Gesunde Ernährung in Deutschland?

Engagement der Politik und Lebensmittelindustrie nötig

Pressemitteilung vom 21.05.2013
Die Verlockung kalorienreicher Leckereien lauert überall – wie kann es dennoch gelingen, gesund zu bleiben? Diese Frage stellte das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen im „IFB Dialog“, einer Diskussions¬veranstaltung mit Vertretern aus Medizin, Ernährung und Politik kürzlich in Leipzig (16.5.13). Nach wie vor gilt zu reichliches Essen als Hauptursache für Übergewicht. Wie steht es also um die Essgewohnheiten hierzulande? Was müsste sich verändern, damit die Menschen sich gesünder ernähren und Übergewicht vermeiden? Auch anlässlich des Europäischen Adipositas-Tages (18.5.2013) und der Diskussion um ein Gesetz zur Prävention von Volkskrankheiten gilt es diese Fragen zu beantworten.
Bild vergrößern (von links) Dr. Thomas Ellrott (Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie, Univ. Göttingen), Uta Viertel (Leiterin des Referats Ernährung, Verbraucherzentrale Sachsen), Moderator der Veranstaltung Friedemann Schmidt (Apotheker und TV-Moderator), Prof. Dr. Wieland Kieß (Direktor der Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Leipzig) und Karin Strempel (Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU Sachsen) diskutierten beim IFB Dialog am 16.5 in Leipzig mit rund 100 Besuchern die Themen gesunde Ernährung und Übergewicht vermeiden.
Foto: IFB
 

Von Doris Gabel, IFB

Überernährung und Übergewicht sind in Deutschland längst zum Problem geworden, unter­streicht Mario Hellbardt, Gesundheitswissenschaftler und Diätassistent am IFB. „Über die Hälfte der Deutschen ist zu dick und fast ein Viertel sogar adipös – also stark übergewichtig.“ Vor allem die Begleiter­krankungen der Adipositas belasten die Betroffenen und die Gesellschaft gleichermaßen. „Die Ursachen für Übergewicht liegen nicht nur beim Einzelnen, seinem Essverhalten, seinen Genen oder seinem Stoffwechsel, sondern auch in seinen Umweltbedingungen“, so Hellbardt. Dazu gehöre z. B., wo und wie viel Essen verfügbar ist, ob die Umgebung zu Bewegung motiviert oder ob der Arbeitsalltag richtige Mahlzeiten erlaubt.

Bessere Lebensmittelauszeichnung notwendig

Obwohl die Regale der Supermärkte voll und auch gesunde Lebensmittel im Überfluss vorhanden sind, sieht Uta Viertel, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen, Probleme des Verbrauchers, sich tatsächlich gesund zu ernähren. „Fantasienamen, schönende Bilder und Produktpräsentationen sowie unklare Angaben auf Lebensmitteln täuschen dem Konsumenten oft vor, dass ein Produkt gesund sei“, so Viertel. Wünschens­wert wäre, dass die Gesundheitspolitik z. B. Vorgaben für verständliche Angaben auf Lebens­mitteln und für die Essensverpflegung in Kitas und Schulen macht. Auf diesem Wege wäre es möglich, trotz immer weniger selbst zubereiteten Mahlzeiten in der Familie, eine gesunde Ernährung ohne Geschmacksverstärker von Kindesbeinen an zu fördern. Gesundes Essen sollte außerdem auch Thema im Schulunterricht sein.

Schwindende Esskultur

„Kinder brauchen vor allem gute Essensvorbilder in der Familie und keinen Ernährungsunterricht mit erhobenem Zeigefinger. Auch Kochshows im Fernsehen werden eher passiv als Unterhaltung konsumiert und führen kaum zu mehr Aktivität in deutschen Küchen“, betont Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie in Göttingen. Die Fehl- und Überer­nährung sieht er u.a. in der zunehmend aufgelösten Familienstruktur und schwindenden Esskultur begründet. „Schnell, billig und viel ist beim Essen die falsche Philosophie. Eine Kampagne fürs Selbst-Kochen und mehr Wertschätzung vor allem des gemeinsamen Essens könnte dem Trend zu Fast Food und Snacks entgegen wirken.“

„Solange eine Tüte Kartoffelchips billiger ist als eine Tüte Obst haben wir in Deutschland ein Problem“, ergänzt Prof. Wieland Kieß, Direktor der Kinder und Jugendmedizin am Uni­versitätsklinikum Leipzig und Forscher am IFB AdipositasErkrankungen. Seit vielen Jahren behandelt er in einer speziellen Adipositas-Ambulanz übergewichtige Kinder und Jugendliche. „Das Problem beginnt in der Familie und nicht beim Kind selbst. Problembewusstsein und Ernährungskenntnisse bei den Eltern sind unverzichtbar dafür, dass Kinder hierzulande wieder gesünder werden.“ Neueste Studien belegen, dass ihr Risiko im Erwachsenenalter an Herz- und Gefäßleiden zu erkranken - selbst wenn sie abnehmen - erhöht bleibt. Die Gesund­heitsfolgen sind also gravierend, zumal rund 80 Prozent der übergewichtigen Kinder auch in späteren Jahren zu dick sind.

Gesetzliche Regelungen zugunsten gesunder Ernährung?

Die Forderung von Ärzten und Verbraucherschützern, die auf Kinder zielende Nahrungs­mittelwerbung zu verbieten, findet Karin Strempel, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU Sachsen, wenig sinnvoll. „Gesetze oder Verbote können das Ernährungs­verhalten nicht wesentlich beein­flussen“, ist Strempel überzeugt. Wirksam seien hingegen zielgerichtete Aktionen zur gesunden Verpflegung verstärkt in Kitas und Schulen und vor allem intensive Aufklärung über gesundes Essen. Solche konkreten Projekte bietet z. B. die Sächsische Landes­vereinigung für Gesund­heits­förderung.

Der IFB Dialog kam zu dem Fazit, dass eine gesunde Ernährung nur mit Eigenverantwortung und Engagement des Einzelnen umsetzbar ist. Allerdings müssen auch Gesundheitspolitik und Lebensmittelindustrie mehr als bisher in die Pflicht ge­nommen werden. Gesetzliche Regelungen und Maßnahmen, die über Appelle und Selbstverpflichtungen hinausgehen, sollten langfristig die gesamte Bevölkerung erreichen. Sie sollen die Lebensverhältnisse so verändern, dass auch Menschen mit niedrigerem Einkommen und Bildungsstand eine größere Chance auf ein gesundes Leben haben.

 

Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB AdipositasErkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Zur Patientenversorgung stehen eine IFB AdipositasAmbulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

Doris Gabel, IFB

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Helena Reinhardt.