Wirkstoff soll Wachstum der Krebszellen stoppen

Pressemitteilung vom 20.09.2005
VW-Stiftung unterstützt Forschungsprojekt von Biochemikern an der Universität Leipzig

Mit 170.000 Euro unterstützt die VolkswagenStiftung zur Förderung von Wissenschaft und Technik ein im Sommer 2005 begonnenes und über drei Jahre laufendes Forschungsvorhaben zur Angiogenese (Blutgefäßbildung) am Institut für Organische Chemie der Fakultät für Chemie und Mineralogie der Universität Leipzig. Federführend dort ist Prof. Dr. Athanassios Giannis. Gemeinsam mit ihm forschen im Rahmen dieses Projektes Dr. Elena Conti und Dr. Carsten Schultz vom EMBL (Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie) in Heidelberg.

Für das Vorantreiben der Zellteilung in gesunden und insbesondere in Krebsgeweben wurde bereits das Protein Aurora A entscheidend verantwortlich gemacht. Der Weg zur Eindämmung von Tumorwachstum und Metastasenbildung könnte also darin bestehen, speziell dieses brisante Protein an seiner Arbeit zu hindern.

Um seinen Denkansatz zu verdeutlichen greift Giannis nach dem Modell eines Eiweißes, das aus vielen verschiedenen Aminosäuren und den Peptidverbindungen dazwischen besteht. "Das Eiweiß möchte eine bestimmte Bewegung machen, möchte Kontakte knüpfen" - dabei formt Giannis das elastische Geflecht problemlos mit beiden Händen. "Aber weil ich genau an dieser Verbindungsstelle mit meiner Faust die Beweglichkeit einschränke," - dabei umgreift er eine einzelne der Verbindungen und versteift sie dadurch - "ist das Eiweiß, also Aurora A, an seinem Tun gehindert. Auf eine bestimmte Art und Weise und an einer entscheidenden Stelle. Und solch einen Wirkstoff wie meine Faust ihn hier darstellt, den wollen wir entwickeln. Diese Forschung kann den Weg zur Entwicklung neuer Medikamente zur Krebstherapie öffnen."

Ehe das soweit ist, müssen die Leipziger Forscher noch viele Hürden nehmen. "Selbst wenn es uns gelingt, das einzelne Protein - das erzeugen übrigens die Heidelberger Kollegen - wie angestrebt in seiner Funktionsfähigkeit zu bremsen, ist noch nicht bewiesen, ob das auch auf zellulärer Ebene funktioniert, also ob der Wirkstoff die Zellmembran durchdringt und sie tatsächlich an ihrem Wachstum hindert." Um ihre als Blocker vorgesehenen chemischen Verbindungen zu testen, nehmen die Biochemiker Krebszellen, stimulieren sie im Reagenzglas mit Wachstumsfaktoren und setzten sie wenig später den Wirkstoffe aus. Wenn diese Wirkstoffe funktionieren, ist die Anzahl der unter dem Mikroskop nachzuzählenden neu entstehenden Krebszellen deutlich reduziert.

Mit den von der VolkswagenStiftung unterstützten Studien zur Hemmung der Zellteilung ergänzen die Leipziger Einweißforscher ein Anfang dieses Jahres begonnenes Projekt um einen zweiten Ansatzpunkt. Gefördert über das Marie-Curie-Programm setzten die bisherigen Forschungen zur Zellteilung vor allem bei den Motorproteinen an (sogenannte mitotische Kinesine). Diese speziellen Eiweiße sind nur bei Zellen vorhanden, die dabei sind, sich zu teilen. Bei normalen, ruhenden Zellen existieren sie nicht. Ihre Funktion besteht darin die körpereigene Verbindung ATP zu "verbrennen" wobei die Kraft zur Zellteilung geliefert wird. Fehlt den teilungswilligen Zellen die Kraft für diese Trennung, unterbleibt auch das Gewebewachstum.

Blocker der Aurora A und der mitotischen Kinesine sind auch in der Lage die Angiogenese, das heißt. die Bildung neuer Blutgefäße zu unterbinden. Diese Bildung ist nicht nur für Prozesse der Heilung wichtig, sondern spielt auch bei pathologischen Vorgängen wie Tumorwachstum und Metastasenbildung eine große Rolle. Gelänge es, diese ungewollte Neubildung zu unterbrechen, ergäben sich daraus Möglichkeiten, entstehendes Krebsgewebe im Wachstum zu stoppen und eventuell sogar auszuhungern. "Wir wollen smarte Wirkstoffe finden, welche die Lebensqualität des Patienten nur wenig beeinträchtigen", erläutert Prof. Giannis, der sowohl Mediziner als auch Chemiker ist. "Die sollten sich möglichst nur mit dem Wachstum der Krebszellen auseinandersetzen und nicht den menschlichen Organismus als Ganzes unter Druck setzen."
Die VolkswagenStiftung ist eine gemeinnützige Stiftung privaten Rechts und die größte ihrer Art in Deutschland. Sie ermöglicht Forschungsvorhaben in zukunftsträchtigen Gebieten und hilft wissenschaftlichen Institutionen bei der Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen für ihre Arbeit. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie der Zusammenarbeit von Forschern über disziplinäre und staatliche Grenzen hinweg. "Ohne die Unterstützung aus solchen Stiftungen, würden wir mit unserer Studien den bisherigen Stand keinesfalls erreicht haben", meint Prof. Giannis. "Und außerdem darf man nicht vergessen, dass so geförderte Forschung auch ein Standortfaktor ist. Ich habe allein durch die VW-Mittel zwei Doktoranden einstellen können."

Marlis Heinz