Bundeseinheitlicher Medikationsplan in der Hausarztpraxis: Ein Forschungsprojekt gibt Starthilfe

Pressemitteilung vom 12.04.2017
Wissenschaftler der Universität Leipzig und des Instituts für Angewandte Informatik (InfAI) haben den ersten Prototypen einer webdienstbasierten Softwareanwendung zur Aktualisierung des bundeseinheitlichen Medikationsplans (BMP) für Ärzte, Pflegedienste und Apotheker entwickelt. Dieser ermöglicht es, Medikationsinformationen aus verschieden strukturierten Dokumenten unterschiedlicher Formate wie Arztbriefen, Krankenhaus-Entlassungsbriefen oder Pflegedokumentation per Scan zu erfassen, zu vereinheitlichen und in den bundeseinheitlichen Medikationsplan zu transformieren. Damit sollen personelle Aufwände verringert und Fehler bei der Übertragung vermieden werden.

In der Praxis stehen gerade Hausärzte angesichts der hohen Komplexität, des Zeitdrucks und der steigenden Qualitätsansprüche vor großen Herausforderungen. Sie müssen eine neue Regelung umsetzen, die vom Bundestag beschlossen wurde. Sie sieht vor, dass Patienten seit dem 1. Oktober 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan haben, wenn sie mindestens drei verordnete, systemisch wirkende Medikamente gleichzeitig einnehmen beziehungsweise anwenden.

Um Arzneimitteltherapiesicherheit zu gewährleisten, muss der BMP lückenlos geführt werden. Dafür müssen sowohl bestehende Medikationspläne in den BMP umgewandelt als auch Medikationen aus anderen Systemen integriert werden. Dies betrifft in der Praxis unter anderem Befundberichte, Entlass- oder Überleitungsdokumente. "Für diese Prozesse gibt es bisher keine IT-Unterstützung. Die Informationen werden vorwiegend vom Praxispersonal per Hand eingegeben. Dies erzeugt einerseits einen unverhältnismäßig hohen Zeitaufwand. Andererseits birgt es das Risiko von Übertragungsfehlern und Informationslücken. Dadurch entstehende fehlerhafte oder nicht vollständige Medikationspläne. Diese können die Patientensicherheit massiv gefährden", sagt Dr. Kyrill Meyer, Abteilungsdirektor am InfAI.

Der Prototyp wurde von Mitarbeitern der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Leipzig, dem An-Institut für Angewandte Informatik, dem Zentrum für Arzneimittelsicherheit der Universität Leipzig sowie weiteren Partnern der Wirtschaft im Rahmen des Projektes "AMME - Semantische Integration von Medikationsplänen unterschiedlicher Struktur" entwickelt, das Mitte 2015 gestartet ist und bis zum 30. Juni 2017 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert wird. Es widmet sich der schnittstellen-übergreifenden Kommunikation, um auf diese Weise bestehende Informationslücken zu schließen und durch die Vereinfachung der Prozesse "Starthilfe" für den BMP in der Hausarztpraxis zu geben.

Wenn ein Dokument, wie zum Beispiel ein Befundbericht, eine Medikation enthält, die zum patientenbezogenen Medikationsplan hinzugefügt werden soll, dann kann hierfür der in der Praxis bereits vorhandene handelsübliche Dokumenten-Scanner genutzt werden. Die AMME-Anwendung wird unabhängig vom Arztinformationssystem gestartet und liest das Bild vom Scanner ein. Das medizinische Personal markiert den Medikationsbereich, der AMME Dienst erkennt Medikationen und gleicht diese mit aktuellen Medikationsdatenbanken ab.

Im Anschluss können diese Informationen bearbeitet und zur Aktualisierung eines vorhandenen Medikationsplans genutzt werden. Mit Fertigstellung des aktualisierten Planes kann dieser als bundeseinheitlicher Medikationsplan ausgedruckt, im Praxisverwaltungssystem gespeichert beziehungsweise per App weiterverarbeitet werden.

"Die Anwendung wurde in Form von Webdiensten konzipiert, so dass auf dem jeweiligen System keine aufwendigen Installationen notwendig sind. Aufgrund der Zustandslosigkeit und einer starken Verschlüsselung des Kommunikationskanales entsprechen die Dienste den hohen Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit", erklärt Dr. Romy Elze vom Institut für Informatik der Universität Leipzig.

Aktuell beginnt die Evaluationsphase des Scan-Services im Projekt. Interessierte Hausarztpraxen sind eingeladen, den Service zu testen und den Projektfortschritt zu beobachten.

 

Susann Huster