Wann darf der Patient "aus dem Bauch heraus" entscheiden?

Pressemitteilung vom 10.11.2006
Leipziger Mediziner erhielt Graduierten-Stipendium der Novartis-Stiftung

Ein Graduierten-Stipendium der Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung erhielt kürzlich PD Dr. med. Niels Teich, Oberarzt an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II -Abteilung Gastroenterologie und Hepatologie- der Universität Leipzig. Der Internist erforscht, ob sich die Therapie der milden Bauchspeicheldrüsenentzündung ändern sollte.

Die akute Bauchspeicheldrüsenentzündung kann tödlich enden: Der Körper gerät unter Schock, der Kreislauf versagt. Dann besteht große Lebensgefahr. Allerdings unterscheiden Mediziner zwischen dieser bedrohlichen, aber seltenen und der wesentlich häufigeren leichten Form der "Pankreatitis". Ob in der Therapie der milden Form die rasche Umstellung von künstlicher auf "normale" Ernährung Komplikationen vermeiden kann, will Dr. Niels Teich in einer Studie klären.

Egal ob leichte und schwere Variante: Pankreatitis- Patienten leiden unter heftigen Schmerzen im Oberbauch, die oft in Schulter oder Rücken ausstrahlen. Ihnen ist übel, sie erbrechen, entwickeln einen Darmstillstand und verlieren große Mengen Flüssigkeit in den Bauchraum. Eine Ultraschall-Untersuchung und die Bestimmung eines bestimmten Enzymwerts führen meist zur Diagnose. Dann gab es bis vor kurzem nur eines: Nulldiät und Stopp jeglicher Ernährung, um das entzündete Organ zu schonen. Die einzige Alternative war eine künstliche Ernährung über das Blut.

"Früher haben wir oft zwei bis drei Wochen lang künstlich ernährt", erklärt der Stiftungsstipendiat. Dann aber deuteten klinische Studien mit schwerkranken Patienten an, dass sich umso weniger Komplikationen entwickelten, je rascher von der zentralvenösen auf die Ernährung über eine Darm-Sonde umgestellt wurden. Denn "die Darmschleimhaut ernährt sich von innen", sagt Niels Teich. Sonst wird sie binnen weniger Tage wesentlich flacher. Das kann zusätzliche Probleme heraufbeschwören. Denn über die immer dünnere Schleimhaut können Bakterien in das Blut und die ohnehin angeschlagene Bauchspeicheldrüse einwandern und das dortige Gewebe weiter zerstören.

Bei einer eindeutig schweren Pankreatitis haben mehrere klinische Studien diese Resultate bestätigt. "Hier stellen wir so schnell wir möglich, meist schon nach 1 bis 2 Tagen, von intravenöser auf die Ernährung über eine Dünndarmsonde um", erklärt Niels Teich. Dadurch sinkt die Zahl der Infektionen und der erforderlichen Operationen. Zudem können die Patienten rascher aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Nicht entschieden hingegen ist die Lage für die häufigere milde Form der Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die Frage: Verhindert ein rascher Wiederbeginn der normalen Ernährung auch in diesen Fällen Schmerzen und Komplikationen und trägt dies zu einem kürzeren Krankenhausaufenthalt bei? Klarheit soll eine neue prospektive randomisierte Studie mit 250 Patienten bringen, an der bislang acht deutsche Zentren beteiligt sind - unter Leitung der Medizinischen Klinik und Poliklinik II der Leipziger Universität. Bei einer Gruppe der Patienten beginnt erst dann der Kostaufbau, wenn sich die Bauchspeicheldrüsenwerte weitgehend normalisiert haben. In der anderen Studiengruppe entscheiden die Patienten selbst, wann sie wieder feste Nahrung zu sich nehmen wollen. Erste Ergebnisse erwartet Niels Teich im Jahr 2007. Dann könnte feststehen, ob "schneller und selbstbestimmt wieder essen" auch "schneller und reibungsloser genesen" bedeutet.

Der mit 8.000 Euro dotierte Preis wird von der Novartis - Stiftung jeweils für drei Jahre einer medizinischen Fakultät Deutschlands zur Verfügung gestellt. Deren Fakultätsrat entscheidet dann über die Vergabe. Niels Teich erhielt ihn zunächst projektunabhängig aufgrund seiner Publikationsleistung der letzten Jahre verliehen. "Das Preisgeld werde ich zur Schaffung der EDV-Voraussetzung für die Studienauswertung verwenden.", plant Teich. "Außerdem will ich damit einen Studienassistenten finanzieren sowie den Besuch von Fachkongressen, auf denen die Studie vorgestellt werden kann."

"Ich freue mich über die Unterstützung für die Untersuchung dieser wichtigen Fragestellung," so Prof. Dr. Joachim Mössner, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II. "Besonders deshalb, weil die Ergebnisse dieser Studie nun direkt im klinischen Alltag umgesetzt werden können."

Die Novartis-Stiftung ist eine unabhängige Stiftung mit über 25-jähriger Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit. Als ihr wichtigstes Ziel nennt die Stiftung die nachhaltige und signifikante Verbesserung der Gesundheit armer Menschen und ein nachhaltiges Engagement der pharmazeutischen Industrie im Kampf gegen Armutskrankheiten.

Marlis Heinz