Blick ins Innerste des Menschen

Pressemitteilung vom 01.04.2005
Anatomische Sammlung der Universität Leipzig ist während der Museumsnacht in neuen hellen Räumen für jedermann zugänglich
Zeit 23. April 2005, 19:00 Uhr bis 24. April 2005, 01:00 Uhr
Ort Lehrsammlung
Institut für Anatomie
Liebigstraße 13

Wenn am 23. April 41 Museen und Sammlungen Leipzigs zur Museumsnacht einladen, öffnen auch Einrichtungen der Universität Leipzig ihre Tore. Zu denen, die der Öffentlichkeit ansonsten verschlossen sind und die damit einen einmaligen Einblick gewähren, zählt die anatomische Lehrsammlung des Instituts für Anatomie in der Liebigstraße. Anlass für eine Stippvisite im Vorfeld.

"Zum Thema der diesjährigen Museumsnacht, also zu 'Licht' werden wir zwar nichts Spezielles vorbereiten", so Christine Feja, die Kustodin der Sammlung. "Doch immerhin: Wir begrüßen unsere Gäste nach zweijähriger Umbauzeit - und Museumsnacht-Pause - in neuen, hellen Räumen. Und wir haben Einiges zum Auge ausgestellt. Aber auch das ist, ehrlich gesagt, kein Spezial-Exponat. Die Sammlung wird den Gästen genauso so gegenübertreten, wie unsere Studenten sie tagtäglich nutzen. Aber ich habe keine Bedenken, dass wir deshalb zu wenige Besucher haben. Vor unserer Sanierung kamen in der letzten Museumsnacht rund 3.000 Neugierige zu uns."

Bei solche einem Ansturm wird es keine Gruppen-Führungen geben; für die Beantwortung von Fragen stehen hingegen genügend Experten parat. "Es ist manchmal erstaunlich, was man inmitten dieses für uns ja einmaligen Trubels alles erleben kann. Da sind Mediziner, die sich an ihre Studienzeit erinnern möchten; Laien, die alles ganz genau wissen wollen; junge Leute, die nachdenklich vor den präparierten winzigen Föten stehen", erzählt Christine Feja von früheren Museumsnächten.

Der Aufbau der Sammlung begann am Leipziger Institut sehr früh. Unter dem Direktorat von Wilhelm His, 1872 bis 1904 wurden viele Präparate hergestellt. Die meisten dieser Kostbarkeiten fielen 1943 den Bomben zum Opfer, die wenigen geretteten sind noch heute zu betrachten, so Aufhellungspräparate von Prof. Spalteholz. Sie wurden mit neuen Objekten, Modellen, Zeichnungen und Erklärungen ergänzt.

Viele der Ausstellungsstücke, die besonders Laien beeindrucken, also vor allem Präparate echter Organe oder tot geborener Embryonen, sind oft schon sehr alt. Sie stammen aus Zeiten, da man ein anderes Verständnis zum Umgang mit Verstorbenen hatte. "Heute zählen solche Exponate natürlich zu unseren Kostbarkeiten und wir sind froh sie zu haben", erläutert die Kustodin. "Trotzdem ist bei uns falsch, wer mit einer gewissen Sensationslust kommt und spektakuläre Ganzkörperpräparationen erwartet. Aufgebaut ist das, was der künftige Mediziner für sein Studium braucht." Gegliedert ist die Ausstellung in die Themen Embryologie, Bewegungssystem, Verdauungssystem, Urogenitalsystem, Auge und Ohr, Kopf und Zentrales Nervensystem.

Zusätzliche Aspekte, unter denen die 250 Exponate aus dem rund 1.000 Stück umfassenden Fundus ausgewählt wurden, ist die Vorstellung verschiedener Präparationstechniken und deren Entwicklung in der Medizingeschichte. So fertigte His gemeinsam mit dem Leipziger Bildhauer Steger Gipsabgüsse anatomischer Regionen des Menschen. Sie bestechen noch heute durch ihre naturgetreue Coloration. In dieser Zeit entstanden auch die beeindruckenden Aufhellungspräparate, bei denen durch chemische Behandlung das organische Gewebe nahezu durchsichtig ist und so der Blick auf darunter liegende Organe möglich. Eine andere Vitrine zeigt drei Schädelfragmente mit aufmodellierten Muskeln, Nerven und Gefäßen, die durch ihre hohe Präzision bestechen. Sie stammen aus dem Pariser Atelier Tramond und wurden um die Jahrhundertwende erworben. In der Universität hergestellte Präparate und Serien plastinierter Körperscheiben sowie Stückplastinate repräsentieren die Traditionslinie klassischer Methoden der Visualisierung hin zu modernen Techniken.

Eine weitere - während der Museumsnacht allerdings verschlossene - Kostbarkeit des Instituts ist die Schädelsammlung. Sie geht zurück auf den Arzt und Anthropologen Emil Schmidt, der die Schädel im 19. Jahrhundert bei Reisen in aller Welt fand und nach Leipzig brachte. Sie umfasst 1.068 Schädel von fünf Kontinenten, 135 Mumienköpfe, 60 vorgeschichtliche Schädelabgüsse und 170 Schädel und Gipsabgüsse der Carl-Carus-Sammlung.

Marlis Heinz