Männer überdecken Depressionen oft mit Alkohol

Leipziger Psychiater: Das starke Geschlecht leidet unter gesellschaftlich verordneter Stärke

Pressemitteilung vom 09.01.2015
Bei deutlich mehr Frauen als Männern werden Depressionen diagnostiziert. „Auch in der Leipziger Depressionsstation werden mehr Frauen als Männer behandelt. Daraus kann man aber keinesfalls den Schluss ziehen, dass Männer nur selten unter Depressionen leiden“, so Prof. Dr. Hubertus Himmerich von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Zwar haben Frauen nach psychiatrischen Kriterien doppelt so oft wie Männer Depressionen. Aber in der Selbstmordstatistik in Deutschland sind Männer doppelt so häufig vertreten. Die Ursache ist einfach, aber schwerwiegend: Männer mit Depressionen suchen zu selten medizinische Hilfe.

„Männer gehen ohnehin weniger zum Arzt als Frauen“, sagt Prof. Himmerich. „Und gerade seelische Probleme gesteht sich ein Mann ungern ein. Denn diese widersprechen dem Bild vom starken Geschlecht, das uns seit der Antike begleitet. Eine Schwäche einzugestehen – das wird einer Frau zugestanden, aber nicht einem Mann.“

Der Leipziger Psychiater erinnert daran, dass auch Prominente mit affektiven Störungen kämpften: der Fußballer Sebastian Deisler, der Torwart Robert Enke, die Schauspieler Mel Gibson und Catherine Zeta-Jones. Gerade Robert Enke sei ein tragisches Beispiel, wie eine Depression entstehe und am Ende zum Tod führe: „Männer spüren einen höheren beruflichen Druck als Frauen – das erhöht die Gefährdung. Denn einer Frau wird beispielsweise zugestanden, eine Beförderung mit der Begründung abzulehnen, Beruf und Familie dann nicht mehr zu schaffen. Männer aber sagen typischerweise nicht Nein. Sie stürzen sich in neue, höhere Belastungen, die sie vielleicht nicht aushalten, die ihnen am Ende die Kraft und die Lebensfreude rauben kann.“ Neben der beruflichen Überlastung sind Trennungen von Beziehungen für Männer belastender als für Frauen.

Dabei werden männliche Depressionen leicht übersehen, weil sie von den Betroffenen gern mit Alkohol überdeckt werden. „So mancher Alkoholiker greift im Grunde nur deshalb zur Flasche, weil er an Depressionen leidet“, so Prof. Himmerich. „Wir Psychiater wissen eigentlich, dass die Symptomatik der Krankheit bei Männern anders ist als bei Frauen. Denn Männer neigen bei Depressionen zu Aggressionen, Risikobereitschaft und Alkoholmissbrauch. Frauen wiederum sind eher traurig, ängstlich und sozial zurückgezogen.“

Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Depression haben verschiedene biologische Ursachen, auch spielt die sozioökonomische und psychosoziale Lage eine Rolle. „Die Wurzeln des heutigen Männlichkeits-Stereotyps, das es dem Mann so schwer macht, sich selbst Schwächen einzugestehen, sind stark. Sie reichen bis in die Antike zurück. Deshalb wird uns dieses hegemoniale Männlichkeitsideal noch eine ganze Weile begleiten“, sagt Prof. Himmerich. „Schön wäre, wenn es gelänge zu vermitteln: Zu einem starken Mann gehört auch, dass er mutig genug ist, seine Schwäche, seine Grenzen und seine Niederlagen in das eigene Selbstverständnis zu integrieren.“

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Kathrin Winkler.