Den Erwachsenen helfen, bevor ihren Kindern nicht mehr zu helfen ist

Pressemitteilung vom 11.03.2003
Am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät läuft eine Studie zu tödlicher Kindesmisshandlung und -vernachlässigung

Im zurückliegenden Jahrzehnt sind in Deutschland rund 1.000 Minderjährige durch Misshandlung oder Vernachlässigung gestorben. Bislang gibt es jedoch noch keine statistisch genauen Aussagen zu den Umständen der Tötungen. In welchem Maße hätte man durch einen geschärften Blick auf die Vorzeichen das Leben der Kinder retten können? Wissenschaftler am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig suchen nach einer Antwort.

Viele Meter lang ist die Reihe der Aktenordner in Arbeitszimmer von Dr. Ulrike Böhm, Ärztin am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Und in jedem dieser Aktenordner sind ein oder zwei grausame Schicksale dokumentiert. "Das sind alles unsere Kinder", sagt die Medizinerin beim Blick auf ihre Regale und ergänzt "Tote Kinder. Misshandelt, vernachlässigt, gestorben. Daran kann man sich nicht gewöhnen. Mit dem Aufschlagen jeder dieser Akten treten sie einem entgegen. Besonders weh tun die Fälle, in denen Vorzeichen für das drohende Unheil gegeben waren."

Solche Vorzeichen zu definieren, zu interpretieren und so die Tötung von Kindern zu verhindern, ist das Haupanliegen des Forschungsvorhabens, an dem das Team um Dr. Böhm arbeitet. "Tödliche Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung in der BRD im Zeitraum vom 3. Oktober 1990 bis zum 31. Dezember 1999" heißt diese Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Das Neue gegenüber vorangegangenen Untersuchungen ist, dass ausnahmslos alle Fälle, bei denen Menschen unter 18 Jahren eines unnatürlichen Todes starben, in die Untersuchung einbezogen werden. "Wir hoffen damit, Grauzonen zu erhellen", so Dr. Böhm. "Immerhin haben wir in Deutschland 40 rechtsmedizinische Institute. Da ist es völlig normal, dass nicht alle hundertprozentig die gleichen Entscheidungen treffen." Jetzt liegen alle Fälle auf einem einzigen Schreibtisch und an dem wird aus einheitlichem Blickwinkel differenziert: Was war Unfall mit Todesfolge? Was war Mord? Was war erweiterter, also die Kinder einbeziehender Selbstmord? Und wann waren Misshandlung und Vernachlässigung die Ursache für den Tod der Kindes?

Dazu studieren Dr. Böhm und ihre Mitstreiter nicht nur alle Obduktionsprotokolle, sondern auch die kompletten kiloschweren Akten der Justiz. Aus diesem Grunde wurden sie speziell vereidigt.

Wenn dann aus der Masse der Fälle jene herausgefiltert wurden, die dem Spektrum der Studie entsprechen, beginnt nach der Anonymisierung die statistische Kleinarbeit, weshalb dann auch ein Mathematiker des Koordinierungszentrums für klinische Studien Leipzig hinzugezogen wird. Rund 250 Items, also Einzelaspekte, werden Fall für Fall erfasst und in eine Datenbank eingegeben. Diese reichen vom Verlauf der Schwangerschaft bis zur aktuellen finanziellen Situation der Familie.

Auch wenn die endgültigen Ergebnisse erst nach dem Abschluss der Studie feststehen, sieht Dr. Böhm jetzt schon Trends, die bisherige Untersuchungen und praktische Erfahrungen bestätigen: "Tötungsdelikte dieser Art kommen in sozial benachteiligten Familien häufiger vor. Gefahr für die Kinder besteht auch, wenn die Erwachsenen Kontakt zu Drogen haben. Hieraus resultiert auch der einzige sichtbare Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Im Osten ist die illegale Droge vergleichsweise noch weniger verbreitet."

Bis Ende 2004 wird noch an der Studie gearbeitet. Dann sind vollständige Aussagen zu treffen zum Umfang von tödliche Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung, zum Anteil dieser Todesursache am Ableben von Kindern und Jugendlichen generell, zu Tendenzen und Schwerpunkten. "Wir wollen Kriterien definieren zu den Konstellationen, unter denen besondere Gefährdungspotentiale zu erwarten sind. Wir hoffen dann aus unserem Datenmaterial ableiten zu können, welche sozialen Verhältnisse, welche physischen und psychischen Krankheiten in der Familie oder welcher Kontakt zu Suchtmitteln - und welche Kombination aus all diesen Faktoren - das Risiko für die Kinder erhöht. Oder lassen Sie mich noch ein Beispiel nennen: Wir können dann beantworten, ob eine Mutter, die ihr Kind nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen bringt, überproportional gefährdet ist, ihr Kind eventuell tödlich zu misshandeln. Dies natürlich immer im Zusammenspiel mit anderen Faktoren."

Dabei soll keine "schwarze Liste" entstehen, die potentielle Täter vorbeugend an den Pranger stellt, so Dr. Böhm. "Aber Ärzte, Erzieherinnen, Lehrer oder Sozialarbeiter - sie alle brauchen ein praktikables Handwerkszeug, eine Art sensibilisierenden Indizienkatalog, um weit im Vorfeld eventueller Straftaten auf eine Familie zugehen zu können. Denn es geht vor allem um eines: den Erwachsenen zu helfen, bevor ihren Kindern nicht mehr zu helfen ist."