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Unsere Arbeit - Der Kliniksozialdienst am UKL



Interview mit Annette Keller, Leiterin des UKL-Sozialdienstes

​„Die psychosozialen Fragestellungen werden immer komplexer“

Der Kliniksozialdienst am UKL unterstützt Patienten in herausfordernden Lebensphasen

Eine Erkrankung, die mit einem stationären Aufenthalt verbunden ist, kann eine Krisensituation sein, die das komplette Leben auf den Kopf stellt. Der Patient sieht sich beispielsweise nach einem Unfall mit einer ganz anderen Lebenssituation und sozialen Problemlagen konfrontiert, von denen er während des Krankenhausaufenthaltes gar nicht einschätzen kann, wie sie sich entwickeln werden. Andere Patienten bedürfen direkter sozio-therapeutischer Hilfe. Dies sind Probleme und Aufgaben, für welche die 27 Mitarbeiter des Kliniksozialdienstes zuständig sind. Wir sprachen mit der Leiterin des Kliniksozialdienstes am UKL, Annette Keller.

Frau Keller, wie wichtig ist die soziale Arbeit im Krankenhaus?

An einem Krankenhaus der Maximalversorgung wie dem UKL ist der Kliniksozialdienst direkter Bestandteil der Patientenversorgung und somit unmittelbar in den Behandlungsprozess eingebunden: sei es (sozio-)therapeutisch oder pädagogisch wie bei den Kollegen in den psychiatrischen Bereichen und der Tagesklinik für kognitive Neurologie oder sozialarbeiterisch bzw. sozialpädagogisch in der Bedarfsermittlung, Beratung, Koordination und Organisation des nachstationären Hilfe- und Versorgungsbedarfs des Patienten. Dabei ergänzt soziale Arbeit die klinische Behandlung insbesondere mit einer ganzheitlichen Sichtweise, welche auch die psychische und soziale Situation der Patienten berücksichtigt. Hier gilt es oft, die durch die Erkrankung völlig neuen Lebensumstände der Patienten zu begleiten, Ressourcen zu ermitteln und Hilfskonzepte anzubieten. Besonders im pädiatrischen und im geriatrischen Bereich steht oftmals die gesamte Familie vor einem Umbruch der Lebenssituation. Der Kliniksozialdienst am UKL gewährleistet mit hoher Schnittstellenkompetenz und genauer Kenntnis der Versorgungssysteme eine bestmögliche Begleitung, Beratung und Versorgung der Patienten in herausfordernden Lebensphasen.

An welchen Stellen kommt der klinische Sozialdienst am UKL zum Einsatz? Was sind seine Handlungsfelder?

Generell kann man sagen, dass der Sozialdienst in allen stationären, teilstationären und teilweise ambulanten Einrichtungen des UKL zum Einsatz kommt, denn in jeder Lebensphase können Patienten mit Problemen konfrontiert werden, bei denen der Sozialdienst mit Unterstützungsangeboten zur Seite stehen kann. Die konkreten Aufgaben der sozialen Arbeit im Krankenhaus sind sehr vielfältig und hängen stets von der Ausrichtung der Klinik ab. Neben der individuellen psychosozialen und sozialrechtlichen Beratung und sozio-therapeutischen Begleitung übernimmt soziale Arbeit viele der notwendigen Vernetzungs- und Koordinierungsaufgaben. Diese Leistungen sind verpflichtend gesetzlich geregelt im Sozialgesetzbuch sowie im Sächsischen Krankenhausgesetz.

Können Sie das verdeutlichen?

Am UKL werden häufig schwere und komplexe onkologische, neurologische, psychische Erkrankungen behandelt, die neben den körperlichen Auswirkungen große psychische Belastungen mit sich bringen und die persönliche, familiäre, berufliche und soziale Situation erheblich verändern können. Soziale Arbeit im Krankenhaus hat die Aufgabe, gemeinsam mit den betroffenen Menschen, ihrem Umfeld und weiteren Berufsgruppen Ressourcen und Potentiale im Einzelfall zu erschließen sowie die Möglichkeiten des Sozial- und Gesundheitssystems für eine wirksame und effiziente Leistungserbringung zu bündeln. Hierbei müssen auch die wirtschaftlichen Belange des Krankenhauses unbedingt beachtet werden. Weiterhin ist der Kliniksozialdienst in das standardisierte Entlassmanagement am UKL eingebunden, welches seit Oktober 2017 gesetzlich verpflichtend ist und darauf abzielt, die bedarfsgerechte kontinuierliche Versorgung der Patienten im Anschluss an die Krankenhausbehandlung zu gewährleisten.

Stichwort Entlassmanagement: Wie darf man sich das Prozedere vorstellen?

Mit der Aufnahme beginnend, wird der individuelle nachstationäre Versorgungsbedarf durch die am Behandlungsprozess beteiligten Berufsgruppen gemeinsam mit den Patienten und seinen Angehörigen erhoben. Dementsprechend werden Angebote vorgestellt und ein Hilfeplan entwickelt. Auf dieser Grundlage werden dann die entsprechenden Maßnahmen beantragt, Kostenübernahmen organisiert und Leistungen koordiniert. 

Der Bedarf an klinischer Sozialarbeit ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Woran liegt das?

In dem wachsenden Bedarf an sozialer Arbeit spiegeln sich teilweise gesamtgesellschaftliche Veränderungen wider. So sind etwa eine zunehmende Differenzierung der Lebensverhältnisse zu beobachten, neue Formen des Zusammenlebens oder die Anforderung nach Mobilität und Flexibilität im Arbeitsleben. Seit Jahren steigt auch die Zahl allein lebender Menschen. Die traditionellen Hilfsnetzwerke Familie, Nachbarschaftshilfe, brechen häufig weg und funktionieren nicht mehr. Die psychosozialen Fragestellungen werden immer komplexer. Auch die demografische Entwicklung, die zunehmend alternde Gesellschaft, die Zunahme an chronischen Erkrankungen sowie die Umstrukturierung des Versorgungssystems nach dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ sind wesentliche Faktoren für den steigenden Bedarf an Sozialarbeit insgesamt und somit auch hier am UKL. Dies alles findet sich in steigenden Fallzahlen wieder, wobei insbesondere die sogenannten Schwerpunktfälle stetig zunehmen. 

Vor kurzem wurde der Kliniksozialdienst als Zentrale Einrichtung am UKL etabliert – was heißt das genau?

Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen sind überall am Klinikum tätig, ihre Aufgaben umfassen ein weites Spektrum. Die Zusammenführung in einer Zentralen Einrichtung ermöglicht es, das Spezialwissen der Kolleginnen und Kollegen zu bündeln und so der beschriebenen zunehmenden Komplexität auf dem Gebiet der Sozialarbeit gerecht zu werden, wobei der jeweilige klinikspezifische Auftrag natürlich beibehalten bleibt. Darüber hinaus bietet die Zusammenführung die Chance für gemeinsame Weiterbildungen, einheitliche fachliche Standards, die schnellere Umsetzung neuer gesetzlicher Anforderungen und anderes mehr. Noch stehen wir am Anfang, dies gemeinsam zu gestalten. Ich persönlich verbinde mit dieser Entwicklung auch eine neue Form der Sichtbarkeit des Sozialdienstes innerhalb und außerhalb des UKL.​

  • ​erschienen in: Berufung Medizin – Das Mitarbeitermagazin der Universitätsmedizin Leipzig, Ausgabe 41 / Juli 2018​

Die Aufgaben von Kliniksozialarbeiter:innen

​Der Kliniksozialdienst (KSD) am UKL fungiert als Bindeglied zwischen der Klinik, dem sozialen Umfeld der Patienten und externen Einrichtungen oder Diensten. Im KSD-Team arbeiten Sozialarbeiter/Sozialpädagogen mit einem entsprechendes Hochschulstudium und gegebenenfalls Zusatzqualifikationen. Als Leiterin des KSD trägt Annette Keller die fachliche Verantwortung für alle am UKL tätigen Sozialarbeiter. „Wichtig für die klinische Sozialarbeit ist neben der fachlichen Kompetenz vor allem die Liebe zum Beruf, und die ist zweifelsohne bei allen Kollegen gegeben“, ist Keller überzeugt und verweist auf die geringe Fluktuation im Team. „Man wird nicht einfach so Kliniksozialarbeiter“, lächelt sie. „Wir brennen für unsere Arbeit und unsere Patienten.“

Die klinische Sozialarbeit ist abwechslungsreich, „eine anspruchsvolle Mischung aus ‚direkt dran am Geschehen‘ und administrativen Tätigkeiten“. Und sie ist sinnstiftend. „Wir geben Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt wieder eine Perspektive“, bringt es Annette Keller auf den Punkt.

Um das zu erreichen, besitzen Kliniksozialarbeiter ein breites sozialrechtliches Wissen und sind mit dem komplexen Sozialleistungssystem bestens vertraut. „Veränderungen in der Versorgungslandschaft und Gesetzeslage spielen eine große Rolle in unserem Beruf“, erklärt Kliniksozialarbeiterin Jane Strauch. „Da müssen wir immer am Ball bleiben.“ 

Fachlicher Austausch ist eine weitere Säule der klinischen Sozialarbeit. Innerhalb des Klinikums erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit anderen Professionen, um ein umfassendes Bild über den Gesundheitszustand von Patienten zu erhalten. „Mit den Pflegefachkräften besprechen wir zum Beispiel, welche physischen und psychischen Fähigkeiten bzw. Einschränkungen der Patient aktuell hat, mit dem Physiotherapeuten, welche Mobilität der Patient prognostisch wiedererlangen könnte“, erläutert Jane Strauch. Auch nach außen sind Sozialarbeiter sehr gut vernetzt, beispielsweise mit den städtischen karitativen Einrichtungen, welche die Patienten auch nach dem Krankenhausaufenthalt vor Ort unterstützen können.

Ganz besonders wichtig für die Sozialarbeiter ist die Kooperation mit Angehörigen. „Sie kennen den Patienten und sein Umfeld am besten“, so die Sozialarbeiterin. In gemeinsamen Gesprächen versucht man zu ermitteln, was der Patienten braucht, was zur Lösung beitragen kann bzw. welche Hilfestellungen notwendig sind. „In unserer Arbeit bekommt man viele Lebenseinblicke“, resümiert Jane Strauch.

Die „klassischen“ Aufgaben des Kliniksozialdienstes lassen sich in fünf Themenkomplexen zusammenfassen:

Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen und ambulanten bzw. stationären Angeboten nach Klinikaufenthalt, z. B.

  • ​stationäre medizinische bzw. berufliche Rehabilitation
  • Anschlussheilbehandlung, geriatrische Rehabilitation
  • häusliche und stationäre Pflege
  • Überleitung ins Hospiz, palliative Versorgung

Wirtschaftliche und sozialrechtliche Fragen

  • Krankengeld, Entgeltfortzahlungen
  • Berentung
  • Pflegeversicherung
  • Soziale Sicherung

Beratung zu persönlichen, finanziellen und beruflichen Problemen

  • ​Arbeitsplatzanpassung
  • finanzielle Hilfen
  • gesetzliche Betreuung, Vorsorgevollmachten
  • Schwerbehinderung
  • arbeitsrechtliche Fragen

Psychosoziale Fragen

  • ​Krankheitsbewältigung
  • Veränderungen des beruflichen und sozialen Status
  • Entwicklung von Zukunftsperspektiven
  • Umgang mit Funktionsbeeinträchtigungen
  • Kontaktaufnahme zu Selbsthilfegruppen

Soziotherapeutische Maßnahmen

  • ​Einzel- und gruppentherapeutische Angebote
  • Sozialkompetenztraining
  • Pädagogische Arbeit​

​Erschienen in: Berufung Medizin – Das Mitarbeitermagazin der Universitätsmedizin Leipzig, Ausgabe 41 / Juli 2018​​

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