei natürlich in erster Linie des Partners - ist nicht selten noch höher als die des Patienten, betont Prof. Mehnert und nennt Gründe dafür: „Der Patient steht natürlich zunächst im Mittelpunkt der Behandlung. Der Partner muss in dieser Situation zusätzlich zur Sorge um den Patienten  vieles mit übernehmen. Dazu gehören Funktionen des Erkrankten z.B. im Alltag, muss dazu noch viel organisieren, sucht Informationen über die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten, hält meist allein die Kontakte nach außen, betreut jetzt meist allein die Kinder. Da kommt schon etwas zusammen."

Psychoonkologen unterstützen die Angehörigen dahingehend, dass sie sich nicht völlig mit den neuen Aufgaben überfordern. „Auch der Partner oder die Partnerin braucht Möglichkeine, den Kraftspeicher wieder aufzufüllen. Viele Angehörige überfordern sich in dieser Situation - häufig aus Liebe und Fürsorge zum Erkrankten - ohne an sich selbst zu denken. Dies kann zu einer extrem hohen Belastung der Angehörigen führen. Deshalb ist es wichtig, hier auch die eigenen Belastungsgrenzen zu erkennen und sich Unterstützung zu suchen."

Partnerschaft und Sexualität gehören für viele Menschen zusammen - auch in Zeiten schwerer Erkrankungen. Natürlich leidet die Lust unter der Behandlung, mögliche körperliche Einschränkungen verstärken die Probleme, die entstehen können. Stabile Partnerschaften halten diese Belastungen zwar aus; eine gemeinsame psychologische Betreuung ist in manchen Partnerschaften dennoch sinnvoll und kann die Beziehung und Offenheit miteinander fördern, sagen Prof. Lordick und Prof. Mehnert.

Beide Partner wissen, dass sie eine Ausnahmesituation erleben und diese nur gemeinsam bewältigen können. Natürlich können sich die Sexualität und Intimität durch die Erkrankung z.B. durch Funktionseinschränkungen oder das Gefühl, nicht mehr attraktiv zu sein, verändern, was für beide Partner häufig eine Belastung darstellt. 

Manchmal entsteht dadurch ein Teufelskreis. Der kranke Partner schämt sich seiner Unzulänglichkeiten und weist deshalb den gesunden Partner ab. Der wiederum meint, der Kranke braucht viel Ruhe und will sich nicht aufdrängen. „In der Folge zieht sich jeder in sich zurück - und am Ende leben beide nebeneinanderher. Wenn die Krankheit überstanden ist, fällt es schwer, sich wieder aufeinander zuzubewegen. Deshalb mein Rat: Reden Sie miteinander, teilen Sie dem anderen auch Ihre Befürchtungen mit, Ihre Ängste und Nöte. Eine Partnerschaft ist nicht nur für sonnige Tage da, sondern auch für schwere Zeiten. Außerdem: Das gemeinsame Überwinden einer Bedrohung kann eine Partnerschaft unglaublich stärken", sagt Prof. Mehnert."

​Tumorerkrankung und Kinderwunsch

Krebserkrankungen treffen zwar meist Menschen in höherem Alter. Aber immerhin erkranken in Deutschland jährlich auch 15 000 aus der Gruppe der 15- bis 39-Jährigen. „Hier muss man therapeutisch zum Teil anders herangehen", so Prof. Lordick. „Schließlich geht es nicht nur um den Sieg gegen den Krebs, sondern auch um den Erhalt der Fertilität, also der Fruchtbarkeit."

Manche Tumorarten wirken direkt auf die Produktion von Samen- oder Eizellen und können so eine Unfruchtbarkeit auslösen. So ist zum Beispiel die Samenqualität bei Männern mit Hodenkrebs häufig schon zum Zeitpunkt der Diagnose stark herabgesetzt. Auch Leukämien, Lymphome und Tumore des zentralen Nervensystems können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Sind vom Krebs Fortpflanzungsorgane wie Gebärmutter, Eierstöcke oder Hoden betroffen, müssen diese eventuell entfernt werden. Aber: Je nach Stadium der Erkrankung kann für Betroffene eine schonendere Operation in Frage kommen, bei der das Organ ganz oder teilweise erhalten werden kann.

Oft sind es aber die verschiedenen Krebstherapien, die das Risiko steigern, unfruchtbar zu werden. Deshalb gilt es, in Beratungsgesprächen das Thema Kinderwunsch anzusprechen und dann dem Patienten zu erklären: Welche Chancen gibt es überhaupt, die Fortpflanzungsfähigkeit zu erhalten? Welche Krebstherapien bergen ein hohes Risiko für die Fruchtbarkeit? „In vielen Fällen ist ein Fertilitätserhalt durchaus realisierbar", versichert Prof. Lordick. „Es gibt eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten. Angefangen von der Samenspende beim Mann bis hin zu teilweise noch in Entwicklung befindlichen Eizellkonservierungstechniken bei der Frau. Eine eingehende und fachkundige Beratung der betroffenen Personen ist hier ganz wichtig. In manchen Fällen kommt es auch darauf an, wie der Tumor genau operiert und bestrahlt werden kann. Und es gibt den Patientenwunsch, der über allem steht."

Ins Universitäre Krebszentrum Leipzig kommen viele junge Erwachsene mit Krebserkrankungen. „Dies hat natürlich damit zu, dass wir einerseits sehr innovative Therapieangebote haben", sagt Prof. Lordick. „Andererseits stehen den Patienten erfahrene Psychologen zur Seite."

„Das Zusammenfallen von Krebsdiagnose und vorhandenem Kinderwunsch lässt für den Patienten oder die Patientin und die Lebenspartner eine außergewöhnlich schwere Situation entstehen", erklärt Prof. Mehnert. „Es ist nicht nur die Krankheit und deren Behandlung zu verarbeiten, sondern man muss auch noch an ein anderes Leben denken, das keine Chance hätte, wenn man es bei der Krebstherapie nicht beachten würde."

Die Behandlung der Krebserkrankung steht natürlich im Vordergrund. Aber schon die Diagnose verändert die Lebensperspektiven bei jungen Frauen und Männern, so Prof. Mehnert. „Kann ich noch ein Kind bekommen? Und wenn ja: Kann ich es noch aufwachsen sehen? Das sind quälende Fragen, auf die wir gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen zumindest versöhnliche Antworten finden können."

​Bewegung verbessert das Befinden

Kann man, soll man, darf man Sport treiben, wenn Krebs diagnostiziert wurde? „Es gibt nur wenige Krebserkrankungen, bei denen wir Ärzte das Sporttreiben untersagen müssen", so Prof Dr. Florian Lordick, Direktor des Universitären Krebszentrums Leipzig. „Bei einem Knochenkrebs, der die Stabilität von Extremitäten beeinträchtigt, wäre Joggen beispielsweise höchst gefährlich. Im Prinzip darf und soll der Krebspatient sich aber bewegen, auch sportlich betätigen. Denn Sport verbessert in vielen Fällen das Befinden, stärkt das Immunsystem und macht manche Behandlungen erträglicher."

Klar müsse allerdings sein: Die Krankheit kann man mit Sport nicht „wegtrainieren". Deshalb gehe es nicht darum, den Körper an seine Grenzen zu bringen, um damit vielleicht dem Krebs zu schaden. Sinnvoll sei jede Art von Bewegung, solange sie als angenehm empfunden werde.

„Das Bewegen hat für den Patienten auch eine psychische Komponente", betont Prof. Dr. Anja Mehnert, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Sportliche Betätigung bringt auch ein Stück Selbstvertrauen: Ich kann etwas für mich tun und aktiv am Leben teilhaben. Wichtig ist, sich Ziele zu setzen, die auch erreicht werden können, um sich zu motivieren und nicht zu überfordern. Eine schwere Erkrankung und die Behandlungen verschleißen auch Kräfte. Wenn sportliche Aktivitäten zu anstrengend oder aus anderen Gründen nicht möglich sind, reicht auch ein ausgiebiger Spaziergang an der frischen Luft. Auch das kann schon Sport genug sein."

Medizinisch gibt es zudem Hinweise, dass Krebspatienten, die sich körperlich betätigen, eine bessere Prognose haben. Weitere Kriterien, die die Aussichten auf Heilung verbessern, sind ein Normalgewicht und ein guter Zustand des Immunsystems - und genau diese Kriterien können mit Sport günstig beeinflusst werden. Außerdem gilt Bewegung als Vorbeugemaßnahme vor Rezidiven: Körperliche Aktivität nach einer Tumorerkrankung reduziert die Gefahr eines Rückfalls und erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine dauerhafte Heilung.

„Die Art des Sportes, den der Krebspatient betreiben kann und soll, geben wir freilich nicht vor", erklärt Prof. Lordick. „Da gibt es zu viele persönliche Vorlieben. In der Regel gut sind Laufen, Radfahren und Schwimmen. Aber auch hier kommt es auf die Art der Erkrankung an. Einem Mann mit frisch behandeltem Prostatakrebs würde ich beispielsweise nicht zum Radfahren raten."

Prof. Mehnert verweist da nochmals auf den Spaziergang: „Der bringt schon sehr viel. Ich versuche immer, den Patienten zu vermitteln: Körperliche Aktivität ist für das psychische Befinden gut. Sport und Bewegung verhindern den Teufelskreis aus Krankheit, Depression und Vereinsamung."

Dem stimmt Prof. Lordick vorbehaltlos zu: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Patienten unter dem tumorbedingten Fatigue-Syndrom leiden. Diese schwere körperliche und geistige Erschöpfung ist schon schlimm genug für den Betroffenen, erschwert aber noch dazu das Behandeln der eigentlichen Erkrankung, des Krebses. Als wirksames Verfahren gegen Fatigue hat sich Bewegung, speziell ein vorsichtig dosiertes Ausdauertraining,

​Alternative Heilverfahren

Schulmedizin, alternative Heilverfahren, Komplementärmedizin - bei einer Krebserkrankung greift so mancher Betroffene nach allem, was helfen könnte. „Die sogenannte Schulmedizin, die wir wissenschaftliche Medizin nennen, umfasst alle diagnostischen und therapeutische Verfahren, die aufgrund wissenschaftlicher Nachweise von Vorteil für den Patienten sind", erklärt Prof. Lordick. „Was mit dem Wort Alternativmedizin umschrieben wird, sind Methoden und Verfahren, die angeblich statt der wissenschaftlichen Medizin eingesetzt werden können, obwohl überzeugende Daten bezüglich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit fehlen. Die Komplementärmedizin wiederum umfasst Verfahren, die - ergänzend zur wissenschaftlichen Medizin - das  Befinden des Patienten verbessern können."

Alternative Heilverfahren statt der bewährten wissenschaftlichen Therapien einzusetzen, hält der Direktor des Universitären Krebszentrums Leipzig für äußerst gefährlich, weil Heilungschancen verloren gehen können. Gegen Komplementärbehandlungen wie Yoga oder andere Entspannungsverfahren oder sogar manche Therapien auf stofflicher Basis (Pflanzenprodukte, Mineralstoffe, Vitamine) sei nichts einzuwenden, wenn die eigentliche Behandlung nicht beeinträchtigt werde. Dies allerdings ist nicht immer so einfach herauszufinden, da viele Komplementärverfahren eher aufgrund begrenzter persönlichen Erfahrungen als auf der Basis belastbarer Erkenntnisse empfohlen werden.

„Der Markt der alternativen Methoden und Therapeutika ist sehr schillernd und wird teils von Anbietern bedient, die vor allem Geld verdienen wollen", so Prof. Lordick. „Ich rate meinen Patienten, mit mir zu besprechen, was sie ergänzend anwenden wollen. Manches macht Sinn, manches nicht, sondern kostet nur Geld - und kann total kontraproduktiv sein."

Die Psychologin Prof. Mehnert kann das Verhalten mancher Patienten nachvollziehen: „Aus psychologischer Sicht ist es gut, wenn man etwas für sich tut, wenn Patienten und Angehörige aktiv etwas zur Genesung beitragen möchten. Aber wenn dadurch Gefahren entstehen, sollte man das Angebot des Arztes annehmen und ohne Angst mit ihm besprechen, was sie vorhaben. „Wir wissen, dass manche Patienten ganz viel zusätzlich zur wissenschaftlichen Therapie machen, es aber nicht sagen, weil sie denken, der Arzt wird dies vielleicht nicht gutheißen. Es ist aber wichtig auch mit Blick auf mögliche Nebenwirkungen, in einem vertrauensvollen Verhältnis mit dem behandelnden Arzt solche Optionen offen zu besprechen: Ein guter Arzt ist der Partner des Patienten und sollte sich die Zeit nehmen, um diese Optionen abzuwägen und zu einer gemeinsamen Entscheidung und Behandlungsplanung beizutragen."

Angesichts der Vielzahl von Angeboten, die als sogenannte Alternativen gepriesen werden, ist es sehr nachvollziehbar, Dass Patienten sich aus diesem Riesenregal bedienen. „Reden Sie mit uns", appelliert Prof. Lordick. „Wir erkennen sehr schnell, ob ein Angebot seriös ist oder nicht. Schöne Worte und pseudowissenschaftliche Angaben sind vom medizinischen Laien nicht leicht zu entlarven. Ich versichere: Wir erkennen in dem Dschungel, wo Gefahren sind. Denn gefährliche Ansätze bei den alternativen Methoden können Patienten zu Verhaltensweisen führen, die die eigentliche Krebstherapie ad absurdum führen, oder ihn gefährliche Substanzen einnehmen lassen."

„Auch wenn versprochen wird, dass mit positivem Denken der Krebs zu bezwingen ist - das funktioniert leider nicht", so Prof. Mehnert. „Natürlich ist eine positive und optimistische Grundhaltung gut. Aber auch traurige Gedanken und ein ernstes Nachdenken sind wichtig und nicht schädlich und gehören zur Verarbeitung der Erkrankung dazu."

Es ist nicht nur die pure Verzweiflung, die Patienten dazu treibt, beispielsweise dubiose Pilz- oder Kräuterpräparate einzunehmen. „Ich erinnere mich an eine Patientin, die wir aus einem wochenlangen Niederliegen ihres Immunsystems nur mit Glück und viel Können retteten", sagt Prof. Lordick. „Das schlecht untersuchte chinesische Pflanzenprodukt hatte eine giftige und zerstörerische Wirkung auf ihr Knochenmark gezeigt. Sie wollte eigentlich nur einen eigenen Beitrag zu ihrer Genesung leisten. Zudem fühlte sie sich - wie andere Patienten auch - einem medizinischen Apparat ausgeliefert, der etwas aus ihr herausschneidet, ihr belastende Medikamente verabreicht und Bestrahlungen vornimmt. Außerdem bekommen Krebspatienten von Verwandten, Freunden und Bekannten Tipps und Ratschläge, vor denen sie sich nicht retten können. Das ist nicht immer hilfreich. Ich zitiere da gern einen meiner Lehrer: Ratschläge sind manchmal tatsächlich Schläge. Deshalb sollte man sich auch vor manchem gut gemeinten Ratschlag in Acht nehmen." Denn nicht immer ist gut gemeint auch tatsächlich gut.

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