Figürchen voller Hoffen

Pressemitteilung vom 09.01.2003
Wachsvotive sind außergewöhnlicher Bestandteil der medizinhistorischen Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts

Einst legten Kranke die Figürchen auf den Altar, baten um Gesundheit oder dankten für die Heilung. In der Regel wurde das schmerzende Organ abgebildet. Die Leipziger Sammlung erzählt Krankengeschichten.
Langsam öffnet Dr. Sabine Fahrenbach eine Schublade, und die Kostbarkeiten kommen zum Vorschein. In ausgepolsterten Kästchen eingebettet liegen Wachsfiguren: Wickelkinder, eine Lunge, Brüste, Köpfe, ganze Körper...

"Das sind unsere Votive", erläutert die Leiterin der medizinhistorischen Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. "Die Figuren sind ein außergewöhnlicher Bestandteil unserer insgesamt knapp 5.000 Exponate umfassenden Sammlung, die ja eigentlich vorrangig aus medizinischen Instrumenten besteht. Diese Stücke hingegen sollten dem Leiden auf anderem Wege entgegentreten, durch Glaube und Aberglaube."

Das Wort Votiv hat seine Wurzeln im lateinischen Wort für Gelübde: votum. Der Votant ist die Person, die das Gelübde ablegt. Mit dem Votiv, das der Votant an einem Gnadenort darbringt, löst er sein Versprechen für die Allgemeinheit sichtbar ein. Er bittet damit um Genesung oder dankt für die Heilung. Auch die um die Gesundheit der Haustiere und das Fortbestehen des Besitzes wurde gebeten.

Votive sind aus den verschiedensten Materialien erschaffen: auf Holz gemalte Bilder, aus Holz, Wachs oder Metall geformte Plastiken. Wer besonders reich war, stellte schon mal sein körpergroßes Ebenbild aus Gold in die Kirche und bat nicht nur um Gesundheit im Diesseits, sondern auch gleich noch um Wohlergehen im Jenseits.

Die Votive der Leipziger Sammlung sind kleine Wachsfiguren aus dem 19. Jahrhundert und möglicherweise durch eine Reise des Institutsdirektors Karl Sudhoff in den süddeutschen Raum an das Institut gekommen. Zu fast jedem der Stücke weiß Dr. Fahrenbach eine Geschichte zu erzählen oder die Sehnsüchte des Votanten zu deuten. "Wo eindeutig Organe zu erkennen sind, also beispielsweise das Augenpaar, das Bein, die Hoden, das Herz oder die Hand, ist der Bittende an diesen Körperteilen erkrankt. Das 'Lungl', also dieses Stück aus Luftröhre und Lungenflügeln, steht stellvertretend für alle inneren Organe. Solch ein Wickelkind wie wir es haben, wurde besonders in Zeiten hoher Kindersterblichkeit auf den Altar gelegt, um das Ungeborene oder den Säugling zu schützen. Und diese mysteriöse Kröte hier verkörpert die Frauenleiden."

Einige der Kistchen, aus denen die Historikerin vorsichtig die Figürchen nimmt, sind derzeit leer. Ihr Inhalt ist ausgeliehen für die Ausstellung "Pestwurz und Knochensäge - Zur Geschichte der Medizinalbehandlung in Mitteldeutschland", die noch bis zum 28. Februar 2003 im Technischen Halloren- und Salinemuseum in Halle zu sehen ist. Solche Leihgaben und Sonderausstellungen in Museen sind - abgesehen von angemeldeten Besuchen bei Frau Dr. Fahrenbach - gegenwärtig für Besucher die einzige Gelegenheit, einen Blick in die Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts zu werfen. Doch die Sammlungsleiterin ist unermüdlich, wenn es darum geht, ihre Schätze ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Im Museum Waldenburg wird sie im Sommer 2003 gemeinsam mit dem Leipziger Optikermeister Hädicke eine Exposition zur Geschichte der Brille aufbauen. Im Herbst soll eine Ausstellung in der Galerie am Hörsaalbau an den 150. Geburtstag des Institutsbegünders Karl Sudhoff erinnern.

"Vielleicht kann man auf diesem Wege auch verhindern, dass interessante Stücke aus Krankenhauskellern oder von Praxisböden in den Müll wandern. Denn so vieles, was heutzutage nur als Gerümpel aus jüngster Vergangenheit angesehen wir, kann für einen meiner Nachfolger schon ein aussagekräftiges Exponat sein."