Miese Stimmung unterm Weihnachtsbaum ist noch lange keine Depression

Pressemitteilung vom 15.12.2004
Im Gespräch mit Prof. Michael Geyer, Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität LeipzigAlle Jahre wieder... entdecken die Medien ein mit grauen Emotionen umwobenes Wort: Weihnachts-Depression. Es folgen in der Regel jede Menge Ratschläge, wie man dem vermeintlich Unausweichlichen entgehen kann. Doch was ist wirklich dran, an diesen kalendarisch festgemachten Depressionen? Antworten gibt mit Prof. Michael Geyer der Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Leipzig

Gibt es sie tatsächlich, die Weihnachts-Depression?

Ohne Umschweife: Der Begriff ist Unsinn. Depression ist eine psychische Erkrankung, an der die Betroffenen oft monatelang leiden und die nichts mit den Festtagen im Dezember zu tun hat. Der depressive Patient kann nicht formulieren, warum er sich so niedergeschlagen fühlt. Er hat keinen Lebensmut, sieht sich seiner Antriebsstörung hilflos ausgeliefert, klagt sich an, Schuld auf sich geladen zu haben. Da ist eine schlechte Stimmung um Weihnachten herum eine ganz andere und überhaupt nicht krankhafte Sache. Die meisten dieser Art von Trübsinn geplagten Menschen können nämlich ziemlich genau sagen, worin ihr Weihnachts-Problem besteht: in der Einsamkeit, in der Langeweile, in den zu erwartenden Konflikten...

Könnte es aber nicht auch der Mangel an Tageslicht sein, der beim vielen Menschen zu Missstimmungen führt?

Forschungsergebnisse, die dies anführen, sind durchaus ernst zu nehmen. Aber man darf dieses naturgegebene Defizit nicht überbewerten - und auch nicht die Werbung von Unternehmen, die entsprechende Lampen an den Kunden bringen wollen.

Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Selbstmordrate am Jahresende über dem Jahresdurchschnitt liegt. In Sachsen bereiteten vergangenen Dezember 50 Männer (Durchschnitt 48) und 24 Frauen (Durchschnitt 16) ihrem Leben ein Ende. Spricht das nicht für einen dramatischen Monat?

Es greift zu kurz, wenn man Suizide in direkte Verbindung zu einem Festtag setzt. Ehe sich ein Mensch umbringt, ist er in der Regel längere Zeit bereits depressiv, oft ohne dass es bemerkt wird. Er macht eine lange Entwicklung durch, die dann durch bestimmte Konstellationen beschleunigt werden kann. Mitunter zieht ein einsamer und sich gescheitert fühlender Mensch zum Jahresende auch Bilanz und niemand hält ihn auf, einen Schlussstrich zu ziehen. Übringens nehmen sich die meisten Selbstmörder nicht um Weihnachten, sondern in den Frühlingsmonaten das Leben.

Wenn Sie schon den Begriff Weihnachts-Depression ablehnen, dann akzeptieren sie doch sicherlich zumindest, dass die Weihnachtsfeiertage Konfliktpotential bergen. Warum sonst haben die Scheidungs-Anwälte im Januar besonders viel zu tun?

Das liegt nicht an Weihnachten, sondern an der Tatsache, dass nie sonst im Jahr ein ganzes Volk gleichzeitig so viel Zeit und Gelegenheit hat, seiner Konflikte gewahr zu werden. Da kommen Familien einmal im Jahr zusammen und es soll plötzlich alles stimmen. Ein ähnliches Phänomen bei Paaren ist der Streit im Urlaub, nur verteilt sich das eher übers Jahr. Dass die Feiertage am Jahresende ihre ganz spezifischen Probleme in sich bergen, das bestreite ich keinesfalls. Menschen, die sich das ganze Jahr aus dem Wege gehen konnten, treffen sich ganz konzentriert an diesen Tagen, und mit ihnen prallen unterschiedliche Gewohnheiten, Ansichten und Hoffnungen aufeinander.

Wie kommt es, dass gerade in die Weihnachtsfeiertage so viele Erwartungen projiziert werden?

Einen ziemlich kritischen Blick sollte man in Richtung unserer Konsumgesellschaft werfen. Wer etwas verkaufen möchte, verknüpft dies gern mit den elementarsten Sehnsüchten der Menschen. Und eine gute Werbung manipuliert uns gnadenlos. Also der bestimmte Sekt, der das Fest erst festlich macht, der besondere Schmuck, der ewige Liebe garantiert, die bestimmte Süßigkeit, die für Gemütlichkeit und damit Geborgenheit steht. Wenn Glück und Harmonie so einfach im Supermarkt zu kaufen wären...
Und dann gibt es ja noch die andere Seite der Medaille, das Heraufbeschwören von Weihnachtsstress. Es ist irgendwie chic zu stöhnen und zu leugnen, dass man sich auf Weihnachten freut.

Was raten Sie Ihren Patienten angesichts der bevorstehenden Feiertage?

Zum einen die ganzjährige Konfliktbewältigung. Wenn es Probleme gibt, die das ganze Jahr unter den Teppich gekehrt wurden, ist die Gefahr groß, dass die Weihnachtstafel nicht so friedvoll wird, wie es in der Werbung gezeigt wird. Und außerdem lernen Patienten in der Psychotherapie ihre verborgenen Wünsche kennen, sitzen nicht so leicht unrealistischen Erwartungen auf und lassen sich nicht dort eine heile Welt vorgaukeln, wo keine ist.

Und noch eine ganz private Frage: Welche Stimmung überkommt Sie zu Weihnachten?

Ich freue mich auf ein paar ruhige und auch besinnliche Tage, die im Kreise der Großfamilie mit Kindern, Schwiegerkindern und inzwischen sechs Enkelkindern auch mal turbulent sein dürfen.

Marlis Heinz