Der Mensch am Beginn seines Lebens

Pressemitteilung vom 23.09.2003
Zum Rahmenthema "Wissenschaft und Klinik für alle" lädt der Direktor der Universitätsfrauenklinik Leipzig, Prof. Dr. Dr. med. Michael Höckel, Schwangere, junge Eltern und alle Interessierten zur Informationsveranstaltung "Der Mensch am Beginn seines Lebens" ein. Prof. Höckel konnte renommierte Wissenschaftler der Universität Leipzig und zweier Leipziger Max-Planck-Institute gewinnen, Wissenswertes - aber der Öffentlichkeit noch Unbekanntes - aus der Welt des Ungeborenen und Neugeborenen vorzutragen.
Zeit 08. Oktober 2003, 19:00 Uhr
Ort Hörsaal der Orthopädischen Universitätsklinik Semmelweisstraße 10

"Wir möchten unseren Schwangeren, ihren Partnern und allen, die sich für den Menschen am Beginn seines Lebens interessieren, Einblicke in diese spannenden Erkenntnisse aus Wissenschaft und Klinik geben", erläutert Prof. Höckel das Anliegen seiner Veranstaltung. "Die Welt des Ungeborenen und Neugeborenen war lange Zeit rätselhaft. Erst seit kurzem gibt es die Möglichkeit, die individuelle Entwicklung des Menschen bereits im Mutterleib mit Ultraschallverfahren genau zu beobachten. Frühestgeborene haben dank des medizinischen Fortschrittes heute gute Chancen, ohne Schaden zu überleben und verraten in ihren ersten Lebenswochen und -monaten außerhalb der Gebärmutter viel über ihr Wesen. Mit neuen wissenschaftlichen Methoden zeigen Leipziger Max-Planck- und Universitäts- Forscher, dass der scheinbar einfältige Lebensstart des Menschen in Wirklichkeit äußerst vielfältig ist."

Auf unserer Veranstaltung haben wir folgende Themen für Sie aufbereitet:

1. Der Mensch nimmt seine Form an
Blick durch das Ultraschallfenster in die Gebärmutter während der Schwangerschaft
Prof. Renaldo Faber und PD Dr. Holger Stepan, Oberärzte an der Universitätsfrauenklinik, machen mit den Möglichkeiten der Ultraschalldiagnostik bekannt und gewähren einen Einblick in die Gebärmutter, um zu zeigen, wie genau der Frauenarzt das ungeborene Kind beobachten kann.
Die pränatale Ultraschalldiagnostik ist heute in der Lage, schon am Ende des ersten Drittels der Schwangerschaft, einem Zeitpunkt an dem alle Organe bereits angelegt sind, diese darzustellen, schwerwiegende Fehlbildungen auszuschließen und das Risiko einer Erbgutschädigung zu kalkulieren. Diese nahe Betrachtung des Feten ist für diesen absolut ungefährlich und kann bei Anomalien sehr frühzeitig zu einer Beratung der werdenden Eltern und entsprechenden medizinischen Maßnahmen führen. In der Mitte der Schwangerschaft ist das Ungeborene nahezu vollständig in seiner morphologischen Struktur zu untersuchen und hinsichtlich wichtiger Lebensfunktionen (z. B. Herz-/Kreislaufsystem) zu beurteilen. Darüber hinaus sind seine Erkrankungen bereits intrauterin erkennbar und behandelbar. Mit der modernen Ultraschalldiagnostik ist es heute möglich, den Gesundheitszustand des wachsenden Kindes im Uterus exakt zu überwachen und einzuschätzen.

2. Hörerlebnis
Akustische Eindrücke und ihre Wirkungen für die Entwicklung des Menschen vor und nach seiner Geburt
Prof. Dr. Angela Friederici, Direktorin des Max-Planck-Institutes für neuropsychologische Forschung, zeigt, dass auditorische Information schon im Uterus gefiltert ankommt. Dafür präsentiert sie ein Beispiel. Außerdem spricht sie über die Fähigkeit eines zwei Monate alten Babies, lange von kurzen Silben und bald danach Wörter, die auf der ersten Silbe betont werden, von solchen, die auf der zweiten Silbe betont werden, unterscheiden zu können. Das lässt sich im Gehirn der Babies nachweisen. Diese Unterscheidungsfähigkeit ist ultimative Voraussetzung für den Spracherwerb. Es erlaubt dem Baby die gehörte Äußerung nach Betonungskriterien zu segmentieren und einzelne Wörter zu erkennen Prof. Friederici erklärt auch warum das so ist: Zweisilbige Wörter im Deutschen tragen ihre Betonung auf der ersten Silbe. Hat man das erkannt, kann man den Wortanfang immer gut identifizieren. Dies ist ein erster Schritt in die Sprache.

3. Ganz schön stressig
Wie empfindet der Mensch seine Geburt und die ersten Lebensstunden?
Prof. Dr. Christoph Vogtmann, Leiter der Abteilung Neonatologie der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche, widmet sich der Hauptperson einer Geburt, dem Kind unmittelbar vor, während und nach der Entbindung. "Bei der Geburtsvorbereitung wird ganz überwiegend auf Faktoren geachtet, die das Erleben der Geburt durch die Mutter berücksichtigen. Die sich bereits im Mutterleib entwickelnde unbewusste Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit des Kindes wird dabei wenig beachtet." Prof. Vogtmann, der in seiner Abteilung auf große Erfolge bei der Betreuung von sehr kleinen Frühgeborenen verweisen kann, möchte mit seinem Vortrag gerade darauf aufmerksam machen: auf das Erleben der Geburt durch das Kind selbst.

4. Aller Anfang ist schwer - oder kinderleicht?
Neugeborene in den ersten Lebenswochen
Von den ersten Monaten an, sind die Babies motiviert, zu kommunizieren. Über ihre Forschungen auf diesem Gebiet spricht Dr. Tricia Striano, Leiterin einer Nachwuchsgruppe am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Die Kommunikationsfähigkeit der Babies verändert sich in den ersten Lebensmonaten ständig. Beginnend mit der Fähigkeit, den Gesichtsausdruck, Gesten und die Laute ihres Gegenübers zu imitieren, entwickeln Babies soziale Erwartungen auf der Ebene von Zweierbeziehungen. Vorgeführt werden dazu Videos über Neugeborene und über ein und zwei Monate alte Babies, die das belegen. Im zweiten Monat gehen die Kleinen dazu über, visuell die Mimik ihres Gegenübers zu erfassen. Sie verbringen mehr Zeit in einem Wach- und Aufmerksamkeitszustand und beginnen eine Art Vorkonversation.