"Eine grandiose Mensch-Erfahrung"

Pressemitteilung vom 25.08.2005
Mediziner der Universität Leipzig engagieren sich für international arbeitende Ärzteorganisationen

Regelmäßig beteiligen sich Mediziner der Universität Leipzig an Auslandseinsätzen der verschiedenen internationalen Ärzteorganisationen. Dem Thema "Ärzte in der Dritten Welt" widmete sich deshalb eine der Fortbildungsveranstaltungen, die regelmäßig im Rahmen des Zentrums für Kindermedizin stattfinden. Unter den Referenten dieser Veranstaltung war auch Dr. Matthias K. Bernhard von der Universitätskinderklinik, der über seine Arbeit in den Slums von Dhaka in Bangladesh berichtete.

Ihr Einsatz wurde organisiert von "Ärzte für die dritte Welt". Was ist dies für eine Organisation? Und warum haben Sie sich gerade für diese entscheiden?

Das Komitee "Ärzte für die Dritte Welt" ("German Doctors") wurde 1983 vom Jesuitenpater Dr. Bernhard Ehlen gegründet. Sein Ziel ist die kontinuierliche ambulante Betreuung für Menschen in Entwicklungsländern, die keinen oder nur sehr beschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Mittlerweile bestehen acht Projekte in Indien, Bangladesh, auf den Philippinen, in Kenia und Nikaragua.

Die Organisation finanziert sich komplett durch Spenden, das Geld fließt ausschließlich in die Ambulanzen. Alle Verwaltungsarbeiten werden durch einen eigenen Förderkreis ermöglicht. Die ausländischen Mediziner nehmen kein Honorar und zahlen mindestens die Hälfte der Flugkosten selbst. In der Regel absolvieren sie einen sechswöchigen Einsatz während ihres Jahresurlaubes. Für mich ist das die beste Lösung, mich für die Menschen dort einzusetzen ohne meine Arbeit und meine Forschung hier an der Leipziger Universitätskinderklinik aufzugeben.

Was genau haben Sie in diesen sechs Wochen getan?

Ich habe mit einer Ärztin und den einheimischen Health Workern reihum in fünf Ambulanzen gearbeitet. In dem von uns betreuten Gebiet leben rund 35.000 Menschen, die sonst keinerlei medizinische Versorgung hätten. Meine Kollegin und ich haben in den sechs Wochen über 1.600 Patienten versorgt, die Hälfte davon waren Kinder und Jugendliche. Die meisten von ihnen litten an Atemwegsinfekten, aber gerade die Kleinen wurde oft auch von Wurmerkrankungen gequält.

Ist es nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, was so eine Ambulanz inmitten extremer Armut leisten kann?

Die Armut in den Slums ist tatsächlich unvorstellbar. Harte körperliche Arbeit, die hygienische Umstände in den Behausungen, das Kochen über ständig rauchendem Feuer, hohe Kinderzahlen und nicht zuletzt der Hunger zehren die Menschen aus. Aber "Ärzte für die dritte Welt" hat sich nicht nur die Behandlung der Erkrankungen zum Ziel gesetzt, sondern auch die Einflussnahme auf die Lebensumstände. Von unschätzbare Bedeutung ist die Gesundheitserziehung, die jeden Tag vor Beginn der Sprechstunde stattfindet. Außerdem leitet das Komitee den Bau von Wasserpumpen- und Latrinen und betreibt zwei Schulen mit insgesamt 1.400 Schülerinnen und Schülern, in denen es auch eine Mahlzeit gibt. Durch dieses umfassende Engagement gingen hygienebedingte Krankheiten deutlich zurück und stieg die Bereitschaft der Menschen, an staatlichen Impf- und Familienplanungsprogrammen teilzunehmen.

Was haben Sie mitgebracht aus diesen sechs außergewöhnlichen Wochen?

Natürlich zuerst einmal ganz praktische medizinische Erfahrungen. Ich habe zum Beispiel einen Lepra-Patienten behandelt, was mir hier in Leipzig vermutlich nie passieren würde. Aber vor allem hat sich meine Sicht auf die Medizin schlechthin etwas differenziert. Wir hatten dort nur rund 30 verschiedene Medikamente und wesentlich bescheidenere Diagnose-Technik. Aber mit dem Gegebenen konnten wir in Dhaka über 90 Prozent unserer Patienten helfen. Man lernt in der Beschränkung seinen gesunden Menschenverstand und seine Beobachtungsgabe intensiver zu beanspruchen. Außerdem habe ich eine grandiose Mensch-Erfahrung gemacht; die Kultur war so anders und dennoch war ich dem Hilfesuchenden so nahe, wie man es als Arzt wohl überall auf dieser Welt ist.