Gott im Gehirn?

Pressemitteilung vom 10.10.2003
Unter diesem Titel beginnt am 23. Oktober 2003 eine interdisziplinäre Ringvorlesung des neugegründeten Leipziger Forums Naturwissenschaft-Philosophie-Theologie an der Universität Leipzig.

Als erste nach außen gerichtete Aktivität führt das neugegründete Leipziger Forum Naturwissenschaft-Philosophie-Theologie an der Universität Leipzig im Wintersemester 2003/04 eine Ringvorlesung unter dem Titel "Gott im Gehirn?" durch. Ziel des Forums ist die Förderung eines interdisziplinären Dialogs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften über Religion und die Erscheinungsweisen und Begründungsformen religiösen Glaubens. Leitgedanke ist, dass erst ein erweiterter Blick einzelwissenschaftlicher Forschungen auf Ergebnisse und Paradigmen unterschiedlicher empirischer und nichtempirischer Wissenschaften ein tieferes Verständnis von Religion ermöglicht. Dabei sollen auch neue Untersuchungen amerikanischer Hirnforscher zur Lokalisierung einer neuronalen Basis für religiöse Erfahrungen - international bekannt geworden unter dem Begriff Neurotheologie - in den Blick genommen werden.

Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Theologen Prof. Dr. Dietmar Mathias, Prof. Dr. Matthias Petzoldt und PD Dr. Matthias Albani, die Biochemikerin Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger, der Philosoph PD Dr. Christoph Jäger, der Physiker Prof. Dr. Konrad Kreher und der Wissenschaftshistoriker PD Dr. Rüdiger Thiele.

Den Auftakt vollzieht am 23.10.2003 die Neuropsychologin und Theologin Dr. Dr. Nina Azari vom Heyendaal Institute in Nijmegen/Niederlande. Das Thema des englisch gehaltenen Vortrags lautet: "God in the Brain? Neurotheology and the Phenomenology of Religious Experience. Ihr folgt am 13.11.2003 Dr. Christoph Jäger vom Institut für Philosophie der Universität Leipzig mit der Vorlesung "Neurotheologie - Über Sinn und Unsinn eines neuen Zweigs der Hirnforschung". Die Veranstaltungen finden donnerstags aller 14 Tage von 18:30 bis 20:00 Uhr im Neuen Senatssaal der Universität, Ritterstraße 26, statt.

Die Frage nach Gott ist eines der großen Probleme des Denkens und Glaubens. Der Begriff ist theologisch, aber er hat auch eine philosophische und letztlich auch naturwissenschaftliche Dimension. Entsprechend waren und sind die Vorstellungen in Vergangenheit und Gegenwart.

Die griechische Antike wies Gott als dem ersten Beweger, der als erste Ursache selbst unbewegt bleiben musste, einen Ort am Rande des Kosmos zu, der - ähnlich wie das Begriffspaar "bewegt-unbewegt" - in sich paradox war: nämlich außerhalb der himmlischen Sphären des Universums, aber doch mit Einfluss auf die Bewegung der Sterne. Diesem Gott "in der Höhe" stellte Descartes die unkörperliche Seele des Menschen gegenüber, und dort, wo der Mensch unpaarig ist, nämlich in der Zirbeldrüse des Hirns, wirkte nun ein "Gott in der Tiefe" - eine Vorstellung, die für den modernen Theologen Tillich ein überzeugenderes Bild als das der Höhe darstellte. Leibniz wiederum sah alles durch den Schöpfer vorbestimmt, eine prästabilierte Harmonie ließ die Welt in geplanter Weise wie ein aufgezogenes Uhrwerk ablaufen, und der Uhrmacher selbst brauchte in seinem Werk nicht mehr zu erscheinen. Pascal andererseits machte das philosophische Elend des Menschen in dessen Unvermögen aus, keinen der beiden möglichen Orte Gottes erfassen zu können: weder die unendliche Weite des Alls, noch die beständig zurückweichende Tiefe des Mikrokosmos; so müsse er in Verzweiflung zwischen beiden verharren.

Ist vielleicht die Gottesfrage nur eine Illusion, die durch unser Denken unterstellt wird? Gibt es einen Gott außerhalb unserer Vorstellungen, oder ist alles nur eine Leistung unseres Gehirns? Für den Mathematiker Leonhard Euler war es im 18. Jahrhundert ein "großes Mysterium", wie Körper und Seele verbunden sind. Amerikanische Hirnforscher, Neurologen und Radiologen wie Newberg, D'Aquili, Ramachandran geben neuerdings an, eine neuronale Basis für religiöse Erfahrungen lokalisiert zu haben. Sie glauben, mit neuronalen Verschaltungen und biochemischen Prozessen das erklären zu können, was Gläubige als transzendente Realität oder als Wirken Gottes beschreiben. Ihre Untersuchungen haben inzwischen unter dem Schlagwort "Neurotheologie" internationale Aufmerksamkeit erlangt. Dieser Problematik geht die Ringvorlesung "Gott im Gehirn?" nach, in der die Fragen aus verschiedenen Gesichtspunkten der Naturwissenschaften, der Philosophie und der Theologie erörtert und beleuchtet werden.