Zum 100. Todestag von Wilhelm His

Pressemitteilung vom 20.04.2004
Am 1. Mai 2004 jährt sich zum 100. Male der Todestag des bedeutenden Leipziger Anatomen Wilhelm His. His zählte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den hervorragenden Wissenschaftlern und Gelehrten, die Studenten und Fachkollegen aus aller Welt nach Leipzig zogen.

Ein ehemaliger Student der Medizin schrieb rückblickend:
"In Summa beherbergte in den siebziger bis neunziger Jahren keine deutsche Fakultät eine so große Zahl führender Männer und weithin anerkannter Gelehrter wie Leipzig."

Wilhelm His wurde am 9. Juli 1831 in Basel geboren. Aus einer angesehenen Patrizierfamilie stammend, erhielt His seine medizinische Ausbildung vor allem in Berlin, Würzburg, Bern, Wien und Paris und wurde geprägt durch seine Lehrer, zu denen Rudolf Virchow gehörte. Bereits 1857 wurde His, erst 26 Jahre alt, in Basel zum ordentlichen Professor der Anatomie und Physiologie berufen.

Als His 1872 den Ruf nach Leipzig annahm, trat er die Nachfolge des bedeutenden Gelehrten Ernst Heinrich Weber an. Gleich nach dem Amtsantritt His' im Oktober 1872 konnte er das neu zu errichtende anatomische Institut ganz nach seinen Vorstellungen planen. Am 26. April 1875 wurde der Neubau eröffnet, der als mustergültig galt und anderen Institutsbauten als Vorbild diente.

His führte zahlreiche methodische Neuerungen in die Anatomie ein, so einen "Embryographen" zum Zeichnen von Schnitten auf Wachsplatten, ein verbessertes Miktotom, einen "mikrophotographischen Apparat" und nicht zuletzt die berühmten "His-Steger-Modelle" für den anatomischen Unterricht.

Neben den umfangreichen Lehrverpflichtungen und seinen Ämtern an der Fakultät (Dekan 1877/78, 1883/84, 1887/88 und 1898/99 sowie 1882 Rector magnificus) widmete er jede freie Minute der Forschung. Dabei waren seine wissenschaftlichen Interessen nicht auf einige wenige Gebiete begrenzt, und auch die Ergebnisse spezieller Forschungen versuchte er stets in die Biologie und Medizin zu integrieren. Er war, wie Werner Spalteholz im Nekrolog auf His betonte, eine "groß angelegte Gelehrtennatur durch und durch".

Von His' Arbeiten seien vor allem erwähnt die durch ihn angeregte und in großen Teilen realisierte Reform der anatomischen Nomenklatur, die zur "Baseler Nomenklatur" führte, seine Identifizierung der Gebeine von Johann Sebastian Bach samt der Rekonstruktion von dessen Skelett, Schädel und Gesichtsweichteilen (als Vorarbeiten für das durch den Bildhauer Seffner geschaffene Bach-Denkmal an der Thomaskirche), seine auf der Histogenese basierende Klassifikation der Gewebe, vor allem aber seine Forschungen auf dem Gebiet der Embryologie des Nervensystems.

Bis ans Lebensende ließ ihn dieses Gebiet nicht los, und sein letztes, 1904 erschienenes Werk trägt den Titel "Die Entwicklung des menschlichen Gehirns während der ersten Monate". Eine seiner wichtigsten Entdeckungen, die des Neuroblasten, der embryonalen Nervenzelle, hatte im Streit um die Feinstruktur des Nervensystems und um die sogenannte Neuronentheorie besondere Signifikanz.

Die Resultate der Degenerationsforschung und der Neuroembryologie führten zusammen mit den histologischen Befunden Ramón y Cajals schließlich zur Formulierung der Theorie von der Diskontinuität nervöser Elemente, der Neuronentheorie.

His hat international wesentlich zum wissenschaftlichen Renommé der Leipziger Medizinischen Fakultät beigetragen und sich erfolgreich für sein Fachgebiet eingesetzt. So war er einer der Gründer der "Anatomischen Gesellschaft", deren erste Versammlung 1887 in Leipzig stattfand, und ebenso Mitbegründer der "Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte" sowie des "Archiv für Anthropologie".

Gemeinsam mit dem Psychiater Paul Flechsig (beide als Mitglieder der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften) schlug His der Versammlung der assoziierten deutschen Akademien vor, spezielle Hirnforschungsinstitute (nach dem Vorbild der Zoologischen Station in Neapel) zu schaffen. Zur 1904 stattfindenden Generalversammlung der internationalen Assoziation der Akademien gelang es der Brain Commission, einer Vorläuferin der International Brain Research Organization (IBRO), die Arbeit "Interakademischer Hirnforschungsinstitute" (Wien, Frankfurt am Main, Budapest, Pavia, Madrid) zu koordinieren und in Amsterdam ein Zentralinstitut für Hirnforschung zu gründen.

Wilhelm His war somit eine der großen Leipziger Wissenschaftlerpersönlichkeiten, die nicht nur ihr eigentliches Fachgebiet durch zahlreiche Entdeckungen und Erkenntnisse bereicherten und sich erfolgreich in der studentischen Ausbildung engagierten, sondern weit über Universitäts- und Landesgrenzen hinaus wirkten.