Beim Singen und Sprechen: Die Stimme im Fokus

Pressemitteilung vom 20.02.2014
Mit den vielfältigen Zusammenhängen von Singen und Sprechen befassen sich vom 21.-23. Februar die rund 500 Teilnehmer des 12. Leipziger Symposiums zur Kinder- und Jugendstimme. Es geht unter anderem um die Entwicklung von Sprechen und Sprache. Da Sprachentwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben, geht es auch um die Frage, wie Singen helfen kann. Das Symposium wird veranstaltet durch die Universitätsmedizin Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis "Musik in der Jugend" und der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy".

Für den zwölften Jahrgang des Symposiums hat das Konzeptionsteam um Prof. Dr. Michael Fuchs, Leiter der Sektion für Phoniatrie und Audiologie am Universitätsklinikum Leipzig, ein breit gefächertes Programm um die Funktionalitäten Singen und Sprechen aufgestellt. In der bewährten Mischung aus Vorträgen, Workshops und interaktiven Elementen behandeln renommierte Dozenten aus ganz Deutschland Themen wie die Evolution von Singen und Sprechen, den kreativen Umgang mit Sprache in Popmusik und Rap oder die Bedeutung von Gesang und Sprache in den Ländern und Kulturen des mittleren und südlichen afrikanischen Kontinents. Ganz bewusst entfernen sich einige Beiträge von der deutschen Sprache: Der erste Tag des Symposiums ist der Welttag der Muttersprache, ausgerufen von der UNESCO, die in diesem Jahr das Symposium unterstützt. Zu Gast ist erstmals der Deutsche Jugendkammerchor, in dem sich junge, begabte Sängerinnen und Sänger aus dem gesamten Bundesgebiet vereinen. Sein Leiter, Prof. Robert Göstl, widmet einen interaktiven Workshop den sprachlichen Gestaltungsmitteln in klassischer Chorliteratur und der Frage, wie Jugendliche von heute sich den alten Texten nähern können, um sie adäquat zu interpretieren.

Sprachentwicklungsstörungen nehmen stark zu

Einen Schwerpunkt des Symposiums macht der Einsatz von Singen in der Therapie von Sprachentwicklungsstörungen aus. Viele Studien der letzten Jahre zeigen einen deutlichen Anstieg solcher Störungen im Kindes- und Jugendalter, die Zahlen der betroffenen Kinder liegen zwischen 13 und 20 Prozent. Als häufige Ursache gilt eine mangelnde sprachliche Anregung aus dem Umfeld. "Mit vielen Kindern wird zu wenig, und vor allem zu wenig differenziert gesprochen", erklärt der Stimmarzt Prof. Fuchs. Das liege zum Teil an der medialen Überflutung, teils aber auch an einer mangelnden Kommunikationskultur in Familien: Wo sich früher die Familie etwa beim Abendbrot austauschte, wird heute kaum gemeinsam gegessen und wenig miteinander geredet. "Das kann zu einer Verarmung in der Sprache führen", sagt Fuchs. Andere Gründe für eine verzögerte oder gestörte Entwicklung des Sprechens und der Sprache können genetische Vorbelastungen oder Hörbehinderungen und vorübergehende Schwerhörigkeiten sein.

Was ist eine Sprachentwicklungsstörung?

Die kindliche Sprachentwicklung beginnt mit dem ersten Säuglingsschrei und ist etwa mit dem sechsten Geburtstag abgeschlossen. "Das Kind durchläuft viele einzelne Entwicklungsschritte, zum Beispiel im Wortschatz, der Aussprache oder in der Grammatik. Dabei ist es ganz normal, dass es manche Dinge vorübergehend nicht perfekt macht", betont Prof. Fuchs. So werden beispielsweise bestimmte Konsonanten anfangs durch andere ersetzt, die s-Laute kommen erst am Ende der Entwicklung dran. Einige Kinder scheinen zeitweise zu stottern, wenn sie aufgeregt etwas erzählen und sprachlich nicht schnell genug hinterher kommen - doch dieses Phänomen legt sich meist wieder. Auch das Vertauschen von Buchstaben oder falsche Pluralformen sind zunächst kein Grund zur Sorge. Erst, wenn die Entwicklung um mehr als sechs Monate von Gleichaltrigen abweicht, spricht man von einer Verzögerung oder Störung.

Was kann ich tun?

Besorgten oder unsicheren Eltern empfiehlt Prof. Fuchs, sich beispielsweise bei logopädischen Verbänden zu informieren, sich beraten zu lassen und im Zweifel einfach einen Facharzt aufzusuchen. "Die Früherkennung von Stimm- und Sprachentwicklungsstörungen ist wichtig, denn nur so können Defizite korrigiert werden, bevor sie das Kind in seiner gesamten Entwicklung behindern oder die Einschulung verzögern", rät er. Logopädische Sprachtherapien beginnen dabei in der Regel ab dem vierten Lebensjahr, für die Behandlung von Stimmstörungen wie Heiserkeit muss das Kind zwei Jahre älter sein.

Unabhängig von medizinischen oder logopädischen Therapien kann auch jedes Kind bereits im Säuglingsalter in seiner Sprachentwicklung gefördert werden. "Eltern können ihren Kindern helfen, indem sie sich für sie Zeit nehmen, eine anregende Kommunikationskultur in der Familie aufbauen und ihnen vorlesen, vorsingen und mit ihnen singen", stellt Prof. Fuchs fest. Singen fördert die Motivation eines Kindes, sich mit Sprache zu beschäftigen, und es hilft, Hemmungen abzubauen und ein Gefühl für die Sprache, Rhythmus und Sprachmelodie, zu finden. Deshalb wird Singen oft als ein Element in der Sprach- und Sprechtherapie eingesetzt. Dabei spiele es weniger eine Rolle, wie gut man als Elternteil oder Bezugsperson singt, sagt Dr. Sylvia Meuret, Oberärztin in der Sektion für Phoniatrie und Audiologie des Universitätsklinikums und Teil des Organisationsteams für das Symposium. Einige Tipps kann sie geben: "Kinderlieder eignen sich besonders, wenn man mit Kindern singen möchte. Ihre einfachen Melodien sind eingängig und auf die kindliche Stimmlage abgestimmt. Außerdem finden Kinder Reime toll, das hilft ihnen auch, den Spaß am Spiel mit der Sprache zu finden."

Stimm- und Sprechstörungen sind keine Lappalie

Ausdrücklich warnen die Experten davor, Stimm- und Sprachentwicklungsstörungen auf die leichte Schulter zu nehmen, denn sie können sich langfristig auch auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. "Wer nicht richtig spricht, wird von der Gesellschaft und seinem Umfeld schlecht wahrgenommen und oft als nicht intelligent abgestempelt. Im schlimmsten Fall kann das zu psychischen Störungen und Depressionen führen", gibt Stimmarzt Dr. Fuchs zu bedenken.

Deshalb liegt ihm das Symposium zur Kinder- und Jugendstimme so sehr am Herzen: "Unser Symposium beschäftigt sich interdisziplinär mit der Kinder- und Jugendstimme aus medizinischer, therapeutischer, sprech- und stimmwissenschaftlicher Sicht auf der einen Seite, auf der anderen aus der Sicht von Gesangspädagogen, Chorleitern, Musiklehrern und Sängern", betont Fuchs. "Alle ziehen an einem Strang." Das Konzept kommt gut an: In ihrer zwölften Ausgabe hat die Veranstaltung ein großes Stammpublikum, zieht Teilnehmer aus ganz Deutschland und darüber hinaus an - und die Zahlen auf den Wartelisten steigen.

Silvia Lauppe