LIFE - Bilanz nach fünf Jahren Exzellenzinitiative

Pressemitteilung vom 08.04.2015
Das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen (LIFE) der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zieht nach fünf Jahren Arbeit Bilanz. Das Projekt wurde mit mehr als 42 Millionen Euro durch das Land Sachsen gefördert. Rund 21.500 Leipziger haben ihre Daten und Proben zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung gestellt. Als die sächsische Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange heute das Projekt besuchte, wurden ihr die Ergebnisse präsentiert.

Die LIFE-Studie ist 2009 angetreten, die Ursachen von Zivilisationserkrankungen am Beispiel der Leipziger Bevölkerung zu untersuchen. Während der Laufzeit der Sächsischen Landesexzellenzinitiative bis März 2015 wurden rund 10.000 Erwachsene (die sogenannte ADULT-Studie) und 3.500 Kinder (sogenannte CHILD-Studie) sowie etwa 8.000 Erkrankte (unter anderem die LIFE-Heart-Studie) in das Gesamtprojekt aufgenommen. Insgesamt über 1 Million humane Proben wurden untersucht und etwa 10 Millionen Datensätze für wissenschaftliche Auswertungen verarbeitet. Für die Wissenschaft sind dadurch hochinteressante, auch in die Zukunft wirkende Informationen zusammengekommen. Aus ihnen lassen sich bereits jetzt zahlreiche wichtige Schlüsse über die Gesundheit der Bevölkerung sowie Entwicklungstendenzen ableiten, von denen im Folgenden einige hervorgehoben werden.

LIFE-Daten als Werkzeug zur Gesundheitsentwicklung in Leipzig

Der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Diagnosen mit Lebensstil und sozialem Status auf Stadtteilbasis (Geomapping) spielt in den Datenauswertungen des LIFE-Forschungszentrums eine bedeutende Rolle. Die Kartierung der Häufigkeit von Zivilisationserkrankungen in den Leipziger Stadtteilen wird zu wichtigen gesundheitswirtschaftlichen und für die Stadtentwicklung relevanten Aussagen führen. Das Potenzial der ADULT-Studie für die Gesundheitspolitik erläuterte Studienleiter Prof. Markus Löffler am Beispiel der Diabetes: "Studienteilnehmer im Alter zwischen 40 und 80 Jahren sind zu insgesamt 13 Prozent an Diabetes erkrankt. Bei weiteren 4 Prozent besteht ein Verdacht auf bisher unbekannten Diabetes. Das wären hochgerechnet auf die Stadt circa 10.000 neue Diabetes-Patienten. Hier muss sich die Stadt auf neue Herausforderungen in der medizinischen Versorgung einstellen."

Auch für die Forschung sind zahlreiche, weiterführende Erkenntnisse gewonnen worden, sagte Löffler: "Beispiel 3D-Körpervermessung: Von rund 10.000 Probanden wurden Körperbilder aufgenommen, so dass uns nun ein in Deutschland einzigartiger Datensatz vorliegt. Wir erwarten damit, statt des groben Body-Mass-Index als Maß für die Fettleibigkeit viel differenzierter unterscheiden zu können, weil Fettleibigkeit ganz unterschiedliche Risiken für Stoffwechselerkrankungen oder Gefäßerkrankungen mit sich bringt."

Adipositas und Gehirn

Analysen der Neuro-Bildgebung aus der LIFE-Adult-Studie weisen darauf hin, dass ein höherer Body-Mass-Index bei gesunden älteren Studienteilnehmern (zwischen 60 und 80 Jahren) im Zusammenhang mit einem geringeren Volumen der grauen Hirnsubstanz steht, die mit Sprache, Aufmerksamkeit und Gedächtnis in Verbindung gebracht wird. Das gilt auch nach Korrektur der Statistik für wichtige Einflussgrößen wie Alter, Geschlecht und Bildung sowie für gleichzeitig vorliegende Erkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes. Darüber hinaus ging ein geringeres regionales Volumen der grauen Substanz in mit BMI verbundenen Hirnarealen mit subtilen Verschlechterungen in Gedächtnis und Reaktionsgeschwindigkeit einher. Diese Ergebnisse weisen also darauf hin, dass sich ein höherer BMI, vermittelt über strukturelle Veränderungen der grauen Substanz, indirekt ungünstig auf die geistigen Funktionen im Alter auswirkt.

Biomarker für erhöhtes Infarktrisiko nachgewiesen

Eine besondere Teilstudie ist die Leipzig-HEART-Studie. "Wir konnten Patienten mit koronarer Herzerkrankung oder Herzinfarkt, die das Leipziger Herzzentrum aufsuchen mussten, in die Studie einbeziehen", erläuterte Studienleiter Prof. Joachim Thiery. In Zusammenarbeit mit Prof. Markus Scholz, der die LIFE-Professur für Genetische Statistik innehat, konnte ein Biomarker identifiziert werden, der auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt hinweist. Wie Scholz erklärt, sei man davon ausgegangen, dass zu niedrige Blutwerte von "gutem Cholesterin" (HDL) einen Risikofaktor für Herzerkrankungen darstellen. "Es ist bekannt, dass einige Menschen erbliche Veranlagungen haben, die zu niedrigen HDL-Werten führen. Nur die Erklärung dafür fehlte". Deshalb untersuchten die Wissenschaftler Verbindungen zwischen genetischen Veränderungen und der Aktivität bestimmter Gene. Sie konnten unter anderem eine Gruppe von Genen nachweisen, die für niedrige HDL-Spiegel verantwortlich sind. Menschen, die - genetisch bedingt - diese Genkombination in sich tragen, haben ein potenziell höheres Risiko, später eine koronare Herzerkrankung zu bekommen und einen Herzinfarkt zu erleiden. In einem nächsten Schritt sollen neuartige, vorbeugende Therapien entwickelt werden.

Weiterführung der Kohorte LIFE-Child gesichert

Nach fünf Jahren erfolgreicher Arbeit kann LIFE-Child, die Kinderkohorten des Forschungszentrums herausragende Zahlen vorlegen: Von 3.500 Babys, Kindern und Jugendlichen konnten die Daten erfasst werden, 400 Kinder wurden geboren und 2.000 Kinder und Jugendliche sind seit ihrer Ersterfassung für Folgeuntersuchungen zurückgekehrt. "Uns liegt ein umfangreiches Datenreservoir vor, das wir nun auswerten können", sagte Prof. Wieland Kiess, der für die Kinder- und Schwangerenkohorte verantwortlich zeichnet.

Mit dem vorhandenen Datenbestand können nun wichtige Fragestellungen zur kindlichen Entwicklung und medizinischen Versorgung beantwortet und notwendige Referenzwerte von klinischen Parametern speziell für Kinder und Jugendliche erarbeitet werden. "Bislang wurden die Werte Erwachsener einfach übertragen. Da sich Werte von der frühen Kindheit über die Pubertät bis zum Erwachsenenalter stark verändern, wird leicht deutlich, welche Probleme daraus erwachsen", stellte Kiess heraus. Betroffen ist beispielsweise den Knochenstoffwechsel in allen Altersstufen von 0 bis 18 Jahren. Dabei geht es um Parameter, die darstellen, welche Vitaminbindungsproteine notwendig sind, um Vitamin D im Knochen einzulagern.

Die Arbeit der LIFE-Child-Studie wird vor allem durch die langjährige Begleitung und Beobachtung der kindlichen Entwicklung bestimmt. Die Verantwortlichen freuen sich, dass der Freistaat Sachsen eine weitere, den Fortbestand sichernde Förderzusage ausgesprochen hat. Die während des Projekts gewonnenen Daten werden in Zukunft dazu beitragen, neue Diagnoseverfahren zu entwickeln und noch gezielter als bisher neue Ansätze in Prävention und Therapie zu schaffen.

Ergebnisse aus fünf Jahren Exzellenzinitiative

Das LIFE-Forschungszentrum hat die Ziele der ersten Förderperiode erreicht. Damit hat Sachsen ein in Deutschland einzigartiges epidemiologisches Studienprogramm erfolgreich aufgebaut. Sowohl die Breite des Untersuchungsprogramms als auch die Einbeziehung vieler Alters- und Patientengruppen sind einzigartig. Die Bioprobenbank enthält fast 1 Millionen Einzelproben, die auf Jahre hinaus Laborbestimmungen in bester Qualität ermöglichen werden. Es liegen bereits über 210 wissenschaftliche Publikationen vor. Das weite Feld der Zivilisationserkrankungen hat sich als einer der neuen Forschungsprofilbereiche an der Universität Leipzig etabliert, was vor allem auf die erfolgreiche Arbeit des LIFE-Forschungszentrums zusammen mit dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen und dem Sonderforschungsbereich "Mechanismen der Adipositas" zurückzuführen ist. Universität, Medizinische Fakultät und das Sächsische Wissenschaftsministerium stellen sicher, dass die Basisstrukturen des LIFE-Forschungszentrums und der LIFE-Child-Kohorte fortgeführt werden.

Diana Smikalla