Oliver Decker: Die Identität der Mitte

09.11.2016, 19:00 Uhr - Vortrag
Vortrag des studium universale.
Oliver Decker

Die Mitte ist eine der ältesten Figuren des europäischen Denkens. Bereits Aristoteles beschrieb mit diesem Begriff den Maßstab der individuellen Lebensführung und der Polis. Mitte und Maß beziehen sich auf ein tugendhaftes Leben. Sie haben – bildlich gesprochen – eine horizontale und eine vertikale Achse. Horizontal bezeichnet sie die politische Mäßigung, den Ort jenseits der Extreme. Vertikal eine soziale Lage, das Durchgangsstadium zwischen Oben und Unten. Nun ist die "Mitte" seit Jahren ein Mantra der bundesdeutschen Politik. Wer diese verpasst, verpasst auch die Mehrheit in den Parlamenten. Das kann als Fortschritt gelesen werden: Nicht mehr Volkspartei will man sein, sondern Partei der Mitte. Berücksichtigt man aber die Ideengeschichte, wird auch der Appellcharakter sichtbar: die Rede an die Mitte ist die Forderung nach politischer Mäßigung. Implizit werden die Zuhörer als Stütze der Gesellschaft angesprochen. Kein Wunder also, wenn die kritische Wendung des Mitte-Begriffs, der Hinweis darauf, wie wenig die gesellschaftliche Mitte tatsächlich der Hort der demokratischen Polis ist, heftige Gegenwehr auslöst. Wird die Mitte auch in ihrer stützenden Funktion angerufen, mit sozialen Parametern läßt sie sich beim besten Willen nicht beschreiben. Was ist die Identität der Mitte? PD Dr. Oliver Decker ist Soziologe, Vorstand des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus und Demokratieforschung und Leiter des Forschungsbereiches Gesellschaftlicher und Medizinischer Wandel an der Universität Leipzig.

 

Referenten

  • PD Dr. Oliver Decker

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