Der Sprint auf der Rolle

Pressemitteilung vom 17.02.2003
Wenn Kinder einen Rollstuhl brauchen, haben sie physische und psychische Schwerstarbeit zu leisten. An der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig wird geforscht, wie dies den jungen Patienten erleichtert werden kann.

Mit dem Rollstuhl zu fahren, ist nicht so einfach, wie es für Außenstehende erscheinen mag. Schon kleine Stufen können zu unüberwindlichen Hürden werden, ein paar Meter im "Rückwärtsgang" zu einer Zitterpartie. Physisch und psychisch besonders problematisch ist diese Lebenssituation für Kinder. Deshalb gründete sich 1992 die Leipziger Selbsthilfegruppe der ASbH (Arbeitsgruppe Spina bifida und Hydrocephalus). Die Eltern der Betroffenen suchten nach Partnern, um für ihre Kinder Bewegungsmöglichkeiten zu organisieren und sind fündig geworden am Institut für Rehabilitationssport, Sporttherapie und Behindertensport der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Seit 1995 gibt es die Rehabilitationssportgruppe für Kinder mit Spina bifida und ähnliche Krankheiten. Betreut werden die behinderten Sportler von den Fachleuten dieses Instituts der Universität Leipzig.
Für die sportliche Entwicklung der Kinder engagiert sich seitdem u. a. Simone Zimmermann, Diplom-Sportlehrerin und freie und Projekt-Mitarbeiterin des Instituts. Die regelmäßigen Trainingsnachmittage, an denen die jungen Leute beispielsweise Wettfahrten veranstalteten oder Basketball spielten, bildeten die Basis für spätere gezielte Untersuchungen. Im Herbst 2002 begann die noch bis November 2003 laufende Studie zum Bewegungsverhalten rollstuhlfahrender Kinder.

Für die Studie hat Simone Zimmermann aus ihrer Trainingsgruppe zwölf Mädchen und Jungs unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Behinderungsgrades herausgesucht und für dieses Projekt begeistert. Von allen wird das Bewegungsverhalten beschreiben. Die Aufgabe vor vier der Probanden ist es, mit ihrem Rollstuhl auf im Boden montierten drehbaren Walzen so zu fahren, als bewegten sie sich im Freien. Dabei hatten sie bestimmte Geschwindigkeitsvorgaben zu erfüllen: Intervalle, Ausdauerfahrten, Sprints.

Über die Rollen wurde die Geschwindigkeit gemessen, über ein Videogerät der Bewegungsablauf dokumentiert. Es handelt sich hierbei um einen Ausschnitt aus jenen Messverfahren, die sich auch schon bei körperbehinderten Athleten bewährt haben. "Zum Einstieg, haben wir den Kindern nur Markierungen an den wichtigsten Stellen der Körpers angebracht - am Ellenbogen und an der Hand beispielsweise - um ihre Art zu greifen und das Rad zu bewegen besser verfolgen und vergleichen zu können. Sie sollten sich erst einmal an die Situation gewöhnen. Wir wollten die Atmosphäre eines Wettkampfes und nicht die eines Versuchsaufbaus schaffen. Erst später haben wir sie auch 'verkabelt', um genauere Werte, u. a. die Herzfrequenz messen zu können. Was ich gern noch machen würde - aber das wird späteren Untersuchungen vorbehalten sein - ist die Treibkraft zu erfassen, welche die Kinder mit dieser oder jener Technik entwickeln."

Die Studie kann nun Aussagen treffen zu den verschiedenen Fahrstilen und deren Effektivität. Spezialprobleme wie asymmetrische Körperhaltung, einarmiges Fahren oder starkes Abbeugen des Oberkörpers wurden untersucht. "Mit dieser Arbeiten verfolgen wir mehrere Ziele," so Simone Zimmermann "Wir brauchen genaue Kenntnisse darüber, auf welche Weise Kinder sich im Rollstuhl bewegen, um es systematisch lehren zu können. Es darf nicht dem Zufall und dem Talent eines Rollstuhlfahrer überlassen bleiben, ob er mit seiner individuellen Problemstellung zurechtkommt. Deshalb möchte ich auch noch ein Video produzieren, das Familien, Lehrern oder Selbsthilfegruppen zur Verfügung gestellt werden könnte."

Eine weitere Absicht des Teams um Simone Zimmermann ist es, den Herstellern von Kinder-Rollstühlen ein optimales wissenschaftliches Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen. "Solange ein Mensch noch wächst, solange muss der Rollstuhl immer wieder neu dessen Proportionen und Bewegungsabläufen angepasst werden. Das geschieht zwar, aber sozusagen 'frei Schnauze"', erläutert die Expertin. "Es muss beispielsweise ausgeschlossen sein, dass ein Kind zu hoch sitzt und nicht nach etwas greifen kann, das auf dem Fußboden liegt, nur weil der Rollstuhl falsch eingestellt ist. Die Industrie stellt sich in der Regel zu wenige Fragen. Wir versuchen Antworten zu liefern".

Marlis Heinz