Um den Menschen begreifen zu können

Pressemitteilung vom 07.11.2003
Jährlich präparieren Leipziger Medizinstudenten rund 40 Leichname

"Den Toten, die Euch, den Lebenden, halfen" - diese Inschrift ist in einen schlichten Stein auf dem Leipziger Südfriedhof gemeißelt. Darunter ist in kleineren Lettern zu lesen: "Die Universität Leipzig Institut für Anatomie". Namen werden keine angeführt. Doch wenn alljährlich vor Totensonntag Hinterbliebene die Gräber schmücken, dann liegen auch am Stein der Universität Gebinde. Was hat es auf sich mit diesem ungewöhnlichen Denkmal?

Im Jahre 1999 erwarb die Universität Leipzig dieses Stück Erde, um Körperspender - sofern sie nicht anderswo begraben werden wollten - dort zur letzten Ruhe zu betten. Bis dahin wurden deren Urnen irgendwo auf dem Friedhof ohne einen Hinweis in einem Gemeinschaftsgrab versenkt. "Die Anonymität, die sie sich gewünscht haben, bleibt auch mit dem Gedenkstein", so Professorin Katharina Spanel-Borowski, Direktorin des Instituts für Anatomie. "Aber wir bedanken uns damit für den Dienst, den diese Menschen der Medizin erwiesen haben. Und wir geben den Hinterbliebenen einen Ort, an dem sie ihre Blumen niederlegen können."

Fünfmal schon wurden an dieser Begräbnis- und Gedenkstätte Körperspender zu Grabe getragen. Dies geschieht jedes Jahr im Sommer, nachdem die etwa 420 Medizin-Studenten des zweiten Semesters ihren Präparierkurs abgeschlossen haben. Zuvor haben sich die künftigen Ärzte während einer Gedenkfeier in der Petrikirche von jenen Menschen verabschiedet, die ihnen einige Wochen lang ihren toten Leib anvertraut hatten.

Insgesamt hat das Institut für Anatomie der Universität Leipzig über 8.000 testamentarische Bereitschaftserklärungen von potentiellen Körperspendern vorliegen. "Die Motive der Menschen, die sich in meinem Sekretariat melden, sind sehr unterschiedlich. Viele sind einsam oder mittellos und wollen auf diesem Wege die Kosten für eine Beisetzung sparen. Andere wiederum suchen eine Möglichkeit, noch nach den Tode nützlich zu sein oder sich für die Mühen der Ärzte zu bedanken. Geld bekommt übrigens keiner für diesen Entschluss." Alles wird schriftlich vereinbart und hinterlegt. Wenn die Hinterbliebenen den Wunsch nicht akzeptieren, zählt dennoch allein der Wille des Verstorbenen. Andererseits darf ein Toter, der keinen solchen Vertrag mit der Anatomie abgeschlossen hat, auch dann nicht angetastet werden, wenn dessen Familie glaubt, er hätte der Wissenschaft diesen Dienst gern erwiesen.

"Glücklicherweise können wir immer auf genügend Körperspenden zurückgreifen", so Professorin Spanel-Borowski. "Weil die Studenten im zweiten Semester ja zuerst einmal den Aufbau des gesunden menschlichen Körpers kennen lernen sollen, sind dies Tote, die nicht an schweren Erkrankungen gestorben sind, die beispielsweise keine tiefgreifenden Operationen, gefährliche Infektionen oder Krebs hinter sich haben. Solche Dinge werden später in der Pathologie gelehrt. Junge Menschen allerdings - auch die kommen mit dem Wunsch Körperspender zu sein - schicke ich aus ethischen Gründen wieder weg. Wenn ich jedoch spüre, dass ihr Bedürfnis zu helfen ganz stark ist, mache ich sie auf die Möglichkeit der Organspende aufmerksam."

Jährlich werden rund 40 Verstorbene für die Anatomie-Ausbildung bereitgestellt, indem die natürlichen Verwesungsprozesse durch verschiedene Chemikalien und durch Kühlung gestoppt werden. Dann arbeiten sich die Studenten in Gruppen Organ für Organ durch die Anatomie "ihres" Toten. Am Ende der Studien wird der wieder vollständige Leichnam in den Sarg gebettet, in dem er vor der Beisetzung an der Gedenkstätte des Instituts für Anatomie im Krematorium des Südfriedhofs eingeäschert wird.

"Für die meisten der jungen Leute ist dies die erste Annäherung an den Tod, an die Endlichkeit des Lebens. Deshalb herrscht am Anfang des Präparierkurses eine angespannte, fast weihevolle Stimmung. Sie weicht im Laufe der Tage mit intensiver Arbeitsatmosphäre, was ich für gut halte", so die erfahrene Anatomie-Professorin. Dem in einigen Ländern, so unter anderem den USA und Großbritannien, spürbaren Trend zur Anatomie-Ausbildung per CD-ROM stimmt die Professorin nur verhalten zu. "Zugegeben, wir würden allein für die Bestattung unserer Spender jährlich rund 50.000 Euro sparen. Aber auf allen Abbildungen, auch den dreidimensionalen, ist die Natur idealisiert. Doch der künftige Mediziner muss ihr begegnen, so wie sie ist. Er muss das Wesen in der Variation erkennen. Er muss den Körper im wahrsten Sonne des Wortes begreifen können. Und er muss den Menschen und dass vollendete Leben unter seinen Händen spüren."

Marlis Heinz