Verbundprojekt sichert Versorgung von Brustkrebs-Risikofamilien

Pressemitteilung vom 17.11.2005
Genetiker der Universität Leipzig wirkten an neuem Konzept mit

Jährlich werden deutschlandweit 47.000 Frauen mit einer erschreckenden Diagnose konfrontiert: Brustkrebs. 18.000 sterben daran. Fünf bis zehn Prozent der Betroffenen müssen davon ausgehen, die Genveränderung, die das Tumorwachstum auslöste, ererbt zu haben. Um den Risikofamilien zur Seite zu stehen, baute die Deutsche Krebshilfe ein Verbundprojekt auf, das jetzt in die Regelfinanzierung der Gesetzlichen Krankenkassen übernommen wurde. Die Universität Leipzig wirkte am diesem Netzwerk mit.

Das durchschnittliche Risiko an Brustkrebs zu erkranken, beträgt rund zehn Prozent. Aber es verteilt sich nicht gleichmäßig über die gesamte Bevölkerung, sondern trifft manche Familien von Generation zu Generation wie ein Fluch. Wenn man jedoch ermittelt, welche Frauen - und in geringem Maße auch Männer - besonders gefährdet sind, kann durch eine engmaschigere Früherkennung der erhöhten Gefahr begegnet werden. Acht Jahre lang arbeiteten Mediziner in zwölf universitären Zentren Deutschlands an einem entsprechenden Früherkennungs- und Behandlungskonzept. Insgesamt wurden rund 7.000 Menschen beraten und über 3.000 Gentests gemacht.

"Hier in Leipzig waren wir seit sechs Jahren eingebunden, betreuten rund 500 Patienten und brachten diese Erfahrungen in das Verbundprojekt ein", erläutert Prof. Dr. Ursula G. Froster, Direktorin des Instituts für Humangenetik an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Nützlich für das Projekt waren zudem Leipziger Forschungsergebnisse, die sich beispielsweise den Familienkonstellationen sowie Tumorprofilen in Zusammenhang mit Genveränderungen widmeten. Untersucht wurde auch die Effektivität des Früherkennungskonzeptes. Forschungen zu regionalen Mutationen des Krebses erbrachten keine in Mitteldeutschland gehäuft auftretenden Formen.

Der vom Verbundsprojekt "Familiärer Brust- und Eierstockkrebs" festgelegte Beratungsweg beginnt damit, die besondere Gefährdung zuerst einmal zu erfassen. "Gemeinsam mit den Ratsuchenden wird deren Stammbaum über drei Generationen verfolgt", erläutert Prof. Froster. "Wenn dieser besonders viele Frauen aufweist, die unter 50 Jahren an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt sind, dann ist eine genetische Belastung anzunehmen. Vor allem in kleinen Familien werden auch andere Formen - zum Beispiel der Prostatakrebs - in das Rechenmodell einbezogen. Nur wenn sich ein erhöhtes Risiko vermuten lässt, beginnt nach der Entnahme von etwas Blut die eigentliche Untersuchung der Gene im Labor. Selbst wenn die Genanalyse eine krankheitsverursachende Genveränderung offenbart, ist das Risiko zu erkranken nicht hundertprozentig. Wir haben jedoch allen Grund, besonders aufmerksam zu sein."

Die dann greifende engmaschige Früherkennung umfasst mehrere Untersuchungsmethoden: Die Anleitung zur monatlichen Selbstkontrolle der Brust, die Tastuntersuchung durch den Arzt und die Ultraschalluntersuchung alle sechs Monate, die jährliche Mammografie und möglicherweise auch die Kernspin-Tomografie. Die meisten der gefährdeten Frauen gehen diesen Weg. Die ebenfalls angebotene prophylaktische Entfernung von Brust oder Eierstockgewebe wird hingegen von weniger als fünf Prozent in Anspruch genommen. "In unserem Institut hatten wir überhaupt noch keinen solchen Fall", so Prof. Froster. "Es wäre zudem nicht die hundertprozentig sichere Lösung, da auch das zurückbleibende Narbengewebe und mit dem Brust- oder Eierstockgewebe verwandte Organe die Gefahr einer Tumorbildung bergen."

Wie aber lebt es sich mit dem Wissen, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken? "Die meisten Frauen, die zu uns kommen, tragen schon seit Jahren und Jahrzehnten die Angst in sich. In der Regel können wir ihnen diese Last endlich nehmen. Mit der Sicherheit, dass es sich bei ihnen um eine nur zufällige Häufung von Brustkrebsfällen handelt, werden sie in die reguläre Vorsorge entlassen. Und jene, die ihre Ängste begründet sehen, werden fortan auch psychologisch betreut." Auch wenn viel mehr Frauen als nötig übersteigerte Ängste vor erblichem Brustkrebs haben, heißt das nicht, dass alle, die sich auf Grund ihrer Familiengeschichte eigentlich den Gen-Experten anvertrauen müssten, dies auch tun. "Wenn wir ausgehend von den jährlich in unserer Region auftretenden Fällen die Wahrscheinlichkeit der genetischen Ursachen und dann die Zahl der mit den Patientinnen verbundenen Familienmitglieder überschlagen", so Prof. Froster, "müssen wir annehmen, nur mit einem Fünftel der besonderes gefährdeten Frauen im Gespräch zu sein. Auch insofern ist das Bekenntnis der Kassen zum Verbundprojekt ein wichtiger Schritt."

Marlis Heinz