Universitätsmedizinische Notfallversorgung: Hochfrequentiert und unterfinanziert

UKL informiert zur Aktionswoche über die Sonderrolle der Universitätsmedizin

Pressemitteilung vom 14.11.2014
Leipzig. Notaufnahmen an Universitätsklinika erleben einen prekären Boom: Während die Patientenzahlen überproportional steigen, wird die auf hohem universitätsmedizinischem Niveau erbrachte Versorgung nur minimal mit einer Pauschale vergütet. Darüber und über die Sonderrolle Hochschulmedizin im Gesundheitssystem informierten sich heute am UKL Abgeordnete des Bundestages und des Landtages innerhalb der bundesweiten Aktionswoche „Wir leisten mehr: die Deutsche Hochschulmedizin“.

Das Universitätsklinikum Leipzig hält für die Rund-um-die-Uhr-Versorgung von Notfällen an sieben Tagen in der Woche jederzeit Ressourcen der universitären Maximalversorgung bereit: Diagnostik mit modernster Medizintechnik ebenso wie interdisziplinäre Teams aus Fachärzten aller Gebiete der Medizin und spezialisierten Pflegekräften. Durchgehend stehen Labor, Transfusionsmedizin, Op-Säle und Intensivstation zur Verfügung, um schwerste Notfälle umfassend und schnell zu behandeln.
Hier werden sämtliche Notfälle versorgt, mit seit Jahren steigender Tendenz. Auch wenn dieser Trend alle Notfallaufnahmen betrifft – an Unikliniken ist er überproportional hoch. Am Universitätsklinikum Leipzig stiegen die Patientenzahlen in der 2011 eingerichteten Zentralen Notfallaufnahme zuletzt jährlich um ca. 3,8 Prozent. 2013 kamen 34.000 Patienten in die ZNA, für 2014 ist wieder ein Anstieg zu verzeichnen.

„Wir versorgen jeden Notfall an jedem Tag und zu jeder Uhrzeit“, so Ekkehard Zimmer, Kaufmännischer Vorstand des UKL. „Ganze Behandlungsketten werden hier beginnend in der Notaufnahme in Gang gesetzt, die alle unsere spezialisierten Leistungen umfassen.“ Diese maximale Bereitstellung modernster Krankenhausleistungen werde aber nicht ausreichend vergütet. Gerade für ambulante Notfälle steht hier nur eine Pauschale von 36 oder 54 Euro zur Verfügung – die Kosten der Kliniken, auch des UKL, liegen aber bei deutlich über 100 Euro.
„Da im Moment eine Verschiebung der ambulanten Notfallversorgung in die Krankenhäuser stattfindet, ist das ein flächendeckendes Problem“, sagt Prof. Wolfgang E. Fleig, Medizinischer Vorstand des UKL. „Die Notaufnahmen der Krankenhäuser werden zu einem Lückenfüller im System, mit gravierenden Folgen für die Wirtschaftlichkeit der Kliniken.“
Aus diesem Grund fordert die Deutsche Hochschulmedizin, dass künftig die Vergütung der Notfallversorgung nach dem Umfang der Notfallvorhaltungen erfolgen soll. „Damit würde den Aufwendungen der Uniklinken Rechnung getragen und die Versorgung der Patienten sichergestellt“, so Fleig.

Hochschulmedizinische Sonderleistungen

Insgesamt kann nur mit einer gesonderten, den speziellen Aufgaben der Universitätsmedizin angepassten Vergütung der Sonderrolle der Uniklinika langfristig Rechnung getragen werden, ohne deren Existenz zu gefährden. Die Sonderrolle ergibt sich aus der Verbindung zwischen Krankenversorgung, Forschung und Lehre, die an universitätsmedizinischen Einrichtungen gelebt wird.
Daraus resultieren Aufgaben wie beispielsweise in der ambulanten Versorgung. Die Zahlen der hier versorgten Patienten steigen seit Jahren, am UKL waren es letztes Jahr 326 969.
Diese ambulante Versorgung erfolgt an Uniklinika in den Hochschulambulanzen, die Patienten mit schwerwiegenden und chronischen Erkrankungen betreuen. Vergütet wird diese Leistung durch Ambulanzpauschalen, die auf die ursprüngliche Aufgabe der Hochschulambulanzen, den Einsatz für Forschung und Lehre, ausgerichtet sind und die heute real entstehenden Kosten nicht decken.

Ein weiterer Punkt sind sogenannte Extremkostenfälle – besonders teure und aufwändige Behandlungen bei komplizierten Erkrankungen. Gerade diese Patienten werden fast ausschließlich an Uniklinika als „letzter Instanz“ der höchsten medizinischen Versorgungsstufe behandelt. Die dafür benötigten Diagnose- und Therapieverfahren erfordern eine teure Infrastruktur und den Einsatz spezieller und innovativer Methoden. So entstehende Zusatzkosten werden oftmals nicht durch die Fallpauschalen gedeckt, so dass die Unikliniken ihre Leistungen nicht gegenfinanzieren können.
Dies gilt in gleichem Maße für die Behandlung seltener Erkrankungen, die aufgrund der geringen Häufigkeit gar nicht im Pauschalensystem erfasst sind. Dabei ist insbesondere die Betreuung dieser Patienten zeitintensiv und erfordert den Einsatz des gesamten Spektrums der Universitätsmedizin. Begleitende Maßnahmen wie psychosoziale Betreuung können derzeit überhaupt nur durch die finanzielle Unterstützung von Geldgebern wie Stiftungen ermöglicht werden. Hier ist inzwischen mit dem Nationalen Aktionsplan für Menschen mit seltenen Erkrankungen (NAMSE) eine Initiative auf den Weg gebracht worden, die künftig Abhilfe schaffen könnte. Vor wenigen Wochen wurde dazu am UKL ein Zentrum für seltene Erkrankungen gegründet.

Nicht geklärt ist die Frage der Refinanzierung der Kosten für den frühen Einsatz medizinischer Innovationen, den Universitätskliniken als Pioniere der Krankenversorgung umsetzen. Hier werden neue Therapie- und Diagnoseverfahren entwickelt, erprobt und zuerst angewendet. Die Eingliederung der in dieser frühen Phase sehr teuren Maßnahmen in das Entgeltsystem erfolgt aber nur zeitverzögert. In der oft langen Zwischenzeit verbleiben die Kosten für die eingesetzten Methoden damit bei den Unikliniken.
Auch die Bündelung der Kompetenzen in Interdisziplinären Behandlungszentren beispielsweise für Krebserkrankungen, in denen fachübergreifend und auf modernstem Stand gearbeitet wird, ist gerade an Universitätsklinika unterfinanziert. Der hier durch den Einsatz vieler Spezialisten entstehende erhöhte Aufwand wird nicht oder nur teilweise erstattet.

Letztlich ergeben sich aus dem Verbund von Forschung, Lehre und Krankenversorgung in der Universitätsmedizin auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Ärzten hohe finanzielle Belastungen. Ausbildung verlangt einen erhöhten Personaleinsatz, denn erfahrene Fachärzte müssen den künftigen Ärztinnen und Ärzten an die Seite gestellt werden. Gleichzeitig verzögern sich im Vergleich zu anderen Krankenhäusern dadurch oft Abläufe. Der dem zugrunde liegende Aufgabenverbund erfordert insgesamt andere Strukturen und ist weniger effizient umsetzbar, als dies an Kliniken der reinen Krankenversorgung der Fall ist. Eine entsprechende Berücksichtigung in der Vergütung der Leistungen der Universitätskliniken erfolgt aber nicht – mit gravierenden Folgen für deren wirtschaftliche Situation. Die Regierungskoalition im Bund hat die Bedeutung der Universitätsklinika für die Versorgung der Patienten in Deutschland wahrgenommen und Lösungen der Finanzierungsprobleme in ihr Koalitionsprogramm aufgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht auch in der laufenden Legislaturperiode bei Ankündigungen bleibt, sondern sofort spürbare Verbesserungen beschlossen werden. Denn immer mehr Universitätsklinika haben in den letzten Jahren mit Defiziten zu kämpfen – für 2014 erwarten nur noch fünf der 33 Häuser ein positives Jahresergebnis.

 

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Helena Reinhardt.