ATP-sensitive P2X7-Rezeptoren sind an der Pathogenese psychiatrischer/ neurologischer
Erkrankungen beteiligt
Rudolf-Boehm-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Leipzig, Deutschland und Internationales Forschungszentrum für Purinerge Signalübertragung der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin, Chengdu, China
ATP ist einerseits ein intrazelluläres, energiespeicherndes Molekül, aber andererseits kann es in den Extrazellulärraum gelangen, wo es an in der Zellmembran lokalisierten P2-Rezeptoren (P2R) bindet und dadurch als Signalmolekül in Erscheinung tritt. P2R werden zwei Subtypen zugeordnet: P2XR sind ATP-stimulierte Ionenkanäle, während P2YR an G-Proteine gekoppelt sind. Der P2X7R ist der wichtigste Subtyp seiner Klasse, da er in fast allen Körperzellen vorkommt (allerdings vorzugsweise in Immunzellen) und nach seiner Aktivierung transmembranäre Kationenströme initiiert. Die Depression ist eine psychiatrische Erkrankung, die durch das Zusammenwirken von genetischen, entwicklungsbiologischen und Umwelt-Faktoren bedingt ist. Sie weist als Symptome extreme Traurigkeit, depressive Stimmungslage und Verlust an jeglichem Interesse auf; einzelne Phasen dauern mindestens 2 Wochen und schränken die Funktionsfähigkeit der Patienten im sozialen- und Beschäftigungs-Bereich gravierend ein. Gängige Tiermodelle der Depression beruhen auf der Einwirkung von akutem oder chronischem Stress. Wir konnten bei beiden Arten von Tiermodellen zeigen, dass ATP-sensitive P2X7-Rezeptoren an der Pathogenese des Depressions-ähnlichem Verhalten der Mäuse und Ratten ursächlich beteiligt sind. Für diesen Zweck verwendeten wir elektrophysiologische (Patch-Clamp), immunhistochemische (Laserscanning- und Zweiphotonen-Mikroskopie), molekularbiologische und verhaltenspharmakologische Methoden, und arbeiteten an Zellkulturen, Gehirnschnitten und am Ganztier. Hirnschnitte wurden aus zwei an der Steuerung von Verhaltensweisen beteiligten Gebieten des Gehirns, dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex, angefertigt. Knockout/Knockdown-Verfahren und transgene Mäuse wurden für unsere Fragestellungen verwendet. In früheren Arbeiten widmeten wir uns der Rolle von P2X7R in der Analgesie. Derzeit gilt unser besonderes Interesse der Epilepsie-bedingten „Major Depression“, die durch die massive Freisetzung von ATP aus geschädigten Gehirnzellen und dessen Interaktion mit astrozytären P2X7R begleitet wird. Alle Ergebnisse haben potentielle klinische Bedeutung, da Blut-Hirn-Schranken-gängige P2X7R-Antagonisten bei verschiedenen psychiatrischen/neurologischen Krankheiten als primäre oder adjuvante Therapie verwendet werden könnten. An der Entwicklung solcher Medikamente besteht großes Interesse auch vonseiten der pharmazeutischen Industrie.
Drei relevante Publikationen:
Zhao, Y.F, Ren, W.J., Zhang, Y., He, J.R., Ying, H.Y., Liao, Y., Rubini, P., Deussing, J.M., Verkhratsky, A., Yuan, Z.Q., Illes, P., Tang, Y.: High, in contrast to low levels of acute stress induce depressive-like behavior by involving astrocytic, in addition to microglial P2X7 receptors in the rodent hippocampus. Int. J. Mol. Sci. 23(3):1904, 2022.
Sun, M.-J., Ren, W.-J., Zhao, Y.-F., Li, X., Yin, H.Y., Verkhratsky, A., Engel, T., Rubini, P., Tang, Y., Illes, P.: Hippocampal P2X7 and A2A purinoceptors mediate cognitive impairment caused by long-lasting epileptic seizures. Theranostics, 15:3159-3184, 2025.
Ren, X.-Y., Rubini, P., Engel, T., Tang, Y., Illes, P.: Purinergic modulation of major depressive disorder: experimental findings, pathogenesis, and therapeutic implications. Pharmacol. Res. 221:107989, 2025.