Außergewöhnliches Stimmsymposium gestartet

Pressemitteilung vom 22.02.2013
Am heutigen Freitag bis kommenden Sonntag bringt das 11. Symposium zur Kinder und Jugendstimme der Leipziger Universitätsmedizin rund 500 Teilnehmer aus praktischen und wissenschaftlichen Bereichen der Medizin, Gesangspädagogik und Logopädie zusammen. "Wege im Umgang mit dem Besonderen" verspricht das diesjährige Leitthema. Neue oder außergewöhnliche Möglichkeiten des Musizierens mit körperlich oder geistig behinderten sowie verhaltensauffälligen Kindern werden in Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden vorgestellt.
Zeit 22. Februar 2013, 16:00 Uhr bis 24. Februar 2013, 14:00 Uhr
Bild vergrößern (v.l.n.r.) Ulrich Kaiser, Prof. Michael Fuchs, Ulrich Horst  

Wie gelingt Teilhabe und welche pädagogischen und medizinischen Entwicklungsmöglichkeiten bietet das gemeinsame Musizieren für Kinder und Jugendliche mit besonderen Föderbedürfnissen? - Unter dieser Fragestellung lässt sich die auch in diesem Jahr ausgeprägte Themenvielfalt des 11. Stimmsymposiums zusammenfassen. Ein Auszug:

Viel zu tiefe Kinderstimmen Dass Singen durchaus ein Weg aus der familiären Misere sein kann, berichtet der Musikpädagoge Ulrich Horst. Seit über 16 Jahren ist er Lehrer an einer katholischen Kölner Grundschule im sozialen Brennpunkt. In seinen Klassen haben rund 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Er hat beobachtet, dass die Stimmen beim überwiegenden Teil der Erstklässler in einem katastrophalen Zustand sind. "Der Großteil, rund 70 Prozent von ihnen, hat mit zunehmender Tendenz viel zu tiefe Stimmen. Sie können beim textgebundenen Singen nicht in der für Kinder regulären und einfachen Tonart F-Dur singen. Auf Vokalise wie beispielsweise pu-pu-pu gesungen, kommen sie etwas in die Höhe, das heißt, sie haben zumindest Zugang zu ihrer Kopfstimme. Viele Kinder brummen und ihnen verschlägt es sprichwörtlich die Stimme." Die Erklärung findet Ulrich Horst in ihrer Sozialisationsgeschichte. Der untere Tonbereich eines Menschen entfaltet sich durch Wachstum, der obere durch Training. "Seine" Kinder leiden an einer erschreckend geringen geistigen Anregung. "Ihre Hörgewohnheiten sind verkümmert, ihnen wird nicht vorgelesen, geschweige denn mit ihnen gesungen. Familiäre Probleme wie Gewalt, Missbrauch, Drogen oder häufige Lebenspartnerwechsel, aber auch exzessiver Fernsehkonsum - all diese Belastungen spiegeln sich in den Kinderstimmen wieder", so Horst.

Sein Ansatz ist ein inklusiver, also die Kinder dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Er beginnt mit tiefer intonierten Lieder, trainiert sie allmählich durch eine behutsame Stimmbildung und lässt sie Intonationserfahrungen machen. Ein langwieriger Prozess: Bei einer Unterrichtsstunde pro Woche verzeichnet der Gesangspädagoge bei der Klassenhälfte eine deutliche Verbesserung. "Das hängt auch damit zusammen, dass dem Singen die Persönlichkeit durchklingt. Milieuhafte Prägungen lassen sich eben nicht so schnell beeinflussen." Das Singen an sich mache den Kinder große Freude, berichtet Ulrich Horst. Die Kinder seien wie ausgetrocknete Schwämme, man müsse pädagogisch nur den Funken in ihnen zünden. Auch die soziokulturelle Wertschätzung spielt bei ihm eine Rolle. Da viele Kinder-Familien aus dem muslimischen Anatolien stammten, baut er Liedgut von der Schwarzmeerküste oder türkische Kehrverse in deutsche Lieder ein. Wenn deutsche Advents- oder kölsche Karnevalslieder auf dem Programm stehen, bietet er zusätzlich Textverständnisübungen an und beobachtet auch dabei, dass sich die Kinder über diese Pluralität gerne einbinden und begeistern lassen.

Jungs sind in der Minderheit Begeisterungsfähigkeit spielt auch in der Arbeit vom MDR-Kinderchorleiter Ulrich Kaiser eine entscheidende Rolle. "Es stimmt", so Kaiser, "zu Hause wird nicht mehr so viel gesungen wie früher, so dass man in Chören auf einem anderen Niveau anfängt. Um darauf einzugehen, muss man eben bessere Konzepte zum Ausgleich anbieten, wie es beispielsweise in Leipzig das Forum Thomanum ja auch macht. Ich suche deshalb weniger nach den Ursachen in der Vergangenheit, sondern möchte nach vorne schauen." Aus Mangel eines allgemeinen Erhebungsverfahrens wird grob geschätzt, dass in Deutschland nur 10 Prozent Jungen in Chören singen. "Das ist viel zu wenig!" Als der ehemaliger Kruzianer die Chorleitung in Leipzig übernommen hatte, führte er deshalb eine Jungenquote ein und verstärkte die Suche nach ihnen. Sein Ziel ist es, den Chor zur Hälfte aus Jungen bestehen zu lassen. "Es ist eine atmosphärische Frage, ob Jungs in Chören singen. Sie wollen anders angesprochen werden als Mädchen", ist Kaiser überzeugt. "Bislang wird das häufig ignoriert, auch wegen der Mädchenübermacht. Wenn man Jungs romantische Titel anbieten oder sie tanzen lassen, ist es kein Wunder, dass sie schnell wieder austreten." Zum Atmosphäreschaffen gehört für Kaiser beispielsweise, außerhalb der Proben auch Fußballspiel anzubieten oder mit den Jungs separat zu singen. Sein Erfolg lässt sich messen: In einem Jahr hat er die Anzahl der Jungs im MDR-Kinderchor mehr als verdoppeln können.

Gefahren der Kinder-Castingshows Öffentliche Präsentationen, in denen singende Kinder und Jugendliche zur Schau gestellt werden, bergen nicht nur Chancen, sondern aus psychologischer, musikpädagogischer und stimmärztlicher Sicht auch Gefahren. Dr. Michael Kroll, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Leipzig, möchte Castingshows nicht grundsätzlich verteufeln. "Sie entsprechen sicher dem veränderten Umgang mit heutigen Medien und einem gewissen Darstellungsbedürfnis der Jugendlichen. Aber die Teilnehmer bedürfen dringend einer Medienberatung und einer erwachsene Verantwortung, damit sie nicht ungeschützt in einen Prozess hineinrutschen, für den sie wahrscheinlich nicht reif genug sind und den sie anfangs nicht in seinem ganzen Umfang überschauen können." Fachleute sprechen von einer "klebrigen Identität" im mediale Zeitalter und meinen damit, dass einmal im Netz eingegebene Informationen kaum zurückzuholen sind. Auch wird in der digitalen Identität weitaus mehr vervielfältigt und preisgegeben als es im persönlichen 1 zu 1-Kontakt üblich ist. "Nehmen wir nur die Tatsache, dass Firmen Geld mit der Weiterverarbeitung von Einträgen verdienen. Oder den Umstand, dass Emotionen im Netz sehr direkt und verdichtet ausgedrückt werden in Verballhornungen, Häme und regelrechten "shit storms". Wie sollen Kinder und Jugendliche, in voller Konsequenz absehen können, wie viel sie beim Vorsingen tatsächlich von ihrer Persönlichkeit freigeben? Das ist ganz und gar nicht leicht verdientes Geld."

Deshalb sei Zurückhaltung geboten, so Dr. Kroll. Die Entwicklung in den USA, wo bereits eine Industrie um die öffentliche Zurschaustellung von Kindern entstanden ist, sei Anlass genug, hier als Gesellschaft rechtzeitig aktiv mit Aufklärung und Medienkompetenztrainings gegenzusteuern. Zwar gibt es bislang zur Einzelfallbeispiele und keine größeren, wissenschaftliche Untersuchungen, aber die seien eindrücklich. "Elektronische Medien wirken wie Reaktionsbeschleuniger - als Sprungbrett ebenso wie als Abwärtsstrudel", stellt der Psychologe fest. "Alles im Umfeld wird auf die Castingshow reduziert, es werden Stigmatisierungen vorgenommen, aus denen schwer herauszukommen ist und die Teilnehmer bekommen sehr schräge Projektionsangebote und Gefühle von Dritten vermittelt." Ohne ein gesundes elterliches Abschirmen und eine Erdung durch Normalität sei dieser Druck von der Kinderseele kaum auszuhalten. Zumal selbst für viele Erwachsene die Grenzen zwischen Realität und Fiktion im Fernsehen verschwimmen. "Die Auswirkungen von Formaten wie DSDS oder Top Model können sie in Zahlen ablesen", sagt Kroll, der auch Vorstand im Leipziger Verein "Irrsinnig menschlich" ist und in Schulprojekten an der Lebensrealität der Jugendlichen ansetzt. "Jedes dritte 14-jährige Mädchen hat heute Symptome einer Essstörung. Das wechselnde Körperbild in der Pubertät mit den im Fernsehen vorgeführten Maßstäben überein zu bekommen, ist schwer."

Für Prof. Michael Fuchs, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie an der Universitätsklinik Leipzig und Gastgeber der Fachtagung, kommen außerdem kritisch zu betrachtende Stimmentwicklungsaspekte hinzu. "Die junge Stimme ist den Anforderungen von Popmusik nicht gewachsen. Die Geräuschelemente des Popgesangs setzen ein gute stimmliche Grundausbildung und Techniken voraus, sonst drohen langfristige Schäden. Überlastungen wie in den Castingshows können zu Funktionsstörungen der Sing- und Sprechstimme führen. Abgesehen davon halte ich die Erwachsenenthemen in den Liedern, in denen es um Liebesbeziehungen oder Drogenkonsum geht, für diese Altersgruppe nicht für angemessen."

Am Samstag, 22. Februar wird das Thema Kinder-Casting-Shows beim Symposium ab 18.30 Uhr Gegenstand einer Podiumsdiskussion mit Videobeispielen sein. Das gesamte Fachprogramm unter: http://kinderstimme.uniklinikum-leipzig.de/programm_web_2013.pdf