Musik- und Sporttherapie für schwerstkranke Kinder?

Pressemitteilung vom 02.07.2004
Auf der onkologischen Station der Universitätskinderklinik wurden neue Wege gegangen und analysiert

"Überlegungen zu einem wöchentlichen sport- und musiktherapeutischen Gruppenangebot an der onkologischen Station der Universitätskinderklinik - überprüft und bewertet anhand von Beispielen" lautete der Titel einer Magisterarbeit, die kürzlich während eines Kolloquiums des Instituts für Rehabilitationssport, Sporttherapie und Behindertensport der Universität Leipzig vorgestellt wurde. Autorin der Arbeit war die Absolventin des Instituts Katja Hartmann. Betreut wurde sie von Prof. Jürgen Innenmoser, Direktor des Instituts (IRSB) an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Auf dem Video sieht alles so selbstverständlich aus: Ein paar Kinder trommeln und spielen Keyboard, lassen Wurfscheiben und bunte Tücher durch die Luft fliegen, verwandeln sich in Tiere oder Indianer, schaukeln oder hopsen. Aber nichts ist selbstverständlich. Nicht die Kinder, die sich dem Spiel hingeben und nicht die Tatsache, dass sie sich mit Musik und Bewegung beschäftigen. Und zu allerletzt ist der Ort, an dem dies alles stattfindet, selbstverständlich.

Das Video wurde auf der Krebsstation der Leipziger Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche aufgenommen. Die Akteure sind Patienten, die sich mitten in der Behandlung befinden. Einige der Kinder kommen im Rollstuhl zur Sport- und Musikstunde. Ihnen sieht man die Auswirkungen der anstrengenden Strahlen- bzw. Chemo-Therapien oder die zurückliegender Operationen an. Nicht wenige haben noch den Infusionsständer neben sich. "Dieses Herangehen ist in der deutschen Krankenhauslandschaft neu und nur möglich, weil es ein Kooperationsprojekt mit Prof. Dr. Dieter Körholz, dem Leiter der Kinderonkologie der Universitätsklinik gibt," so Prof. Dr. Jürgen Innenmoser, Direktor des Instituts für Rehabilitationssport, Sporttherapie und Behindertensport (IRSB) der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. "Versuche zur Realisierung von Sport- oder Musiktherapie gab es zwar bisher schon, aber in der Regel nicht kombiniert, nicht in der Gruppe und vor allem nicht in einer Akutklinik. Dort bleiben die Kinder bislang hauptsächlich ihren Problemen überlassen, liegen im Bett, schauen Fernsehen. Es gab also viele Fragen, wie zum Beispiel ob die schwerkranken Kinder solch eine musikalisch-sportliche Herausforderung überhaupt annehmen, ob es sinnvoll ist, dazu Gruppen zusammenzustellen und ob das Ganze in den Klinikalltag integrierbar ist."

Katja Hartmann versuchte, diese Fragen zu beantworten, indem sie mehrere Monate mit Unterstützung von Prof. Dr. Dieter Körholz von der Universitätskinderklinik, von Diplom-Sportlehrer Markus Wulftange und nicht zuletzt der Musiktherapeutin J. Kirchner-Jung vor Ort die Gegebenheiten analysierte sowie selbst Stunden organisierte und durchführte. Dass solch ein bislang außergewöhnliches Angebot nicht gänzlich problemlos in den Klinikalltag einzufügen ist, es aber durchaus angestrebt werden kann, war eine der Aussagen, die Katja Hartmann treffen konnte. "Die medizinischen Behandlungen stehen natürlich im Vordergrund, ebenso die Tatsache, dass die Kinder nur freiwillig zu Sport und Musik kommen sollen. Dennoch musste keine der geplanten Stunden ausfallen."

Dass die Schwerkranken das Angebot mit Neugier und teilweise sogar mit Freude annehmen, bewies Katja Hartmann anhand der Video-Mitschnitte: "Man kann verfolgen, wie die Kinder im Laufe der Übungen psychisch und physisch lockerer werden, wie sie beginnen, zu lächeln. Sie testen neue Bewegungen aus, konzentrieren sich viele Minuten lang auf einen Übungsablauf, nehmen zueinander Kontakt auf - sind ein bisschen mehr Kind."

"Natürlich gibt es noch Fragen, die weitere Untersuchungen nötig machen", so Innenmoser. "Beispielsweise ist noch nicht zweifelsfrei bewiesen, dass solche positiven Verhaltensänderungen im Wesentlichen auf die sport- und musiktherapeutischen Angebote zurückzuführen sind. Immerhin haben auch unterschiedliche Medikamente und vor allem die Belastung durch die akute Therapie einen großen Einfluss auf die Befindlichkeiten der Kinder." Weiterhin müsse ermittelt werden, inwieweit Angehörige, und hier insbesondere die Mütter, sinnvoll in das Spiel einbezogen werden können. Vielleicht beeinflusst deren verständliche Fürsorglichkeit die Patienten mehr als man sich wünscht.

Katja Hartmann und Prof. Jürgen Innenmoser plädieren dafür, dass derartige Studien weitergeführt und die entsprechenden Angebote im Krankenhaus verankert werden.

"Es ist nicht vermessen zu fordern, dass solche Therapiemaßnahmen neben der Physiotherapie eine feste Rolle spielen sollen. Für die Kinder bildet die Begegnung mit der Musik, mit der wieder gewonnenen Bewegung und mit Gleichaltrigen eine Oase im harten Klinikalltag, den sie über Monate und manche über Jahre durchhalten müssen", so Katja Hartmann. "Sie hilft ihnen ihre seelischen Ressourcen zu mobilisieren für den Kampf gegen den Krebs."

Marlis Heinz