60 Jahre Klinik für Neurochirurgie am UKL – Patientenindividuelle funktionsorientierte Behandlungskonzepte

Große Fortschritte in der Behandlung von Patienten in den vergangenen Jahrzehnten

Pressemitteilung vom 30.05.2014
Leipzig. Vor 60 Jahren entstand die heutige Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Leipzig. Die damalige Neurologisch-Psychiatrischen Klinik hatte bereits eine entsprechende Abteilung, die sich ursprünglich in der ersten Etage eines Wohnhauses in der Emilienstraße 30 befand – aus dieser wurde 1954 eine eigene Klinik. Sie ist seitdem nicht nur mehrfach umgezogen, sondern hat sich auch rasant weiterentwickelt. Seit 2003 befindet sich die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie in der Liebigstraße, wo sich eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachbereichen zum Nutzen der Patienten bestens umsetzen lässt.
Bild vergrößern Direktor der Klinik für Neurochirurgie Prof. Jürgen Meixensberger
Foto: Stefan Straube/ UKL
 

„Bei der Behandlung der Patienten wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte erreicht“, sagt Klinikdirektor Prof. Jürgen Meixensberger. So stehen den Neurochirurgen heute zur Behandlung von Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark, Schädel und Wirbelsäule umfassende diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Abläufe von Operationen können simuliert und trainiert werden, Erkenntnisse der speziellen Neuroanatomie und Neurophysiologie helfen, Hirnfunktionen besser zu verstehen. „Der größte Fortschritt für den Patienten besteht sicher darin, dass Operationen heute viel sicherer sind“, so Prof. Meixensberger. „Heute ist unsere Hauptaufgabe, funktionserhaltend zu operieren, das heißt eine Verschlechterung neurologischer Funktionen unbedingt zu vermeiden.“

Die ersten Neurochirurgen konnten auf derart umfassende Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, wie sie heute Standard sind, nicht zurückgreifen. „Mich beeindruckt vor allem die Courage, mit der Neurochirurgen – ob nun vor 6000 Jahren oder 60 Jahren – mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden versucht haben, dem Patienten zu helfen. Heute kann man sich gar nicht vorstellen, etwas im Kopf lokalisieren zu wollen ohne Computertomografie und Magnetresonanztomografie, also CT und MRT“, sagt Prof. Meixensberger.

So standen beispielsweise dem ersten Direktor der Neurochirurgischen Klinik in Leipzig, Prof. Merrem, in den 1950er Jahren dafür nur exakte neurologische Untersuchungen zur Verfügung, zudem das Elektroenzephalogramm (EEG), mit dem die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen und aufgezeichnet wird, sowie die Darstellung der Hirngefäße und Hirnkammern. „Zu der Zeit waren auch die Anästhesie und die Blutstillung noch in Anfängen, deshalb brauchte es große Visionen und Hoffnungen. Die Sterblichkeit während der Operation lag damals immerhin bei 20 bis 30 Prozent“, erzählt der Mediziner.

Zur OP-Sicherheit tragen auch die Entwicklungen im Bereich der Hochleistungs-Operationsmikroskope und  in der Bildgebung bei -  sowohl diagnostisch, operationsvorbereitend und operationsbegleitend  als auch im Rahmen der ambulanten Nachsorge und Kontrolle. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch die Fortschritte in der Neuroanästhesie und der Intensivmedizin, betont Prof. Meixensberger: „Ohne diese würde selbst der begabteste Hirnchirurg am Ende nicht viel erreichen.“

In Leipzig hat die Forschung einen großen Anteil an den Fortschritten in der Neurochirurgie. Durch die Entwicklung patientenindividueller Modelle konnte die Tiefenhirnstimulation, bei der ein Hirnstimulator im Gehirn winzige elektrische Impulse abgibt, die beispielsweise Parkinson-Patienten helfen können, qualitativ verbessert werden. „Zudem widmen wir uns dem Verständnis von Hirntumoren und deren Behandlung, sowie dem Neuro-Monitoring im OP-Saal und auf der Intensivstation, mit dem Veränderungen der Hirnfunktion  eher erkennbar sind und damit eine mögliche Schädigung durch entsprechende Maßnahmen verhindert werden kann“, sagt der Neurochirurg.

Doch auch wenn sich die Neurochirurgie in den vergangenen 60 Jahren bedeutend weiterentwickelt hat: Das Ende ist noch lange nicht erreicht. „Wenn wir unser Verständnis für neurologische, möglicherweise auch psychiatrische Erkrankungen weiter vergrößern, werden sich neue Behandlungsfelder für den Patienten eröffnen, wie beispielsweise die Applikation neuartiger Medikamente oder Wachstumsfaktoren bzw. die Stimulation bisher für den Neurochirurgen eher wenig beachteter Hirnareale. Um es einfach zu sagen: In 60 Jahren muss der Neurochirurg vielleicht gar nicht mehr so oft schneiden, weil das Einbringen eines Medikaments vor Ort einen Tumor verödet,  das Platzieren von bestimmten Zellen Heilung bringt oder die gezielte Stimulation von Zellgruppen therapeutische Effekte bewirkt“, sagt Prof. Meixensberger.  Er ist überzeugt, dass die Weiterentwicklung der Medizintechnik und das biologische Verständnis von Erkrankungen neue Therapieansätze schaffen werden.

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Sandra Hasse.