Neuer Biomarker für Herzschwäche entdeckt

Pressemitteilung vom 22.09.2016
Bis zu 20 Prozent der Patienten entwickeln nach einem Herzinfarkt eine Herzmuskelschwäche, eine sogenannte Herzinsuffizienz. Dies führt zu einer chronisch eingeschränkten Pumpleistung des Herzens mit schweren Folgen für die Blutversorgung des Organismus. In einem internationalen Projekt haben jetzt Forscher aus Luxemburg zusammen mit Ärzten und Wissenschaftlern des LIFE-Forschungszentrums der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig einen vielversprechenden Biomarker gefunden, um diese Patienten früher zu identifizieren und möglicherweise vor den Folgen der Herzschwäche bewahren zu können. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in dem renommierten "Journal of the American College of Cardiology (JACC)" veröffentlicht.

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind in Deutschland die Todesursache Nummer eins - auch das wird Thema des Weltherztages am 29. September sein. Etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, bilden wenige Monate später eine Herzinsuffizienz aus. Dabei ist die Pumpfunktion des Herzens beeinträchtigt und das kann gravierende Folgen haben: Bis zu 60 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb von fünf Jahren. In der Medizin können Biomarker, beispielsweise bestimmte Moleküle, helfen, diesen Patientenkreis frühzeitig zu identifizieren und entsprechend zu behandeln.

Der neu entdeckte Biomarker MICRA (Myocardial Infarction-associated Circular RnA) liefert einen prognostischen Hinweis darauf, ob ein Betroffener nach einem Herzinfarkt eine Herzinsuffizienz ausbilden wird. Ein renommiertes kardiologisches Forscherteam des "Luxembourg Institute of Health" hat das RNA-Molekül MICRA identifiziert, dessen Blutkonzentration bei diesen für Herzschwäche anfälligen Patienten geringer ist. Um die Ergebnisse an einer weiteren Patientengruppe zu belegen, wandten sich die Luxemburger Forscher an das LIFE-Forschungszentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Dort wurden die Befunde der Luxemburger Patienten mit denen von Patienten der Leipziger LIFE-Herzstudie verglichen. "Insgesamt wurden die Proben von 233 Patienten auf die Ausprägung des Biomarkers untersucht und der Zusammenhang mit Herzinsuffizienz analysiert", sagt Prof. Dr. Markus Scholz, der die Biostatistik am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie durchgeführt hat. "Auch bei unserer Kohorte haben wir festgestellt, dass eine niedrigere Konzentration des Biomarkers mit einem erhöhten Risiko für eine Herzschwäche verbunden ist."

Bei dem neuen Biomarker MICRA handelt es sich um eine zirkuläre RNA. Sie ist nicht an der Übertragung des genetischen Codes beteiligt und gilt daher als nicht-kodierende RNA. "Zirkulären RNA wird eine Rolle bei der Feinabstimmung der Genexpression, also der Regulation der Aktivität einzelner Gene zugesprochen. Die genauen Zusammenhänge sind aber noch nicht vollständig geklärt. Wir wissen bis dato auch nicht, warum die Konzentration von MICRA bei den Patienten, die später eine Herzmuskelschwäche entwickeln, geringer ist. Das bedarf alles noch der Grundlagenforschung", erklärt Prof. Dr. Ralph Burkhardt vom Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik des Universitätsklinikums Leipzig (ILM). Unter seiner Verantwortung wurde das Blut der Probanden hinsichtlich des Biomarkers MICRA analysiert.

"Die Leipziger LIFE-Herzstudie, aus der die Vergleichsbefunde für die Publikation unter Führung der Luxemburger Kollegen stammen, ist mit 7000 Patienten eine der größten Studien weltweit, die klinisch und labormedizinisch bis in die feinsten molekularen Grundlagen charakterisiert sind", betont Studienleiter Prof. Dr. Joachim Thiery, Direktor des ILM. Ziel der Leipziger Mediziner ist die Identifizierung neuer Biomarker und genetischer Faktoren für Diagnostik und Therapie, die in Zusammenhang mit der Entstehung von Gefäßerkrankungen (Atherosklerose) sowie dem Auftreten von Herzinfarkten stehen. Nach der Ersterhebung von 2007 bis 2014 ist für das kommende Jahr eine Nachuntersuchung geplant: "Wir werden alle bisherigen Patienten anschreiben und sie bitten, nach zehn Jahren noch einmal zu einer einfachen klinischen Untersuchung und Blutentnahme zu kommen. So können wir die Ursachen für Herz- und Stoffwechselerkrankungen über den zeitlichen Verlauf besser beurteilen und neue Rückschlüsse für die direkte Krankheitsvorbeugung und Therapie ziehen", sagt Prof. Dr. Joachim Thiery. Eine solche Folgeuntersuchung ist in dieser Größenordnung ein Alleinstellungsmerkmal und wird auch den klinischen Nutzen zirkulärer RNA als Biomarker für schwerwiegende Krankheiten klarer zeigen können.

Die Leipziger LIFE-Herzstudie wird von Prof. Dr. Joachim Thiery (Labormedizin) und Prof. Dr. Gerhard Schuler (Kardiologie/Herzzentrum) geleitet. Sie ist Teil des LIFE-Forschungszentrums, das durch die Sächsische Landesexzellenzinitiative gefördert wird. Dank stetig weiterentwickelter Forschungs- und Analysemethoden herrschen am Medizincampus der Universität Leipzig hervorragende Voraussetzungen, um internationale Spitzenprojekte und -publikationen zu realisieren.

Fachveröffentlichung:
Myocardial Infarction-Associated Circular RNA Predicting Left Ventricular Dysfunction, in Journal of the American College of Cardiology
doi: 10.1016/j.jacc.2016.06.040

Dr. Katarina Werneburg