Tumorentwicklung: Das Woher ist entscheidend

Pressemitteilung vom 22.05.2014
Von Krebs befallene Gewebe enthalten wichtige Informationen, durch die die Entwicklung eines Tumors besser nachvollzogen werden kann. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen Tumor operativ komplett entfernen und eine anschließende Strahlentherapie vermeiden zu können. Die Erkenntnis ist nicht nur auf den Gebärmutterhalskrebs anwendbar, sondern universell auf die Behandlung aller Krebserkrankungen. Dazu sind neue Erkenntnisse von Forschern der Universitätsmedizin Leipzig im Fachmagazin "The Lancet Oncology" erschienen.

Bösartige Tumore folgen spezifischen Ausbreitungsmustern. Die Geweberäume, die ein Krebsbefall im Verlauf seiner Ausbreitung (maligne Progression) einnimmt, entsprechen den Stadien der Embryonal- und Fetalentwicklung des betroffenen Gewebes. Diese bahnbrechende Erkenntnis stammt von Prof. Michael Höckel, Direktor der Leipziger Universitätsfrauenklinik, der seit 15 Jahren zur Behandlung von Gebärmutterhalskrebs forscht. Zerstörerische Tumore wachsen, indem sie pathologisch reaktivierte Entwicklungsprozesse in rückwärtiger Abfolge durchlaufen. Dabei nehmen sie fest definierte Geweberäume, sogenannte Kompartimente ein.

Entwicklung im Rückwärtsgang

Auf der Grundlage dieser Erkenntnis hatte Höckel für den Gebärmutterhalskrebs bereits die totale mesometriale Resektion, eine neue Operationsmethode in Form der Kompartimentresektion, entwickelt. Bei der Operationsmethode wird das tumorbefallene Gewebe präzise entlang seiner embryonalen Entwicklungsstruktur entfernt. Gewebe, das sich aus anderen Vorläuferstrukturen entwickelt hat, kann trotz unmittelbarer Nähe zum Tumor geschont werden. Eine zusätzliche Strahlentherapie ist nicht mehr erforderlich, da mit der Kompartimentresektion die gewebliche Voraussetzung für den lokalen Tumorrückfall beseitigt wird. Nach dieser Operationsmethode an der Universitätsfrauenklinik Leipzig ist der Krebs in 95 Prozent der Fälle nicht wieder aufgetreten. Bei konventionellen Operationsmethoden liegt die Quote bei 85 Prozent. Auch die Nachwirkungen des Eingriffs haben sich verringert: Das Komplikationsrisiko ist von 28 auf 15 Prozent gesunken.

Die Wissenschaftler belegen, dass die Kompartimenttheorie nicht nur auf die frühen Krebsformen sondern auch auf die fortgeschrittenen Krebserkrankungen anwendbar ist. Eine neue aus der Kompartimenttheorie abgeleitete Stadieneinteilung, das "ontogenetische Tumorstaging", konnte die Prognose der Erkrankung signifikant besser einschätzen als die konventionelle Stadieneinteilung. Onkologische Behandlungsergebnisse können durch Umsetzung der Theorie nachhaltig verbessert werden, meint Höckel: "Die Arbeiten ermöglichte ein neues Verständnis für das Wesen der Krebserkrankung, das die klinischen Manifestationen besser erklären kann, nämlich: Krebs ist eine pathologisch reaktivierte Entwicklung im Rückwärtsgang."

Kein chaotischer Prozess

Krebs tritt als fortschreitender Befall des Organismus mit neugebildetem Gewebe auf. Krebszellen wandern in gesundes Gewebe ein und zerstören es. Bislang wurde der Tumorbefall als ein chaotischer Prozess angesehen, bei dem sich die Tumorzellen ungerichtet und ohne Beeinflussung durch Gewebegrenzen immer weiter ausbreiten. Entsprechend dieser Vorstellung besteht das Prinzip einer konventionellen Operation in der Entfernung des Tumors mit einem allseitigen Rand tumorfreien Gewebes, die sogenannte weite Exzision. Trotz sorgfältiger Durchführung kommt es aber nicht selten im ehemaligen Operationsgebiet zum Tumorrückfall. Mit einer zusätzlichen Bestrahlung wird bei dieser Methode versucht, das Rückfallrisiko zu verringern. Das Herausschneiden gesunden Gewebes und die zusätzliche Bestrahlung können jedoch erbliche Schäden verursachen. Deshalb haben Höckel und sein Team die Kompartimentresektion entwickelt, die sich in der klinischen Praxis bewährt.

Fachveröffentlichung:
Association between developmental steps in the organogenesis of the uterine cervix and locoregional progression of cervical cancer: a prospective clinicopathological analysis, The Lancet Oncology
doi: 10.1016/S1470-2045(14)70060-9

Diana Smikalla