Psychische Erkrankungen sind Zivilisationskrankheiten: Internationaler Epidemiologie-Kongress in Leipzig

Pressemitteilung vom 05.06.2013
Rund 500 Wissenschaftler aus 40 Ländern nehmen vom 5.- 8. Juni 2013 in Leipzig am internationalen Kongress zur psychiatrischen Epidemiologie teil. Der Kongress findet erstmals in Deutschland statt. Auf dem Programm steht eine Themenvielfalt aus dem Bereich der psychischen Gesundheit: Von Burnout und Sucht über Depressionen im Alter bis hin zu psychischen Erkrankungen bei Kindern. Dabei werden auch genetische Aspekte, die innovative Behandlung mittels moderner Medien sowie Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme von führenden Wissenschaftlern diskutiert.
Bild vergrößern Soziale Medizin in Leipzig.
Foto: Fischer-Art 2010
 

Der 4-tägige Kongress im Leipziger Westin Hotel steht unter der Präsidentschaft von Prof. Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Die Tagung geht der Frage nach, was uns psychisch gesund erhält, was uns krank macht und welche Möglichkeiten es gibt, die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Denn psychische Erkrankungen haben sich zu weit verbreiteten Volkskrankheiten entwickelt, die enorme Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme zeigen. Anlass für die internationale Fachgesellschaft IFPE (International Federation of Psychiatric Epidemiology), die international führenden Experten zur diesjährigen Tagung nach Leipzig einzuladen, um über aktuelle Gesellschaftsentwicklungen und Forschungsergebnisse zu diskutieren.

Psychische Störungen häufig und folgenschwer

Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen liegt in Bevölkerungsstudien verschiedener europäischer Länder bei etwa 27 Prozent, wobei Frauen und Männer ja nach Krankheitsgruppe unterschiedlich häufig betroffen sind. Aufgrund von Arbeitsausfall und nötiger Behandlungen werden beträchtliche Kosten verursacht. In der EU entstehen durch affektive Erkrankungen Kosten in Höhe von 113 Mrd. Euro, durch Psychosen 84 Mrd. Euro. Für die Betroffenen sind die Auswirkungen in ihrem Alltag erheblich: Menschen mit Angststörungen oder Depressionen sind in ihrer Arbeitsfähigkeit häufiger eingeschränkt als Menschen mit körperlichen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mellitus. Auch wenn sich in vielen europäischen Ländern in den letzten 3 Jahrzehnten die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen verbessert hat, erhalten noch immer häufig weniger als die Hälfte eine entsprechende fachgerechte Behandlung.

Depression im Alter unterschätzt

Nach den Demenzen gehören depressive Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Störungen im höheren Lebensalter, oft mit chronischem Verlauf. Die Leipziger Langzeitstudie in der Altenbevölkerung (LEILA75+), eine Bevölkerungsstudie mit über 1.200 Leipzigern, ergab in der Altersgruppe über 75 Jahre eine Häufigkeit von 14 Prozent. Funktionseinschränkungen im Alltag sowie ein spärliches soziales Netzwerk gelten als Risikofaktoren. Ältere Menschen mit depressiven Störungen gehören zu den Vielnutzern des Gesundheitssystems, wobei die wenigsten eine depressionsspezifische Behandlung erhalten, dabei sind depressive Störungen im Alter behandelbar. Für deutsche Senioren ist mehrheitlich der Hausarzt erster Ansprechpartner. Die Gesamtkosten depressiver Senioren liegt ein Drittel über den entsprechenden Kosten nicht depressiver Senioren. Internationale Untersuchungen zeigen, dass auch alte Menschen psychosozialen Interventionen einen bevorzugten Stellenwert einräumen.

Psychische Probleme bei Schulanfängern

Knapp 22 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zeigen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Die Forschergruppe um Prof. Kai von Klitzing, Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychatrie an der Universität Leipzig, beschäftigt sich mit der Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Vorschulalter, da die Problem selten erst im Schulalter beginnen. Ein bedeutsamer Teil zeigt früh emotionale Symptome, Verhaltensprobleme oder Hyperaktivität/Unaufmerksamkeit.

In einer Leipziger Kindergartenreihenuntersuchung sowie der Einschulungsuntersuchung kam heraus, dass gut 8 Prozent der Vorschulkinder grenzwertige und knapp 7 Prozent auffällige Symptomhäufungen aufwiesen. Knapp zwei Jahre später waren es noch 6,6 Prozent bzw. 5,7 Prozent. Im Mittel nahmen Hyperaktivität/Unaufmerksamkeit und Verhaltensprobleme ab, emotionale Symptome dagegen zu. Auffallend waren Geschlechtsunterschiede: Jungen wiesen höhere Symptomlevel auf, eine höhere Beeinträchtigung sowie geringeres prosoziales Verhalten als Mädchen. Betroffene Kinder sollten möglichst früh erkannt werden und bei anhaltender Symptomatik Behandlung erhalten. Störungen im Kindesalter sind oft Vorläufer von psychischen Störungen im Erwachsenenalter.

Deutschland hat Nachholbedarf

Im Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland keinen Lehrstuhl für "Psychiatrische Epidemiologie". Dass der weltweit bedeutsamste Kongress auf dem Gebiet erstmals in Deutschland stattfindet, gibt der Entwicklung notwendige Impulse.

Diana Smikalla