Künstlicher Blasenschließmuskel – hydraulisches System verhilft wieder zu Kontinenz

Pressemitteilung vom 15.02.2013
Harninkontinenz ist eine häufige Erkrankung. Allein in Deutschland leiden 6 bis 8 Millionen Frauen und Männer unter diesem intimen und höchst unangenehmen Problem. Am Kontinenzzentrum des Universitätsklinikums Leipzig werden Betroffene mittels einer speziellen Implantat-Lösung erfolgreich therapiert. Besonders männliche Patienten erhalten so ein völlig neues Lebensgefühl.

„Wenn der Patient zu mir ins Sprechzimmer kommt, kann ich schon am Gang und an der Kopfhaltung  sehen, dass die Operation, die ich ein paar Wochen vorher vorgenommen habe, erfolgreich war“, freut sich Dr. Thilo Schwalenberg mit seinen Patienten. „Mit dem hydraulischen Schließmuskelsystem, das ich für die beste Implantat-Lösung bei Harninkontinenz halte, erfahren die Patienten ein neues Lebensgefühl. Vorher war der Kopf den ganzen Tag mit Sorgen und Überlegungen beschäftigt: Wo befindet sich die nächste Toilette? Wie kann ich am besten meine Vorlagen tarnen? Nach der OP ist fast alles wieder normal. Und das merkt man gerade den Männern an.“

Wie Dr. Schwalenberg, Leiter des Kontinenzzentrums am Universitätsklinikum Leipzig und Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Urologie, erläutert, werden Männer im Gegensatz zu Frauen meist nur dann inkontinent, wenn eine Operation oder eine Bestrahlung vorausgegangen ist. „Bei Frauen wird eine Inkontinenz oft altersphysiologisch verursacht. Bänder, die zum Halteapparat der Harnröhre gehören, verlieren ihre Spannung,  der Beckenboden insgesamt senkt sich, was wir dann operativ korrigieren können. Beim Mann jedoch muss schon ein Verlust von Schließmuskelgewebe oder eine nervale Schädigung vorliegen, um die Funktion des  zu beeinträchtigen“, so der Facharzt für Urologie und Andrologie. „Problematisch dabei ist, dass Männer offenbar psychisch nur schwer verkraften können, mit Vorlagen umzugehen. Frauen verwenden ja ab der Jugendzeit Vorlagen und haben hierfür eine gewisse Akzeptanz. Der 65-jährige Mann aber, der nach einer Prostata-Operation plötzlich seine Blase nicht mehr unter Kontrolle hat und nun auf Vorlagen angewiesen ist,  fühlt sich förmlich am Ende. Und genau für diesen Patienten haben wir mit dem hydraulischen Schließmuskelsystem, das implantiert wird, die Lösung.“

Das Implantat besteht im Wesentlichen aus einer Manschette, die die in der Dammregion liegende Harnröhre umschließt. Dazu kommt ein Auslöser, mit dem per Hand die Manschette geöffnet werden kann, um dem Harndrang nachzugeben. Ein weiterer Bestandteil ist ein kleiner Ballon als Reservoir der „Hydraulik-Flüssigkeit“ – es ist Kontrastmittel-/Wassergemisch – zum Öffnen und Schließen der Manschette. Diese drei Bestandteile, die mit kleinen Schläuchen verbunden sind, bilden einen künstlichen Blasenschließmuskel, der komplett in den Körper eingesetzt wird. Einzig an den Auslöser muss der Patient kommen – deshalb befindet er sich versteckt im Hodensack. Bei Frauen ist diese Operation auch möglich. Der Auslöser befindet sich dann in einer der großen Schamlippen.

Die Manschette – individuell auf Größe und Zustand der Harnröhre abgestimmt – schließt alles sauber ab. Wird ein Harndrang verspürt, sucht der Betreffende eine Toilette auf und betätigt den im Hodensack (beziehungsweise in der Schamlippe) fühlbaren Auslöser, der als Pumpe bezeichnet wird. Gepumpt werden muss aber nichts. Denn per einmaligen Druck öffnet sich die Manschette für etwa zwei bis drei Minuten und der Harn läuft ab. Dann schließt sich automatisch die Manschette durch den hydraulischen Kreislauf wieder.

„Ich implantiere fast jeden Dienstag dieses System, und es gibt durchgehend eine gute Akzeptanz. Wir haben in den letzten Jahren mit stetig steigender Tendenz diese Operation weiterentwickelt und gehören heute zu den Zentren in Deutschland mit der höchsten Implantatziffer“, berichtet Dr. Schwalenberg. „Die Patienten kommen oft von weit her in unser Kontinenzzentrum, das eine besondere Expertise auch bei diesen Operationen bieten kann. Südlich von Berlin bis hinab zur tschechischen Grenze – so kann man das Einzugsgebiet beschreiben.“

Sechs Wochen braucht es, bis das Implantat eingeheilt ist. Dann wird das System aktiviert. Und spätestens vier Wochen später kommt genau dieser total veränderte Patient ins Sprechzimmer von Dr. Schwalenberg. Der Vorläufer des hydraulischen Blasenschließmuskels, auf den der Leipziger Urologe setzt, wurde schon 1972 verwendet. Inzwischen ist er natürlich weiterentwickelt worden; beispielsweise wird das Silikonmaterial heute Antibiotika-beschichtet, und Implantatinfektionen konnten gesenkt werden. Rund 150 000 Patienten wurden weltweit damit versorgt. In Leipzig wird diese Operation seit 2006 routinemäßig vorgenommen.

Derzeit bereitet sich der Leiter des Leipziger Kontinenzzentrums intensiv darauf vor, auch Patienten mit Stuhlinkontinenz helfen zu können. „Denn es gibt durchaus die Möglichkeit, einen künstlichen Darmschließmuskel zu implantieren, der nach dem gleichen Prinzip funktioniert“, so Dr. Schwalenberg. „Damit kann man  Patienten helfen, für die sonst nur noch ein künstlicher Darmausgang zur Verfügung stehen würde.“

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Kathrin Winkler.