Anlässlich des Europäischen Adipositas-Tages am 17.5.2014

Adipositas-Organisationen schlagen Alarm: Mängel in der Patientenversorgung

Pressemitteilung vom 16.05.2014
Die wissenschaftlichen Adipositas-Organisationen in Deutschland beklagen Mängel in der Versorgung adipöser Patienten und wollen künftig bei der Behandlung von krankhaftem Übergewicht noch enger zusammenarbeiten. Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen der Universität Leipzig, die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und das Kompetenznetz Adipositas (KNA) streben deshalb eine bundesweit einheitliche Umsetzung und Finanzierung der Therapien bei krankhaftem Übergewicht an. Spitzenvertreter der Krankenkassen, der Gesundheitspolitik, der Medizin, des Spitzenverbandes der Medizinischen Dienste, der Wissenschaftler und Experten der Bereiche Ernährung, Bewegung, Verhalten sollen an einem Tisch zusammenkommen.
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Foto: IFB AdipositasErkrankungen
 

Der Zugang zu einer solchen Adipositas-Therapie könnte vielen Menschen mit Adipositas helfen. Zum Beispiel auch Carina, die als Kind schon mollig war und heute adipös ist. Trotz vieler Abnehmversuche ist es ihr nicht gelungen, die Kiloanzeige auf der Waage dauerhaft zu senken. "Die Empfehlungen meines Arztes haben mir über einige Monate geholfen abzunehmen", sagt Carina, "aber jetzt streiken meine Kniegelenke, und ich nehme wieder zu." Wie zahlreiche Patienten mit Adipositas bräuchte Carina dauerhaft therapeutische Unterstützung, um ihr Risiko für weitere schwere Folgeerkrankungen wie Diabetes, Fettleber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzubauen. Dieses Dilemma ist im Gesundheitswesen seit langem bekannt. Die Behandlung der Folgeerkrankungen wird von Krankenkassen übernommen, die Ursache Adipositas aber gilt bisher − anders als in den USA − nicht als behandlungswürdige Krankheit.

Anlässlich einer Fachveranstaltung mit rund 200 Teilnehmern im April in Berlin unterstrich Prof. Hans Hauner für das Kompetenznetz Adipositas, dass "die Versorgung von Adipositaspatienten dringend verbessert werden muss und ab einem Body-Mass-Index von 35 kg/m2 ein Anspruch auf Therapie bestehen sollte." Nur so könnten die Gesundheit erhalten und enorme Folgekosten vermieden werden. Wie der Leipziger Universitätsprofessor Matthias Blüher vom IFB AdipositasErkrankungen sagt, "steigt zwar die Zahl der Kostenübernahmen für Adipositas-chirurgische Eingriffe wie Magenbypässe, aber die unabdingbare Nachsorge für diese Patienten, wird Kliniken bisher nicht vergütet." Ebenso seien viele Therapiemaßnahmen, die für eine konservative Behandlung sinnvoll sind, derzeit in der Regel nicht von den Krankenkassen abrechenbar.

Auch Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt räumte ein: "Im Bereich Adipositas liegt Vieles im Argen". Als Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages will er sich "für eine verbesserte Prävention und Versorgung stark machen." Kurzfristige Kampagnen brächten wenig, gesamtgesellschaftliche Veränderungen seien nötig.

"Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Adipositas in Deutschland ist nach wie vor zu hoch", beklagt der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Prof. Martin Wabitsch. "Der Leidensdruck unter dem Stigma Adipositas ist groß und wird massiv unterschätzt", berichtet der Kinder- und Jugendarzt. "Einer Studie zufolge entspricht die Lebensqualität eines Jungen oder Mädchens mit Adipositas der eines krebskranken Kindes. Deshalb muss eine Therapie so früh wie möglich einsetzen", so der DAG-Präsident.

Dass eine erfolgreiche Therapie der Adipositas möglich ist, wird durch verschiedene Studien gezeigt. Aktuelle Vereinbarungen einzelner Kliniken mit der AOK Plus in Thüringen und Sachsen verdeutlichen außerdem, dass auch die Versorgung verbessert werden kann.

Hintergrundinformationen zu den Einrichtungen

Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB AdipositasErkrankungen gibt es derzeit über 50 Forschungsprojekte. Zur Patientenversorgung stehen eine IFB Adipositas-Ambulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen (www.ifb-adipositas.de)

Die Deutsche Adipositas Gesellschaft e.V. (DAG) versteht sich als Fachgesellschaft von Wissenschaftlern und therapeutisch tätigen Experten, die sich dem Krankheitsbild Adipositas (starkes Übergewicht) widmen. Der gemeinnützige Verein hat sich vorrangig zum Ziel gesetzt, Forschung, wissenschaftliche Diskussion, Weiterbildung und wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich Adipositas zu fördern sowie Konzepte und Leitlinien zu Prävention, Diagnose und Therapie der Adipositas zu entwickeln. Neben der Veranstaltung von Fachtagungen engagiert sich die DAG berufspolitisch, forschungspolitisch und gesundheitspolitisch. Fachorgane der DAG sind die Zeitschriften "Adipositas" (Schattauer Verlag) und "Obesity Facts" (Karger Verlag). Ein aktueller Tätigkeitsschwerpunkt der DAG ist es, Politik und Öffentlichkeit auf die "Public Health"-Aspekte der Adipositas hinzuweisen. (www.adipositas-gesellschaft.de)

Das Kompetenznetz Adipositas verbindet bundesweit Experten im Bereich Adipositas. Im Netzwerk organisierte Verbünde erforschen Ursachen und Risikofaktoren für die Entstehung der Adipositas. Sie entwickeln und überprüfen neue Therapien sowie Präventionsstrategien. Das Kompetenznetz stellt fundierte und verständliche Informationen für Ärzte, Verbände, Medien und Betroffene bereit. Damit sorgt das Netzwerk für eine Vernetzung und Stärkung der Adipositasforschung in Deutschland, für einen verbesserten Wissenstransfer der medizinischen Forschung und am Ende für eine bessere Versorgung der Betroffenen (www.kompetenznetz-adipositas.de).

Doris Gabel