"Diabetes ist eine tickende Zeitbombe"

Zum Weltdiabetestag am 14. November

Pressemitteilung vom 11.11.2016
Am 14. November ist der Weltdiabetestag. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts ist bei etwa 4,6 Millionen der 18- bis 79-Jährigen in Deutschland Diabetes mellitus diagnostiziert, bei rund 1,3 Millionen ist die Erkrankung unerkannt. In diesem Jahr steht die frühzeitige Entdeckung der Stoffwechselkrankheit im Vordergrund des Aktionstages. Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der AdipositasAmbulanz für Erwachsene der Universitätsmedizin Leipzig, spricht im Interview über Entwicklungen, Ursachen und Auswege aus der Volkskrankheit Diabetes.
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Foto: Christian Hüller / Universität Leipzig
 

Wie hat sich Diabetes in den vergangenen Jahren zur Volkskrankheit entwickelt?
Diabetes ist sicherlich schon länger eine Volkskrankheit, aber die Zahlen steigen stetig, da wir immer mehr Menschen mit Vorstufen von Diabetes haben. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich auf dem Boden der Probleme wie Übergewicht und Adipositas eben auch Diabetes Typ 2 zu einer der häufigsten Volkskrankheiten entwickelt.

Welche Ursachen gibt es für diesen Trend?
Immer mehr Menschen leiden unter Adipositas. Viele Menschen haben eine ungesunde Ernährungs- und Lebensweise. Wir bewegen uns zu wenig und bevorzugen energiedichte Nahrungsmittel. Man weiß aus Präventionsstudien, dass nur dreieinhalb Kilo Gewichtsreduktion in zwei Jahren ausreichen, um bei fast 60 Prozent der Risikopatienten den Ausbruch des Typ-2-Diabetes zu verhindern.

Im Vordergrund des diesjährigen Weltdiabetestags steht die frühzeitige Erkennung der Krankheit. Welche Bedeutung kommt der Früherkennung zu?
Hintergrund ist, dass diese Erkrankung mit Ausnahme des Typ-1-Diabetes sehr schleichend fortschreitet und nicht weh tut. Die Patienten spüren jahrelang nicht, dass sie diese tickende Zeitbombe in sich tragen. Häufig wird ein Typ-2-Diabetes nur zufällig in Routineuntersuchungen diagnostiziert und letztendlich therapiert. Die Dunkelziffer der betroffenen Menschen ist relativ hoch, deswegen spielen die Früh- und auch die Risikoerkennung eine große Rolle.

Welche Folgen hat die Früherkennung auf den Fortlauf der Krankheit?
Auch in Vorstadien der Diabetes können Gefäß- und Nervenschädigungen auftreten, die mit einer Therapie nicht wieder rückgängig zu machen sind. Typische Folgeschäden des Diabetes sind Veränderungen des Augenhintergrundes, Nierenschäden und Schäden des Nervensystems. Die meisten dialysepflichtigen Patienten haben einen Typ-2-Diabetes. Füße und Zehen müssen häufig amputiert werden aufgrund einer Kombination aus Gefäß- und Nervenschäden.

Welche Symptome treten im Frühstadium auf?
Viele Betroffene verspüren vor allem bei dem sich schneller entwickelnden Typ-1-Diabetes einen vermehrten Durst oder den gesteigerten Drang, Wasser lassen zu müssen. Aber bei der schleichenden Form des Typ-2-Diabetes zählen Abgeschlagenheit, Depression und Leistungsminderung auch zu den Symptomen.

Welche Forschungsanstrengungen unternehmen Sie am IFB AdipositasErkrankungen ganz konkret, um der Krankheit in Zukunft besser vorbeugen zu können?
Wir forschen hauptsächlich zu Adipositas und deren Entstehungsmechanismen. Da Adipositas ein ganz wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung von Typ-2-Diabetes ist, beschäftigen wir uns aber natürlich auch mit der Frage, wie wir durch geeignete Maßnahmen Typ-2-Diabetes verhindern können. Zugleich testen wir gewichtsreduzierende Therapien für Patienten, die bereits einen Typ-2-Diabetes haben. Das reicht von Empfehlungen zu einer gesunden Lebensweise, Bewegungstherapien, multimodalen Therapieprogrammen, Medikamenten bis hin zu adipositaschirurgischen Eingriffen.

Prof. Dr. Matthias Blüher ist Sprecher des Sonderforschungsbereichs "Mechanismen der Adipositas" (SFB 1052), ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Großprojekt an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Außerdem leitet er klinische Studien am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen. Das IFB AdipositasErkrankungen ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Zentrum, das Forschung und Behandlung zu Adipositas, einem der großen, gesellschaftlich relevanten Krankheitsbilder unserer Gesellschaft, unter einem Dach vereint. In Leipzig steht Adipositas mit deren häufigen Begleiterkrankungen Typ-2-Diabetes, Atherosklerose, Fettgewebestörung und Fettleber im Mittelpunkt der Forschung.

Hinweis:
Prof. Dr. Matthias Blüher ist einer von mehr als 150 Experten der Universität Leipzig, auf deren Fachwissen Sie mithilfe unseres Expertendienstes zurückgreifen können.

Dr. Katarina Werneburg