Spannendes aus der Psychiatriegeschichte

Pressemitteilung vom 09.09.2005
Zum ersten Male findet die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde (DGGN) in Leipzig statt. Der von der Universität Leipzig ausgerichtete Kongress kann mit einem sehr vielseitigen Programm - auch zur Leipziger Psychiatriegeschichte - aufwarten: Thematisch wird mit Schillers bisher wenig beachteten philosophisch-physiologischen Arbeiten zum Beispiel auf das ausgerufene Friedrich-Schiller-Jahr Bezug genommen; auch nach Spuren des Leipziger Nervenarztes Paul Julius Möbius in Thomas Manns literarischem Werk wird gesucht.Eröffnung: 15. September 2005, 18:30 Uhr
Zeit 15. September 2005 bis 17. September 2005
Ort Neues Rathaus der Stadt Leipzig
Plenarsaal / Sitzungssaal 258
Martin-Luther-Ring 4-6

"Die Leipziger Universitätspsychiatrie hat eine einzigartige, fast 200-jährige Tradition", weiß PD Dr. Holger Steinberg vom Archiv für Leipziger Psychiatriegeschichte an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, der Veranstalter der Tagung. "Daher liegt ihr Schwerpunkt auch auf der Geschichte der Psychiatrie und Neurologie in Mitteldeutschland und in Besonderheit an der Leipziger Universität." In Leipzig wurde 1811 der erste seelenheilkundliche Lehrstuhl der abendländischen Welt eingerichtet und mit Johann Christian August Heinroth besetzt. Mit dessen Lehre, die die Ursache für Seelenstörungen in vom Kranken selbst begangenen Sünden und der Befriedigung irdischer Bedürfnisse sah, beschäftigt sich der Vortrag "Johann Christian August Heinroth und seine theoretische Psychagogik und Erziehungslehre zur Vorbeugung seelischer Störungen" (PD Dr. Holger Steinberg und Sebastian Schmideler, Leipzig). Zur Geschichte der ebenfalls 1811 gegründeten psychiatrischen Anstalt Sonnenstein spricht Dr. Boris Böhm (Pirna) unter dem Titel "Die Sonne der deutschen Psychiatrie ging auf dem Sonnenstein bei Pirna in Sachsen auf".

Die Beschäftigung mit der Leipziger Universitätspsychiatrie birgt so manche Überraschung: Gegen die rein trockene Abhandlung der Wissenschaft entschieden sich etwa die renommierten Leipziger Forscher Paul Flechsig, Wilhelm His sen., Wilhelm Erb, Julius Cohnheim und Adolf von Strümpell, die sich um 1880 regelmäßig im Restaurant "Baarmann" am Markt trafen, um in feucht-fröhlicher Runde fachübergreifend zu diskutieren. Die illustre Runde ging unter dem Namen "Leipziger Nervenkränzchen" in die Psychiatriegeschichte ein.
Es stehen jedoch auch interdisziplinäre, zum Beispiel mit der Literaturwissenschaft zusammenhängende Themen auf dem Programm: So wird es im Vortrag von Prof. Dr. Hans Dieter Mennel aus Marburg um "Thomas Mann und die Psychiatrie - unter besonderer Berücksichtigung einer Leipziger Begegnung" gehen. "Ein äußerst spannendes Thema", verspricht Dr. Steinberg und verweist noch auf einen anderen Tagungsbeitrag, der sich mit dem Schriftsteller und der Psychiatrie auseinandersetzt: ""... an Allem sind bloß die Nerven schuld". Thomas Manns Frühwerk im Kontext der Schriften Paul Julius Möbius'." Hier wird von Katrin Max (Leipzig) unter anderem gezeigt, inwiefern sich Mann bei der Figurenkonzeption für seinen Schlüsselroman "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" auf die Werke des Leipziger Psychiaters Möbius stützte.

"Dass die mitteldeutsche Psychiatrie auch über ihre Grenzen hinaus ausstrahlte, sollte zudem nicht in Vergessenheit geraten", meint Tagungsleiter Dr. Steinberg und verspricht: "Es wird bei der Tagung Vorträge geben zur Etablierung der russischen Psychiatrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zum Sächsisch-Französischen Wissenschaftstransfer in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts." (Dr. Natalja Decker, Leipzig / Prof. Dr. Marina Akimenko, St. Petersburg; Dr. Luigi Grosso, Paris) Verschiedene Patientenschicksale werden genauso zur Sprache kommen wie die Probleme der DDR-Psychiatrie oder "Der Irrenhausgarten als Therapeutikum" (PD Dr. Christina Vanja, Kassel). Des Weiteren werden zwei Vorträge das Werk des großen Leipziger Philosophen und Psychologen Wilhelm Wundt behandeln (Prof. Saulo Araujo de Freitas, Juiz de Fora; Dr. David Lee, Amsterdam). Ein abwechslungsreiches und spannendes Programm erwartet also die rund hundert Wissenschaftler aus ganz Deutschland, aber auch dem Ausland. Parallel zur 15. Jahrestagung der DGGN finden außerdem die 5. Mitteldeutschen Psychiatrietage in Leipzig statt.

Und für den Abend des 16. Septembers hat sich PD Dr. Steinberg etwas ganz Besonderes ausgedacht: Das gemeinsame Abendessen in der Moritzbastei wird bereichert durch eine psychiatriehistorisch-musikalische Überraschung. "Es ist eine echte Welturaufführung", verrät der Organisator, "es werden vertonte Gedichte des ersten akademischen Psychiaters Heinroth vorgetragen, die seiner Autorenschaft aber bisher nicht zugeordnet werden konnten. Also kommt sogar noch ein echtes Forschungsresultat unseres Archivs unmittelbar zur Aufführung!"

Friederike Haupt