Internationaler Tag gegen den Lärm widmet sich Geräuschumwelt von Kindern

Hörstörungen werden am UKL in spezieller Sprechstunde behandelt

Pressemitteilung vom 28.04.2014
Leipzig. Zum Frühstück dudelt das Radio, tagsüber ist volle Konzentration im Unterricht gefragt. Nachmittags läuft der Fernseher, abends feiern lautstark die Nachbarn. Stille ist in unserem Alltag selten geworden – und das fängt schon bei den Kleinen an, sagt UKL-Mediziner Professor Michael Fuchs. Die Geräuschumwelt von Kindern steht in diesem Jahr auch zum Internationalen Tag gegen den Lärm am 30. April im Blickpunkt.
Bild vergrößern Prof. Michael Fuchs, Leiter der Phoniatrie und Audiologie am UKL, rät zu bewussten Hörpausen.
Foto: Stefan Straube
 

„Nicht nur Erwachsene, auch Kinder sind einer beständigen Geräuschkulisse ausgesetzt, die in den vergangenen Jahrzehnten lauter geworden ist und auf der fortschreitenden Industrialisierung, aber auch auf unserem Lebensstil basiert“, erklärt Professor Fuchs, der die Phoniatrie und Audiologie an der HNO-Klinik leitet. Der gestiegene Geräuschpegel belaste das Hören und mache es anstrengender. Dauerhafter Lärm kann sogar krank machen.

„Aus Sicht der HNO-Mediziner ist Lärm einerseits etwas, das zur Hörschädigung führt“, erklärt HNO-Mediziner Fuchs. Wenn jemand am Arbeitsplatz – oder auch zu Hause – tagtäglich mehrere Stunden einer Lautstärke von 85 Dezibel ausgesetzt ist, besteht die Gefahr, dass sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren eine Lärmschädigung des Ohrs entwickelt. 85 Dezibel entsprechen beispielsweise etwa der Lautstärke einer stark befahrenen Hauptstraße in zehn Metern Entfernung – „oder auch der durchschnittlichen Lautstärke in einem Kindergarten, wie schwedische Forscher gerade herausgefunden haben“, so Fuchs.

Auf der anderen Seite kann auch ein hoher Geräuschpegel in der Schule die Konzentration im Unterricht erschweren. „Unsere beiden Ohren ermöglichen es uns, so genannten Nutzschall von Störschall zu trennen und das Störende weitgehend auszublenden. So sind auch Schüler in der Lage, die Stimme des Lehrers von lauten Umgebungsgeräuschen, die beispielsweise im Sommer durch geöffnete Fenster entstehen, zu trennen. Je lauter jedoch der Störschall, umso mehr wird der Lernprozess behindert, die Konzentration fällt deutlich schwerer“, erklärt er.

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind aber nicht nur unkonzentriert ist, sondern sich Gehörtes generell schlecht merken kann, kann eine so genannte Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) dahinter stecken. „Kinder, die davon betroffen sind, zeigen häufig sehr schlechte Leistungen in Diktaten und haben Probleme, sich mehrere Aufgaben zu merken, die ihnen gleichzeitig mündlich aufgegeben wurden“, so der Mediziner.

Am Universitätsklinikum Leipzig werden Kinder mit derartigen Problemen umfassend untersucht um festzustellen, ob es sich um eine solche Wahrnehmungsstörung handelt und andere Ursachen wie Lernschwächen oder eine tatsächliche Schwerhörigkeit ausgeschlossen werden können. „Wir arbeiten bei der Diagnostik in unserer Kinder-Schwerhörigkeitssprechstunde eng mit Psychologen zusammen und auch mit den Lehrern, die ein wichtiger Partner für uns sind“, sagt Professor Fuchs. Eine Behandlung ist beispielsweise mit logopädischem Training oder einem so genannten FM-Gerät möglich, bei dem der Schüler eine Art Hörgerät trägt und der Lehrer ein Mikrofon. So wird der Störschall im Unterricht weitgehend ausgeblendet.

Oft steckt hinter schlechtem Hören aber gar keine Störung, die Kinder sind schlicht auf etwas anderes konzentriert – oder haben das bewusste Hinhören (noch) nicht gelernt. „Wir haben uns angewöhnt, uns ständig mit einer Geräuschkulisse zu umgeben. Das geht damit los, dass wir den Fernseher einschalten, wenn wir nach Hause kommen.“ Aber auch in Kaufhäusern läuft oftmals Musik in nicht geringer Lautstärke – „und nicht mal auf dem ‚Stillen Örtchen‘ ist es mehr still“, resümiert der Mediziner.

Diese ständige Beschallung hat zu einem anderen Phänomen geführt: „Viele Menschen fühlen sich unwohl oder sind irritiert, wenn es plötzlich um sie herum sehr still ist. Umgebungsgeräusche haben ja auch den Vorteil, dass die eigene Stimme darin ein wenig untergeht“, sagt Professor Fuchs. Man wird ein Teil des Klang-Teppichs und sticht nicht mehr so hervor.

Sinnvolle Hörpausen zu machen und wieder richtig hinzuhören, ist aber für Kinder und auch für Erwachsene nur eine Frage der Übung, sagt der Phoniater. „Schon fünf Minuten Stille am Tag und die bewusste Konzentration auch auf leise Geräusche können unser Gehör gleichzeitig entlasten und trainieren.“

 

Tipps für Eltern

Hörerholung bieten

Kinder sollten die Möglichkeit haben, ihr Gehör auszuruhen. Wenn sie beispielsweise gerade ins Spiel vertieft sind oder für sich selbst basteln, sollten Eltern darauf verzichten, zusätzlich Musik oder Hörspiele einzuschalten. „Auch das Küchenradio sollte dann mal aus bleiben, auch wenn man selbst vielleicht gerade Musik hören will“, rät Professor Fuchs.

Hinhören trainieren

Das bewusste Hin- und Zuhören kann man trainieren: Lesen Sie viel vor. Sensibilisieren Sie Ihr Kind für leise Geräusche wie Blätterrascheln oder Vogelgezwitscher und für die Geräuschvielfalt in seinem Alltag.

Singen

Auch Singen schult das Gehör, denn beim Singen können viel stärker als beim Sprechen Tonhöhen-Unterschiede wahrgenommen werden. Außerdem wird die Stimm-Melodie hier sehr viel deutlicher.


Kinder-Schwerhörigkeitssprechstunde am UKL

Sprechzeiten: Montag bis Freitag 8 - 16 Uhr, Termine nach telefonischer Vereinbarung

Terminvereinbarung: 0341 – 97 21 744

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Ines Christ.